VfB Stuttgart: Der Abstieg der Schwaben 1975 - DER SPIEGEL
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VfB-Abstieg 1975: Singen mit Sing

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Stuttgarts Abstieg 1975 "Das waren ganz grausame Spiele"

Der VfB in Liga zwei? Vor 40 Jahren stieg der Klub schon einmal ab. Der Grünen-Politiker Jürgen Walter ist seit Jahrzehnten Fan. Er erinnert sich an eine Saison, die eine ganze Region in Trauer stürzte. Es folgte eine harte Zeit.
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"Jetzt ist es endgültig. 3:3. Das war's", hat er zu mir gesagt. Ich war selber Fußballspieler und während des entscheidenden Auswärtsspiels gegen Duisburg auf einem A-Jugend-Turnier. In einer Pause zwischen zwei Spielen kam dann ein Betreuer zu mir, der auch VfB-Fan war. Ich war traurig. Aber nicht mehr überrascht.

Zu deprimierend war diese Saison 1974/75 verlaufen. Highlights? Gab es nur wenige. Das erste Spiel gegen Bochum haben wir gewonnen, danach gab es sechs Niederlagen in Folge - und Abstiegskampf gleich zum Auftakt. Montagmorgens in der Schule gab es immer nur ein Thema. Alle wussten, dass ich leidenschaftlicher VfB-Fan war und alle haben mich entweder mit Mitleid oder mit Spott angesprochen. Insgesamt war die Stimmung pessimistisch. Niemand sagte: "Morgen gewinnen wir! Das packen wir!"

Zur Person

Jürgen Walter, 58, ist Parteimitglied der Grünen und politischer Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Seit nahezu 50 Jahren besucht er die Heimspiele des VfB Stuttgart und ist leidenschaftlicher Fan. Auch den einzigen Abstieg des Vereins vor genau 40 Jahren hat er miterlebt.

Kurz vor der Winterpause kam Albert Sing als Trainer. Meine erste Saison im Stadion war 66/67, damals hatte Sing uns noch vor dem Abstieg gerettet. Da wollte man acht Jahre später die alten Geister beschwören, das begriff ich damals schon.

Doch Geschichte lässt sich nicht wiederholen. Sing war einer aus der Herberger-Zeit, ein Trainer, der noch Volkslieder singen ließ. "Singen mit Sing" hieß das. Am Ende hat er die Mannschaft gar nicht mehr erreicht und sich mit Führungsspielern wie Weller oder Ettmayer angelegt. Das Team war zerstritten. Spielerisch wäre es möglich gewesen, wir hatten herausragende Spieler. Aber da hat es offensichtlich nicht gepasst.

Keiner hat was gesagt

Das entscheidende Spiel war für mich schon das 2:2 gegen Werder Bremen am 28. Spieltag. Das war der gefühlte Abstieg. Danach hat das ganze Umfeld aufgegeben, obwohl es theoretisch noch möglich war. Wir hatten sogar geführt, aber durch völlig blöde Abwehrfehler das Spiel nicht gewonnen. Da haben sich auf der Heimfahrt alle angeschwiegen, es herrschte Beerdigungsstimmung. Keiner hat was gesagt.

Danach war in der ganzen Region eine sehr deprimierte Stimmung. Es war damals auch viel üblicher, dass Leute Fan eines Vereins aus der Umgebung waren. Der Verein spricht fußballerisch die Sprache der Region und gehört zur Regionsidentität. Nach dem Unentschieden in Duisburg war das vorbei. Aber ich hatte mit dem Abstieg innerlich ja schon abgeschlossen. Wir haben dann beim Turnier ein oder zwei Bier getrunken.

Fußball ist in Stuttgart nicht so eine Religion wie in Schalke oder Dortmund. Hier hat man sich nicht nur über den Fußball definiert, was ja auch gut ist. Wir haben es gehalten wie 'Stepi' Dragoslav Stepanovic, Trainer bei Eintracht Frankfurt, der am letzten Spieltag 1992 die Meisterschaft verloren und gesagt hatte: "Lebbe geht weiter." Aber die Saison in der zweiten Liga wollte ich nur schleunigst vergessen, das waren ganz grausame Spiele mit Niederlagen gegen die Stuttgarter Kickers oder Reutlingen. Das wollte man nicht sehen. Wenn etwas noch schlimmer war als der Abstieg, dann war das die erste Zweitliga-Saison. Es wurden zwei.

Damals gab es aber auch nicht so eine Aufbruchstimmung wie heute. Die jetzige Mannschaft ist in einem ganz anderen Zustand als die vor 40 Jahren. Seit Wochen spielen sie guten Fußball, nur die Ergebnisse haben lange nicht gestimmt. Meistens gehe ich heute mit meinem Sohn ins Stadion. Der ist noch leidenschaftlicher dabei als ich und hat keinen Zweifel daran, dass wir es packen. Und ich glaube am Ende auch, dass wir Paderborn schlagen und drin bleiben. Am Ende würde ich mich einfach freuen, wenn mein Sohn das, was ich vor 40 Jahren mitgemacht habe, nicht erleben müsste.

Protokoll: Andreas Evelt

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