Van Gaals Baustellen Spaßverbot, Abwehrlöcher und ein Torhüterproblem
Die Nachricht war eher eine Randmeldung: Louis van Gaal hat jüngst den Bayern-Trainingsplatz per Kreidemarkierung in neun Rechtecke aufteilen lassen. Doch hinter der Rasenpflege steckt mehr als neumodischer Schnickschnack nach Klinsmann-Art. Die Maßnahme ist ein weiterer Beleg für die taktische Akribie des Niederländers. Die Bayern sollen so eine bessere Kontrolle über ihre Laufwege gewinnen.
Überhaupt: In jeder Sekunde des Trainings, so berichten es die Spieler, müsse man hochkonzentriert sein. Der Coach habe eben eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sich so ein Kollektiv in seinen einzelnen Bestandteilen zu bewegen habe.
Und eben da hapert es bei den Bayern kurz vor Saisonstart offenbar noch auf zahlreichen Positionen - was Detail-Fan van Gaal auch deutlich anspricht. In den Wahnsinn trieb ihn etwa der Auftritt seiner Elf beim Freundschaftsspiel gegen die Stuttgarter Kickers am vergangenen Dienstag - trotz eines 10:0-Sieges.
Das Team habe "vergessen, das Spiel zu verlagern", wetterte van Gaal. Fast eine Stunde lang hatten die engagierten Kickers es geschafft, das Bayern-Konzept durch viel Laufaufwand zu neutralisieren - weil die Münchner es an Laufbereitschaft vermissen ließen und der Flügelwechsel kaum stattfand. "So etwas geht gegen einen Viertligisten gut", weiß der Trainer, "in der ersten Liga ist das anders".
Abschied vom 4-3-3
Seine Vorstellung von der idealen Ordnung - ein gern gebrauchter Begriff des Niederländers - macht ihn eigentlich auch zu einem Verfechter des in Holland so beliebten 4-3-3-Systems, das seiner Meinung nach die beste Organisation auf dem Platz garantiert. Dass er sich damit bei den Spielern, auf die er bei den Bayern zurückgreifen kann, keinen Gefallen tun würde, hat van Gaal mittlerweile erkannt.
Doch auch für die kadergerechte Rautenformation fehlen van Gaal mitunter die richtigen Akteure, um seine Vorstellung von Ordnungsfußball umzusetzen. Beispiel Sturm: Sowohl Mario Gomez, Miroslav Klose als auch Luca Toni haben ihre Stärken im Zentrum, allenfalls Ivica Olic ist über außen stark. Und offenbar wild entschlossen, diesen Standortvorteil auch in die Waagschale zu werfen, wie er zuletzt beim Freundschaftsspiel in Stuttgart mit drei Treffern unter Beweis stellte. Aber reicht ein Olic aus, um das offensive Flügelspiel über eine ganze Saison durchzuziehen? Wohl kaum.
Die Abwehr stellt van Gaal ebenfalls vor Probleme. Da der FC Chelsea José Bosingwa nicht ziehen ließ, klafft auf der rechten Seite eine hässliche Lücke. Nach dem Experiment vom Blitzturnier in Gelsenkirchen, Philipp Lahm auf dessen Wunschposition spielen zu lassen, wurde er in Stuttgart wieder auf die linke Seite beordert.
Van Gaal probierte auch Christian Lell und dann Hamit Altintop aus - der Türke schlug sich deutlich besser. Andreas Görlitz, der im zweiten Durchgang im rechten Mittelfeld auf sich aufmerksam machte, darf sich ebenfalls unerwartete Chancen ausrechnen, sollte der Club nicht doch noch einen Spieler verpflichten. Doch all das klingt nach Provisorium.
Nachwuchs für die Innenverteidigung
Handlungsbedarf ergibt sich zudem in der Innenverteidigung: Der 20-Jährige Holger Badstuber konnte bisher auftrumpfen, er wirkt selbstbewusst und für sein Alter erstaunlich souverän. Das Talent aus dem Bayern-Nachwuchs ist in eine Lücke gestoßen, die seine Kollegen aufgerissen haben. Martin Demichelis, aber vor allem Daniel van Buyten haben in der Vergangenheit immer wieder Zweifel an ihrer Klasse hervorgerufen. Abwehr-Zugang Edson Braafheid, der für rund zwei Millionen Euro von Twente Enschede kam, muss erst zeigen, dass er ein Mann für die Stammformation ist.
Auf der Sechser-Position im Mittelfeld scheint sich Zugang Anatolij Timoschtschuk (für rund elf Millionen aus St. Petersburg gekommen) einen Vorsprung vor Mark van Bommel erarbeitet zu haben - schlecht für den Holländer, zumal Bayern unter van Gaal mit der Mittelfeld-Raute agiert, was ihn zum Zuschauen verdammen würde. In der Vorbereitung hinterlässt van Bommel allerdings einen engagierten Eindruck, inklusive dem für ihn typischen unhöflichen Umgang mit dem jeweiligen Gegenspieler.
Bliebe noch die Personalie, die die Nation im Sommer über die fußballfreie Zeit hinwegtröstete. Franck Ribéry, so viel steht fest, wird auch in der kommenden Saison im Bayern-Dress auflaufen. In den bisherigen Freundschaftsspielen pausierte der Franzose allerdings aufgrund kleinerer Blessuren.
Regelmäßige Trainingsbesucher berichten zudem, der Ballkünstler dürfe unter dem Ordnungsfreak van Gaal nicht mehr so viel herumalbern wie unter den weniger gestrengen Vorgängern des Niederländers. Sein Ausnahmestatus, als wohl einziger Spieler der Liga nicht nach hinten arbeiten zu müssen, wird wohl ebenfalls der Vergangenheit angehören. Wie enthusiastisch Ribéry seinen Dienst in der anstehenden Spielzeit verrichten wird, weiß kein Mensch.
Das eigentlich Rätselhafte passiert jedoch zwischen den Pfosten - oder besser gesagt, es passiert nicht. Van Gaal hat dort die Wahl zwischen einem 35-jährigen Hans-Jörg Butt. Also einem Keeper, der, als er im Sommer 2008 zu den Bayern wechselte, wohl selbst nicht daran geglaubt hätte, noch einmal zu mehr als zum Ersatztorwart berufen zu sein.
Und einem Michael Rensing, dem nun schon der dritte Trainer in Folge ziemlich offensichtlich misstraut. Auch van Gaal hat erkannt, dass Rensing die Souveränität fehlt, um die Abwehr des FC Bayern zu führen, wie es einst Oliver Kahn tat. Im Trainingslager in Donaueschingen hat sich Rensing bislang nicht zu seiner Situation geäußert und auch in Stuttgart ging er mit abwehrender Geste an den wartenden Journalisten vorbei. Geäußert hat sich jedoch Uli Hoeneß. Er hat Transfer-Aktivitäten auf der Torwartposition recht deutlich ausgeschlossen.