VfB-Modell gescheitert: Junge "Löwen" sehen alt aus - DER SPIEGEL
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VfB-Modell gescheitert Junge "Löwen" sehen alt aus

Während der VfB Stuttgart mit Nachwuchsspielern bis in die Champions League stürmte, droht das Jugendkonzept bei 1860 München zu scheitern. Die Lücke, die besonders durch den Abgang Thomas Häßlers entstand, konnte nicht gefüllt werden. Im Abstiegskampf müssen die "Löwen" sogar auf Unterstützung durch den Erzrivalen hoffen.
Von Andreas Kröner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Auf der Auswechselbank des Olympiastadions hält es Gerald Vanenburg, 40, im Spiel gegen Bayer Leverkusen (1:1) nicht aus. In dunkelblauem Trainingsanzug und weißen Turnschuhen versucht der Trainer des TSV München 1860 vom äußersten Rand der Coaching-Zone aus, das bisweilen chaotische Spiel seiner Mannschaft in taktisch geordnete Bahnen zu lenken. "Am liebsten", hatte der Holländer vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen bekannt, "würde ich selber auf dem Platz stehen. Aber das geht nicht - ich bin zu alt."

Bereits mit 16 Jahren spielte Vanenburg für Ajax Amsterdam in der ersten holländischen Liga, mit 18 debütierte er in der Nationalmannschaft. 1988 wurde er mit der Oranje-Elf Europameister und in seinem Heimatland "Fußballer des Jahres" - vor Spielern wie Marco van Basten oder Frank Rijkaard. Heute soll der Niederländer mit den schwarzen gelockten Haaren, der vor seinem Karriereende 2000 bereits zwei Jahre bei 1860 spielte, als Trainer für neuen Schwung sorgen. Vergangene Woche gab er am trainingsfreien Dienstag kurzerhand Nachhilfe-Unterricht für Fernando und Francis Kioyo: Technik-Übungen, Ballbehandlung und Tricks. Vanenburg hilft den Spielern auf dem Platz weiter - und auch außerhalb ist die Stimmung lockerer als zuletzt unter Vorgänger Falko Götz.

Ohne Führungskräfte

Der hatte vor der Saison einen radikalen Schnitt gemacht und - auch aus finanziellen Zwängen - auf die Jugend gesetzt: Alte und gestandene Profis wie Thomas Häßler (37), Davor Suker (36), Martin Max (35) und Daniel Borimirov (34) wurden verkauft. Mit hungrigen Nachwuchskräften wie Lance Davids (19), Daniel Baier, Matthias Lehmann (beide 20), Benjamin Lauth, Andreas Görlitz (beide 22), Remo Mayer und Martin Stranzl (beide 23) wollte Götz mit 1860 in der Bundesliga für Furore sorgen. Doch anders als beim Vorbild VfB Stuttgart fehlen den "Löwen" erfahrene Leistungsträger wie Marcelo Bordon oder Zvonimir Soldo, die ihre jungen Teamkollegen führen können.

Insbesondere im Mittelfeld klafft eine große Lücke, da weder Markus Weissenberger noch der im Winter verpflichtete Gerhard Poschner nur annähernd die Qualität besitzen wie einst Thomas Häßler. Auch gegen Leverkusen waren eklatante Mängel im Spielaufbau nicht zu übersehen. Vor dem Tor waren die "Löwen" nicht annähernd so zwingend wie die zielstrebige Bayer-Elf. Zwar verdiente sich 1860 durch eine hohe Lauf- und Kampfbereitschaft das 1:1, doch dieser Punkt könnte in der Endabrechnung zu wenig sein. Drei Spieltage vor Saisonende sind die Münchner auf Platz 16 stehen geblieben.

Graue Maus im halbleeren Stadion

Der Abstieg in Liga zwei wäre das traurige Ende einer Erfolgsgeschichte, die 1992 in der Bayernliga begann. Präsident Karl-Heinz-Wildmoser hatte damals Trainer-Raubein Werner Lorant ("Ich hasse Schönspieler und Alibizweikämpfe") verpflichtet und war mit ihm direkt bis in die Bundesliga marschiert. Das Männerbündnis aus dem allmächtigen Präsident und dem eigenwilligen Trainer ("Jeder darf seine Meinung haben, aber nur meine zählt") wurde mit den Jahren zur Verkörperung des Vereins.

Doch nach dem vorläufigen Höhepunkt des weiß-blauen Fußballtraums im Jahr 2000, als der Arbeiterclub aus München-Giesing die Champions-League-Qualifikation gegen Leeds United erreichte, fielen die "Sechziger" abrupt in die Bedeutungslosigkeit zurück. Aus den "Löwen" wurden graue Mäuse, Lorant musste gehen. 2001 wurde 1860 Elfter, 2002 Neunter und vergangene Spielzeit Zehnter. Die Heimspiele verfolgten durchschnittlich nur rund 25.000 Zuschauer - bei den Bayern dagegen jubelten mehr als doppelt so viele Fans im 69.000 Mann fassenden Olympiastadion.

Experten schwante Böses

Dennoch erwarteten viele bei 1860 im zehnten Jahr nach dem Wiederaufstieg eine ruhige Spielzeit und ignorierten nach einem guten Saisonstart die Warnungen einiger Experten, die dem jungen Team 2003/04 einen puren Existenzkampf vorausgesagt hatten. Als die "Löwen" in der Rückrunde immer tiefer in den Tabellenkeller rutschten, stand aber längst nicht mehr der Sport im Vordergrund. Nach der Bestechungsaffäre um das neue Münchner Fußballstadion traten Karl Heinz Wildmoser junior (Geschäftsführer) und senior (Präsident) zurück.

Mit dem Rücktritt des Patriarchen brach eine Alleinherrscherstruktur zusammen und das Chaos aus. Wurstfabrikant Karl Auer wurde noch von Wildmoser ins Präsidentenamt gehievt und bekriegte sich fortan mit seinem Stellvertreter Hans Zehetmaier, bis der ehemalige bayerische CSU-Staatsminister nach einer Fehde um die Entlassung von Götz zurücktrat. Der Aufsichtsrat war zerstritten, und auch Sportdirektor Dirk Duffner geriet in die Kritik, nachdem er angekündigt hatte, den Verein "im Geiste von Karl-Heinz Wildmoser" weiterführen zu wollen.

Ohne Lauth in Liga zwei

Seit rund zwei Wochen herrscht nun eine Art Wagenburgmentalität bei 1860 - im Abstiegskampf hält man zusammen, zumal die Folgen eines Absturzes dramatisch wären: Zwar ist die Lizenz auch für die Zweite Liga gesichert, doch viel versprechende Spieler wie Lauth könnten dann wohl nicht gehalten werden. Auch einen Umzug ins Grünwalder Stadion, in dem der TSV bis 1995 seine Heimspiele austrug, hat 1860-Geschäftführer Detlef Romeiko bereits erwogen. Aufgrund bestehender Beschlüsse aus der Wildmoser-Ära sowie anfallender Renovierungskosten ist eine Rückkehr jedoch eher unwahrscheinlich.

Damit 1860 im neuen Münchner Fußballtempel ab 2005 nicht gegen Burghausen oder Fürth antreten muss, hat die lokale "Abendzeitung" die Aktion "Rettet die Löwen" ins Leben gerufen. Retter-T-Shirts werden verteilt und prominente Münchner - darunter auch bekennende Bayern-Fans - kaufen und verschenken Eintrittskarten: Alle Kräfte in der bayerischen Landeshauptstadt sollen mobilisiert werden. Oberbürgermeister Christian Ude hat in einem offenen Brief alle Münchner aufgerufen, 1860 zu unterstützen. Begründung: "Eine Stadt wie München braucht zwei Bundesligavereine." Darüber wird man in Frankfurt und Berlin bestenfalls schmunzeln können.

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