Van-der-Vaart-Interview: "Es wird ein Junge" - DER SPIEGEL
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Van-der-Vaart-Interview "Es wird ein Junge"

Kaum ein Spielmacher ist so torgefährlich wie Rafael van der Vaart vom Bundesliga-Zweiten Hamburger SV. Im Interview spricht der Niederländer über seine fußballerischen Instinkte, Ehefrau Sylvie und die bevorstehende Geburt des ersten Kindes.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage: Herr van der Vaart, Sie haben im UI-Cup ein fantastisches Tor mit geschlossenen Augen geschossen. Spüren Sie, wenn etwas Besonderes passiert?

Van der Vaart: Das nicht. Aber du darfst auch nicht viel nachdenken. Wenn du das tust, ist es zum Schießen zu spät. Wenn ich die Tore sehe, die ich gemacht habe, da habe ich nicht nachgedacht, nur geschossen. Und ein paar Monate ging alles rein, unglaublich. Ich bekomme den Ball und weiß, da ist das Tor.

Frage: Sie müssen nicht schauen, wo genau Sie hinschießen wollen?

Van der Vaart: Ich habe das Gefühl, da ungefähr ist das Tor, dann schieße ich. Wenn der Ball den Fuß verlässt, spüre ich, ob der Schuss für ein Tor reicht oder nicht.

Frage: Sie treffen oft aus der Distanz. Üben Sie das speziell?

Van der Vaart: Freistöße trainiere ich, das gibt mir ein gutes Gefühl. Dann bin ich auch torgefährlicher aus 20 Metern.

Frage: Wie kann man sich ein solches Ballgefühl antrainieren?

Van der Vaart: Ich habe als kleines Kind mit meinem Vater trainiert, ich wohnte damals auf einem Campingplatz. Wenn mein Vater von der Arbeit kam – er hat in einer Waagenfabrik gearbeitet – dann hat er immer zwei Flaschen Bier getrunken. Danach sind wir nach draußen gegangen und haben die beiden Flaschen aufgestellt, vielleicht 30 Meter entfernt. Dann habe ich versucht, die Flaschen umzuschießen. So habe ich das immer gemacht. Es hat mir offenbar geholfen.

Frage: Ihr Vater war fußballinteressiert.

Van der Vaart: Ja, er hat gut gespielt, aber er hatte nicht die Mentalität für einen großen Verein. Mein kleiner Bruder Fernando spielt auch auf einem hohen Niveau. Aber wenn du in einem professionellen Club spielst, dann geht es nicht allein um Talent. Dann geht es auch um den Kopf: Ich will nicht mit den Freunden in die Diskothek gehen.

Frage: Ist Ihnen das schwer gefallen?

Van der Vaart: Nein, mir nicht. Ich wusste, das hat auch mein Vater immer wieder gesagt, dass ich so viel Talent habe, dass ich alles geben muss.

Frage: Wo stehen Sie in Ihrer Entwicklung? Uli Hoeneß hält Sie für einen guten Spieler, aber Sie hätten noch kein internationales Format. Woran müssen Sie arbeiten?

Van der Vaart: Vielleicht mein rechtes Bein, vielleicht muss ich meinen Körper etwas stärker machen. Aber ich stehe erst am Anfang meiner Karriere, ich bin 23. Ich glaube, wenn ich 26 bin, dann muss ich bei 100 Prozent sein.

Frage: Aber Sie sind zufrieden, wie es bisher gelaufen ist.

Van der Vaart: Natürlich! Ich bin 23, ich habe 35 Länderspiele mit sechs Toren gemacht, in Holland über 50 Tore, das ist ein Traum. Aber Zidane oder Ronaldinho, das sind Spieler, die sind so gut.

Frage: Wollen Sie werden wie Zidane?

Van der Vaart: Er ist mein Favorit. Wenn er spielt, sieht alles so einfach aus, das mag ich.

Frage: Ist Deutschland die richtige Station zu einer Weltkarriere? In Holland waren viele überrascht, dass Sie nach Hamburg gegangen sind.

Van der Vaart: Alle!

Frage: Der HSV hat Ihnen auch die schönen Seiten Hamburgs gezeigt, um Sie zu überzeugen.

Van der Vaart: Sie haben Sylvie die Stadt gezeigt, ich habe mir das Spiel gegen Gladbach angeschaut. Wenn die Leute in Holland Hamburg sagen, denken sie an eine regnerische Stadt. Aber als ich herkam, war es eine Superstadt. Ich habe mich sofort in unser Stadion verliebt.

Frage: Und wer hat die Wohnung eingerichtet?

Van der Vaart: Meine Frau guckt immer auf solche Sachen, dass die Decken hoch genug sind, damit unsere Schränke reinpassen. Dazu habe ich keine Lust. Ich habe gesagt, mach es ein bisschen schön, mit einem guten Fernseher. Das ist wichtig für mich, um Fußballspiele gucken zu können. Meine Frau ist mehr zu Hause als ich, sie muss sich wohl fühlen.

Frage: Ihre Mutter ist Spanierin. Können Sie sich vorstellen, dort zu spielen?

Van der Vaart: Einmal in Spanien Fußball zu spielen ist ein Traum von mir. Aber dann würde ich nur in eine Topmannschaft wollen. Aber ich will hier alles für den HSV geben.

Frage: Sprechen Sie Spanisch?

Van der Vaart: Ich verstehe ganz viel, sprechen tue ich nicht so viel. Als ich klein war, konnte ich es besser. Aber wenn man zwei Monate da ist, geht es wieder. Meine Familie wohnt noch da, Großvater, Großmutter, in der Nähe von Cádiz. Wir fahren jedes Jahr dahin.

Frage: Holland ist überall für Toleranz und Liberalität bekannt. Wie kommt es da, dass es im Fußball unter den Fans einen Hass gibt, den man anderswo nicht kennt?

Van der Vaart: Ich weiß es nicht. Ist das in Deutschland nicht so schlimm?

Frage: Nein. Niemand macht ein Transparent oder initiiert einen Sprechchor, weil etwa Sebastian Deisler in psychiatrischer Behandlung war.

Van der Vaart: Das mag ich an Deutschland. Aber in Holland ist es anders. Ich habe schon gespielt, und das ganze Stadion hat gerufen, dass Sylvie eine Hure ist. Da frage ich mich: Was ist hier los? Holland hat viele gute Seiten. Aber der Fußball bringt etwas Negatives in die Leute. Wenn Feyenoord Rotterdam gegen Ajax Amsterdam spielt, dann ist überall Polizei, Helikopter, das ist kein Fußballspiel mehr. Man denkt fast, dass die Leute zum Kämpfen ins Stadion gehen.

Frage: Aber woran liegt das?

Van der Vaart: In Deutschland kann man eher ein Star sein. Ballack ist der große Star. Niemand sagt, er sei arrogant. Wenn du bei uns in Holland zu gut bist, dann fangen die Leute an zu reden. Das wollen sie nicht. Sie wollen, dass du normal bist. Ich bin normal, Seedorf ist normal. Aber die Leute wissen das nicht, sie kennen uns Spieler nicht.

Frage: Sie sind auf dem Platz manchmal ein Hitzkopf, es gab auch schon eine Rote Karte. Was muss man tun, um Sie zu reizen?

Van der Vaart: Gegen uns gewinnen! Wenn ich verliere, dann bin ich richtig böse. Aber nur auf dem Platz. Wenn ich danach nach Hause komme, ist es wieder vorbei. Eine Stunde nach dem Spiel bin ich wieder normal.

Frage: Sie brauchen ein ruhiges Umfeld. Ohne Ihre Frau, sagen Sie, können Sie nicht ruhig Fußball spielen.

Van der Vaart: Meine Frau ist wichtig. Ich kann mit Sylvie gut über alles sprechen. Wenn zu Hause alles gut läuft und stabil ist, kann ich optimal Fußball spielen.

Frage: Sie werden im Juni Vater.

Van der Vaart: Es wird ein Junge.

Frage: Sind Sie auch beim Geburtsvorbereitungskurs dabei?

Van der Vaart: Dafür habe ich nicht genug Zeit. Ich hoffe, das Baby kommt noch vor der WM, sonst kann es schwierig sein, bei der Geburt dabei zu sein. Ich möchte unbedingt dabei sein. Sylvie hat aber schon gesagt: Wenn ein wichtiges Spiel ist, dann musst du spielen, Rafael.

Die Fragen stellten Malte Oberschelp und Rainer Schäfer