US-Diaspora: Die vergessene EM - DER SPIEGEL
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US-Diaspora Die vergessene EM

Okay, das Event heißt Europa-Meisterschaft. Aber ist das eine Begründung, warum sich jenseits des Atlantik kaum einer für dieses höchst unterhaltsame Turnier interessiert? Unser Autor weilt derzeit mit seiner Familie in Kalifornien und muss gestehen, dass selbst für ihn, sonst ein großer Fußballfan, die EM ganz weit weg ist.
Von Peter Unfried
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Santa Cruz - Mein Sohn ist drei und eigentlich ein ganz normaler Europäer, also seit der Sekunde seiner Geburt ein aufrechter Anhänger unseres schönen Fußballsports. Er liebt seine Bundesliga-Mannschaft (die "Wölfe"), die ganze erste Liga, die EM. Das ganze Programm halt. Letzte Woche aber saßen wir aus letztlich nicht nachvollziehbaren Gründen im Municipal Stadium von San Jose und schauten uns die Giants an. California League. Das ist eine kleine Profiliga, in der die Farmteams der Großen spielen. Ach so, es handelt sich um Baseball.

Mein Sohn hatte zwei Fragen.

1. "Papa, warum haben die Baseballer eigentlich so komische Hosen?" (Gute Frage. Keine Ahnung.)
2. "Papa, wie wird man eigentlich Baseballer?" (Ist doch völlig unerheblich. Wozu will er das wissen?)

Es kam dann, wie es kommen musste. Nach dem vierten Inning hatten wir die Nationalhymne gesungen, zu "YMCA" getanzt, unsere Bingo-Card fast ausgefüllt, beinahe einen ins Publikum geschlagenen Ball gefangen und etwa zehn Gutscheine für Quarterpounder bei Wendy's gewonnen. Im Spiel selbst war, nach allem, was man bei der ganzen Aufregung mitbekam, nichts passiert. Da sagte mein Sohn: "Papa, ich bin jetzt nicht mehr Fußballer, ich bin jetzt Baseballer."

Tja. Seither ist er ein Baseballer, ein "Giants" genauer gesagt. Und man muss zugeben: Es ist eine möglicherweise etwas opportunistische, aber pragmatische und nachvollziehbare Entscheidung. Man muss im Leben Prioritäten setzen. Auch mir ist es trotz jahrzehntelanger Vorbereitung nicht gelungen, mit dem Ortswechsel nach Kalifornien am Ende der ersten Turnierwoche das Interesse an Fußball und speziell an der EM am Leben zu erhalten. Das liegt nicht nur, aber auch daran, dass man in den USA schlecht an vernünftige Informationen kommt (vom Internet mal abgesehen).

Die EM mag das qualitativ hochwertigste Kompaktpaket sein, das die populärste Sportart des Planeten anzubieten hat. Es gibt aber drei entscheidende Nachteile, die nicht wegzudiskutieren sind.

1. Es handelt sich um Soccer.
2. Es spielen keine US-Amerikaner mit.
3. Daraus folgt, dass auch keine US-Amerikaner gewinnen.

Aber: Muss man den Leuten vorwerfen, dass sie sich nicht für eine Meisterschaft auf einem anderen Kontinent interessieren, in einer Sportart, die bei ihnen bestenfalls an Nummer fünf kommt, wenn überhaupt? Nein. Etwas anderes ist es, dass meines Wissens keine vernünftige US-Tageszeitung auch nur einen Korrespondenten entsandt hat, um den Leuten zumindest die Chance zu geben, sich zu informieren, zu unterhalten oder gar Feuer zu fangen. Gar nicht zu reden von populärkulturellen und gesellschaftspolitischen Aspekten dieses paneuropäischen Ereignisses.

Was könnte man sinnieren über die gewaltigen Emotionen, die offenbar nur Soccer in Europa auszulösen vermag. Oder über den wieder mal gescheiterten britischen Führungsanspruch. Oder darüber, dass Italien Europa ins Gesicht gespuckt hat. Aber selbst in der "Los Angeles Times", "USA Today" und der "New York Times" kommt die EM nur als Meldung. Meist auf der letzten Sportseite, ganz unten, und manchmal scheint es, als sei man nicht wirklich auf dem allerneuesten Stand. Zum Beispiel wurde nach dem 0:0 der Letten gegen das DFB-Team vermeldet, es handele sich um eine "der größten Sensationen aller Zeiten".

Ein paar US-amerikanische Kolumnisten sind in Wimbledon; da wird zwar auch nur Tennis geboten, aber immerhin spielen ein, zwei US-Amerikaner mit, deren Namen man schon mal gehört hat. Ansonsten beschäftigen sich Medien und Kundschaft mit richtigem Sport. Das heißt: Baseball. Immerhin hat inzwischen jedes Team die Hälfte der regulären Runde gespielt. Das heißt: Nur noch 70 Spiele, und schon wird es ernst! Was die übrigen drei der großen vier Teamsportarten (Basketball, Eishockey und Football) betrifft, so sind die alle in der Sommerpause. Aber nur ein blutiger Laie würde annehmen, dass deshalb Raum für andere Dinge sei. Täglich ist aufs Neue darüber zu spekulieren, wo der Super-Center Shaquille O'Neal denn nun hingeht, falls er die Los Angeles Lakers verlässt.

Das alles heißt nicht, dass sich gar keiner für die Fußball-EM interessieren würde. Dylan etwa interessiert sich. Er ist allerdings auch der Soccer-Experte der "San Jose Mercury News". Er interessiert sich aber nicht so sehr, dass er dafür bezahlen würde. Die EM wird nämlich ausschließlich im Pay-TV übertragen. Ein Spiel kostet ab 20 Dollar, die ganze Veranstaltung 180. Neutrale, budget-orientierte Soccer-Aficionados (die vielen Latinos in Kalifornien sowieso) warten auf die Copa Americana - die wird kostenlos übertragen.

Einige wenige Kneipen machen es so, dass sie die Spiele kaufen, aber nicht um 11.45 Uhr morgens live zeigen, sondern zeitversetzt am Abend. Das "Britannia Arms" in San Jose ist die offizielle Post-Game-Kneipe der San Jose Earthquakes, des amtierenden US-Fußballmeisters. Dort war sogar richtig Stimmung. Zum Beispiel bei: England gegen Frankreich oder England gegen Portugal. Allerdings jeweils nur bis kurz vor Schluss. Wer sich dann immer noch für den jeweiligen Sieger freute, tat gut daran, das "Britannia Arms" schnell zu verlassen.

"Im Winter bin ich für die Wölfe"

Wir, mein Sohn, drei Jahre, und ich, spielen jetzt immer Baseball in unserem Garten. Ehrlich gesagt: Es ist langweilig und führt zu nichts. Am Wochenende schleppte ich meinen Sohn deshalb zu den Earthquakes. Spitzenspiel der Major League Soccer (MLS) gegen Tabellenführer Kansas City. Es war das Übliche: Mal abgesehen von dem erstaunlich talentierten Earthquakes-Kreativspieler Landon Donovan, eine relativ bescheidene, körperlose, weitgehend dramaturgiefreie und taktisch schwer nachzuvollziehende Begegnung (1:1). Egal.

Irgendwann sagte mein Sohn: "Papa, ich bin jetzt ein Quakes." Und ich (scheinheilig): "Ich dachte, du bist ein Baseballer?" Mein Sohn: "Ja, ich bin ein Quakes und ein Giants. Und im Winter bin ich für die Wölfe." Ich weiß nicht, ob man diese Aussage in Europa in ihrer ganzen Bedeutung versteht: Es ist mehr, als ein Vater von einem auf dem nordamerikanischen Kontinent weilenden Sohn erwarten kann. Viel mehr.

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