US-Keeper Howard: Dem Schicksal ergeben
US-Keeper Howard Torwart wider Willen
Die Auszeichnung als "Man of the Match" können die meisten Fußballer bei einem so großen Turnier wie der Weltmeisterschaft nicht wirklich ernst nehmen. Denn in der Regel ist es voraussehbar, auf wen die Wahl fällt: auf denjenigen, der die meisten Tore geschossen hat. Dass ein Torhüter die Trophäe erhält, kommt eher selten vor. Vielleicht konnte sich Tim Howard auch deshalb ein Lächeln nicht verkneifen, als er nach dem Spiel gegen Portugal auf dem Interviewpodest Platz nehmen durfte. Er war der Mann des Spiels, und freute sich tatsächlich.
2:2 war die Partie ausgegangen, und der US-Keeper hatte mit starken Reflexen dazu beigetragen, dass Portugal nicht noch mehr seiner Chancen nutzen konnte. Allerdings hatte er auch mit ansehen müssen, wie Silvestre Varela 30 Sekunden vor Schluss noch zum Ausgleich traf und damit den vorzeitigen Achtelfinaleinzug der USA verhinderte. "Fußball ist manchmal grausam", sagte Howard, "es geht schnell hoch und genauso schnell wieder runter."
Man merkte ihm an, dass er darunter litt, nicht anders in das Spiel eingegriffen haben zu können, sondern in seinem Strafraum gefangen war. "Die Jungs in unserem Mittelfeld machen einen großartigen Job. Ich könnte das nicht", sagte er. Doch er würde es gern können. Eigentlich möchte Tim Howard gar kein Torhüter sein.
Vor einigen Jahren, da hatte er es bereits zum A-Nationalspieler und zu Manchester United geschafft, sagte er einmal: "Ich genieße es nie, Spiele zu spielen. Ich genieße es, die Anspannung vor dem Spiel aufzubauen, und manchmal genieße ich auch die Momente nach dem Schlusspfiff, aber eigentlich bin ich nicht gerne Torwart, das war schon immer so, und das ist auch jetzt noch so." Seine Mitspieler heben immer wieder hervor, mit welcher Ruhe und Übersicht Howard das Spiel von seinem Platz aus dirigiert. Ihm selbst ist das nicht genug. Tatenlos zusehen zu müssen und nicht zu jedem Zeitpunkt die Kontrolle zu haben, ist für den 35-Jährigen eine Qual.
Doch er hat gelernt, sich zu fügen. In seinem Highschool-Team spielte Howard zunächst im defensiven Mittelfeld, doch wegen seiner Sprungkraft und seiner fast akrobatischen Beweglichkeit stellten ihn die Trainer ins Tor. Dort machte er einen so guten Job, dass niemand mehr auf die Idee kam, Howard als Feldspieler einzusetzen - nur ihm selbst lässt dieser Gedanke bis heute keine Ruhe.
Eine Wahl hatte er damals aber nicht mehr, denn längst waren die Scouts auf den großgewachsenen Jungen aufmerksam geworden. Mit 15 Jahren spielte Howard das erste Mal in einer US-Jugendauswahl, drei Jahre später debütierte er als Profi bei den unterklassigen North Jersey Imperials. Nach nur sechs Einsätzen wurde er vom MLS-Team New York/New Jersey Metro Stars verpflichtet. Dort war er zunächst Ersatztorwart, schaffte es innerhalb von drei Saisons aber zum Stammspieler. Howard wurde zum besten Torhüter der Liga gewählt, machte 2002 sein erstes Spiel für die Nationalmannschaft und wechselte auf Wunsch von Sir Alex Ferguson zu Manchester United.
Er verdrängte den Weltmeister und einstigen Welttorhüter Fabien Barthez aus dem Tor, doch nach einer guten ersten Saison lief es in der folgenden Spielzeit zunächst weder für ihn noch für Manchester besonders gut. Howard verlor seinen Stammplatz. Als Manchester Edwin van der Sar holte, ließ Howard sich an den FC Everton ausleihen. Dort spielt er bis heute und verrichtet stoisch seinen Job.
Außerordentliche Leidensfähigkeit
Man kann sich fragen, warum Howard nie Versuche unternommen hat, zu einem Klub mit größeren Erfolgschancen zu wechseln, die Antwort darauf ist jedoch einfach: Bei Everton wird er menschlich geschätzt, seine Leistung anerkannt. "Er ist ein großartiger Typ und Leader, jeder respektiert ihn", sagt der Everton-Trainer und ESPN-Experte Roberto Martinez.
Nie würde er klagen oder jammern, Howard sei mit einer außerordentlichen Leidensfähigkeit versehen. 2007 spielte er in einem Länderspiel gegen Brasilien mit einem ausgerenkten Finger, 2013 im FA-Cup mit zwei gebrochenen Knochen im Rücken. Ob das nicht jeder bei einem wichtigen Spiel tun würde, fragte er damals.
Howard hat früh gelernt, sich gegen körperliche Probleme zur Wehr zu setzen oder sie nach Möglichkeit sogar zu ignorieren. So wurde bei ihm in der sechsten Klasse eine leichte Form des Tourette-Syndroms festgestellt, einer Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der der Betroffene unter motorischen und sprachlichen Ticks leidet. Anfangs schämte sich Howard dafür, doch der Erfolg im Fußball machte es ihm leichter, offen mit seinem Problem umzugehen.
Die Krankheit hat ihn gelehrt, das Schicksal anzunehmen und zu versuchen, das Bestmögliche daraus zu machen. Er wolle zeigen, dass so etwas keinen davon abhalten solle, "seine Träume zu verwirklichen", sagt er. Das weiß US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann zu schätzen, für den Howard auch im Gruppenspiel gegen Deutschland (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) eine der wichtigsten Stützen in seinem Team ist. Wenngleich der vor der WM aussortierte Landon Donovan der große Name im US-Fußball ist, verfügt Howard über mehr Erfahrung - vor allem im europäischen Fußball, was für Klinsmann sehr wichtig ist.
Ein Star ist Tim Howard trotzdem nicht, und ihm ist es sehr recht so. Das könnte sich bei dieser WM noch ändern.