US-Trainer Klinsmann: Der Dauer-Revoluzzer - DER SPIEGEL
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Klinsmanns Karriere: Stuttgart, Bayern, USA

Foto: Andrew Gombert/ dpa

US-Trainer Klinsmann Der Dauer-Revoluzzer

Alles neu bei den US-Fußballern: Seit Jürgen Klinsmann die amerikanische Nationalelf trainiert, müssen die Spieler schneller laufen und Bioprodukte essen. Der Deutsche setzt auf Profis aus seiner Heimat - bislang ohne Erfolg. Schon nach wenigen Monaten gibt es Kritik am Ex-Bundestrainer.
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Er krempelt den Laden komplett um. Mal wieder. Neue Spieler, neue Trainingsmethoden, neue Ernährung: Mit Jürgen Klinsmann als Trainer der amerikanischen Fußball-Nationalmannschaft hat in den USA eine neue Zeitrechnung begonnen. Nicht wegen der Ergebnisse, denn das Team kassiert nach wie vor eher Pleiten, als dass es Siege feiert. Aber das soll sich nach den Vorstellungen Klinsmanns irgendwann ändern.

"Man hat erkannt, dass man neue Wege gehen muss", sagt Klinsmann. Ende Juli dieses Jahres war er verpflichtet worden, als Nachfolger für Bob Bradley. "Ich sehe diesen Job als große Gelegenheit, die Mannschaft näher an die Top 15 der Welt heranzubringen. Ich kann es schaffen, habe das Wissen und das nötige Netzwerk an Leuten."

Die guten Verbindungen haben dazu geführt, dass in den US-amerikanischen Medien mittlerweile von einer "Germanisierung" des Teams die Rede ist. Klinsmann hat in seiner kurzen Amtszeit Timothy Chandler (1. FC Nürnberg), Alfredo Morales (Hertha BSC), sowie Danny Williams und Fabian Johnson (beide 1899 Hoffenheim) zu Nationalspielern gemacht. Sie alle haben einen deutschen und einen amerikanischen Pass, wurden bei deutschen Clubs ausgebildet. Ebenso wie Jermaine Jones (FC Schalke 04), der schon vor der Klinsmann-Ära für das US-Team aktiv war. Zudem holte Klinsmann den früheren österreichischen Bundesliga-Profi Andreas Herzog als Co-Trainer.

US-Spieler bei deutschen Clubs im Training

"Die wachsende Präsenz von deutsch-amerikanischen Spielern ist etwas Besonderes, schon wegen ihrer Anzahl", schrieb die "New York Times". Deren Fußballreporter Jack Bell spricht von "Germamericans" - und die lernen seit wenigen Monaten die Methoden ihres deutschen Trainers kennen.

Klinsmann will der Mannschaft ein höheres Spieltempo verordnen. Vor allem die Profis aus der heimischen Major League Soccer (MLS) sind eine derartige Intensität nicht gewohnt. "Wir ziehen sie heraus aus ihrer Gewohnheit, lassen einen höheren Rhythmus fahren", sagt Klinsmann. Was für die Spieler aus Deutschland nichts Ungewöhnliches ist, müssen ihre neuen Teamkollegen erst noch lernen. Daher hat Klinsmann sie in der MLS-Pause zu europäischen Clubs geschickt. So trainiert etwa Juan Agudelo (New York Red Bulls) beim VfB Stuttgart mit. Robbie Rogers (Columbus Crew) und Kyle Beckerman (Real Salt Lake City) nehmen an den Übungseinheiten des 1. FC Kaiserslautern teil.

Mittlerweile haben die US-Spieler einen Eindruck davon bekommen, wie das Konzept ihres neuen Coachs aussieht. Er will offensiven, auf Eigeninitiative angelegten Fußball spielen lassen. Und er will Akteure, die bereit sind, "die Extrameile zu laufen", die Fußball nicht nur als ihren Job, sondern als ihr Leben ansehen. Dazu gehört auch die richtige Ernährung. Klinsmann setzt auf Bioprodukte. "Ich möchte nicht anders sein als andere. Ich will lediglich ständig offen sein für Dinge, die dich womöglich weiterbringen. Mein Ziel ist es, ein bestimmtes Umfeld zu verbessern", sagt Klinsmann.

Beim FC Bayern hatte das revolutionäre Konzept keinen Erfolg

In den USA beobachtet man interessiert, wie der Deutsche mit revolutionärem Ansatz arbeitet. So, wie er es schon bei der deutschen Nationalmannschaft getan hat, als er 2004 Nachfolger von Rudi Völler als Bundestrainer wurde. Damals löste Klinsmann mit seinen neuen Trainingsansätzen, für die er Extra-Coaches aus den USA holte, großes Aufsehen aus. Der Erfolg gab ihm recht, zwei Jahre später verabschiedete sich Klinsmann mit dem dritten Platz bei der WM im eigenen Land als Bundestrainer.

2008 heuerte der frühere Stürmer beim FC Bayern München an. Wieder trat er als Revolutionär auf, dieses Mal aber ohne Erfolg. Er wollte das Team taktisch variabler machen, forderte von seinen Spielern mehr Eigenverantwortung, ließ Buddha-Figuren am Trainingszentrum aufstellen. Doch die Bayern-Bosse hatten keine Geduld mit dem Umkrempler Klinsmann. Nach nur zehn Monaten wurde er gefeuert. "Sie haben mir gesagt, dass sie es nicht so progressiv wollen, sondern eher traditionell", sagt Klinsmann über Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Co.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bekommt Klinsmann nun wieder die Chance, seine Ideen in die Tat umzusetzen. Dafür gewähren ihm die Verbandsbosse alle Freiheiten. Den US-Fußball sieht der Trainer als "Roh-Diamanten", den er schleifen wolle. Dass die Resultate bislang sehr bescheiden waren und die USA nur zwei von sieben Partien gewonnen haben (1:0 gegen Honduras und 3:2 gegen Slowenien), stört Klinsmann nicht. Fast schon stoisch betont er nach jedem Spiel, ihm seien die Ergebnisse "egal", wichtiger sei ihm, wie sich die Mannschaft entwickelt und die neuen Aufgaben annimmt.

Das sieht allerdings nicht jeder so. "So etwas würde in keinem anderen Fußball-Land akzeptiert werden", echauffierte sich Eric Wynalda über Klinsmanns Haltung. Der einstige Bundesliga-Profi hatte den Coach bei dessen Amtsantritt noch als "perfekten Griff" bezeichnet, gehört mittlerweile jedoch zu seinen größten Kritikern. "Wir haben daheim kein Tor gegen Costa Rica und Ecuador erzielt, und jeder sagt, das ist okay. Aber es ist absolut nicht okay. Wir haben Probleme - nicht mit unseren Fähigkeiten, sondern mit unserer Mentalität", ätzte Wynalda.

Der US-Coach zeigt sich davon unbeeindruckt. Nach der Niederlage gegen Frankreich im November, der vierten 0:1-Pleite unter dem deutschen Trainer, sagte Klinsmann: "Wir wollen das Team voranbringen und eines Tages auf einem Niveau wie Frankreich spielen."