United-Star Paul Scholes: Schattenmann mit Kunstschuss - DER SPIEGEL
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Paul Scholes: Triumphe in Rot

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United-Star Paul Scholes Schattenmann mit Kunstschuss

Bayern trifft im Champions-League-Viertelfinale auf Manchester United - die Münchner sollten vor allem auf Paul Scholes achten. Denn der stille Mittelfeldstar kann an guten Tagen die Partie entscheiden. Dabei hasst er eigentlich das Leben als Fußballer.
Von Frieder Schilling
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als David Beckham noch für Manchester United spielte, hatte Paul Scholes keine Probleme: "Bevor ich aus der Kabine gehe", sagte der rothaarige Mittelfeldspieler damals, "schaue ich immer, ob David schon draußen steht. Und wenn sich die Reporter und Fans auf ihn gestürzt haben, husche ich schnell vorbei." Heute muss Wayne Rooney Beckhams Job als Manndecker übernehmen - oder ein anderer populärer Mitspieler. Scholes ist es egal. Wichtig ist nur, dass er verschont bleibt von Mikrofonen und Kameras.

Öffentliche Auftritte abseits des Rasens waren schon immer eine Tortur für den 35-Jährigen. Scholes beschränkt sich auf das Wesentliche, auf sein Spiel auf der großen Bühne des "Theaters der Träume", wie das Old-Trafford-Stadion genannt wird. Einen Berater spart er sich denn auch. Werbeverträge interessieren ihn nicht. Das endlose Geldscheffeln überlässt er anderen. "Das einzige, was ich nach meinem Karriereende vermissen werde", sagt Scholes, "ist der Fußball. Aber nicht das Leben eines Fußballers."

Seit 1993 ist Scholes Profi, hat bislang aber ausschließlich für Manchester United gespielt, er ist ein sogenannter "one club man". 638-mal hat er das Trikot der "Red Devils" getragen, dabei 148 Tore erzielt. Das Viertelfinal-Rückspiel in der Champions League am Mittwochabend gegen Bayern München (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist sein 124. Europapokal-Auftritt. Dazu kommen 66 Länderspiele für England und 14 Treffer.

Respekt in der königlichen Kabine

Es sind aber nicht nur die Zahlen, die beeindrucken, wenn man Scholes' Karriere analysiert. Viel auffälliger ist die sportliche Anerkennung, die ihm von vielen Trainern und vor allem von Spielern entgegengebracht wird. Der frühere Nationalcoach Sven-Göran Eriksson sagte einst: "Wenn Scholes gut spielt, spielt England gut." Und der zu Real Madrid entschwundene David Beckham erzählte später, in der Kabine der Königlichen sei Scholes bei Größen wie Zinedine Zidane, Luis Figo oder Roberto Carlos der am meisten bewunderte Gegenspieler gewesen.

Auch langjährige Teamkameraden sind voll des Lobes für den oft unauffällig spielenden Scholes. Torhüter-Legende Peter Schmeichel schwärmt von dessen Übersicht: "Er hat ein Auge für den Pass, den das Spiel in diesem Moment benötigt", so der Däne, der von 1994 bis 1999 gemeinsam mit Scholes bei Manchester unter Vertrag stand. "Ich habe nie jemanden mit einer ähnlichen Fähigkeit gesehen." Für Abwehrspieler Rio Ferdinand, seit 2002 bei United, ist Scholes schlicht der beste Akteur des Teams: "Er tut unglaubliche Dinge im Training, sagt beispielsweise plötzlich, 'siehst du den Baum da drüben' - und der ist fast 40 Meter entfernt - 'ich werde ihn treffen'. Und er trifft ihn. Jeder im Club erachtet ihn als den Besten."

Schusstechnik als größte Stärke

Dabei ist Scholes nicht der große Torjäger. Während er in den frühen Jahren seiner Karriere noch rund zehn Treffer pro Saison erzielte, waren es in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt gerade mal vier - was auch damit zusammenhängt, dass United-Coach Alex Ferguson ihn mittlerweile defensiver aufstellt. Wenn Scholes dann doch mal trifft, hat er es meist seiner vielleicht größten Stärke zu verdanken: der Schusstechnik. Unvergessen sein Tor aus 25 Metern, mit dem er das Champions-League-Halbfinale 2008 gegen den FC Barcelona entschied. Die YouTube-Highlight-Videos sind voll von ähnlichen Kunststücken des 1,70 Meter kleinen Kraftpaketes.

Seine Karriere bei United begann Scholes 1991 in der legendären Jugendmannschaft gemeinsam mit David Beckham, Gary Neville, Nicky Butt und Ryan Giggs. 1992 gewann das Team den FA-Cup für Jugendliche, im September 1994 lief Scholes erstmals für die Profis auf und erzielte bei der 2:3-Niederlage gegen Ipswich Town beide Treffer. 1997 unterzeichnete er einen Siebenjahresvertrag und wurde in der folgenden Saison - da hatte er bereits seine ersten Länderspiele absolviert - Stammspieler. Mittlerweile ist Scholes neunfacher englischer Meister, dreifacher FA-Cup-Gewinner und Weltpokalsieger.

Den legendären Champions-League-Triumph 1999 gegen Bayern München musste er gelbgesperrt von der Tribüne aus erleben. Für einen wie Scholes hat er damit keine Bedeutung: "Ich betrachte mich nicht als zweifachen Champions-League-Sieger", sagt er. "Man muss im Finale spielen, damit es zählt." Neun Jahre später konnte Scholes den großen Moment endlich nachholen, stand in Moskau beim Erfolg gegen den FC Chelsea auf dem Rasen.

Seine Karriere in der Nationalmannschaft hatte Scholes da schon beendet. Im Alter von 29 Jahren hatte er 2004 beschlossen, nun mehr Zeit für seine Familie haben zu wollen. Immer wieder versuchten Englands Nationaltrainer in den folgenden Jahren, ihn umzustimmen, doch Scholes kehrte nicht zurück. Und bestätigte damit eine Aussage, die Alex Ferguson bereits in den Anfangsjahren von dessen Laufbahn gemacht hatte: Scholes habe einen "alten Kopf auf jungen Schultern", sei also reifer als die meisten anderen.

Sein Vertrag bei United läuft am Ende dieser Saison aus, Ferguson aber hat ihm bereits eine Verlängerung um ein Jahr angeboten. Sollte Scholes ihn unterschreiben, wird er weiter vor Mikrofonen fliehen müssen, aber auch weiterhin Fußball spielen dürfen. Mehr braucht er kaum. Seinen idealen Tagesablauf beschrieb er einmal folgendermaßen: "Morgens Training, dann die Kinder von der Schule abholen, mit ihnen spielen, Tee trinken, sie zu Bett bringen und ein bisschen Fernsehen gucken."