Titelverteidigung in der Champions League: Wolfsburg feiert, Marta trauert
Wolfsburger CL-Siegerinnen Mann, sind die gut!
Dieter Hecking musste gar nicht überzeugt werden, früher anzureisen. Den Trainer des Männer-Bundesligisten VfL Wolfsburg hatten die Fußballerinnen zuletzt gegen Turbine Potsdam so begeistert, dass er schon einmal ohne seine Freunde zum Champions-League-Wochenende nach Lissabon aufgebrochen war. Die Reise hat sich für ihn gelohnt: 4:3 (0:2) gewann der VfL Wolfsburg im Finale der Women's Champions League gegen Tyresö FF im kleinen Estadio do Restolo - und setzte vor dem vermeintlichen Topduell der Männer am Samstag zwischen Real und Atlético Madrid Maßstäbe in Sachen Spannung und Spektakel.
"Ich empfinde nach solch einer Willensleistung fast die gleiche Freude wie die direkt Beteiligten", sagte Hecking im Anschluss SPIEGEL ONLINE. "Das war ein grandioser Erfolg mit einer überragenden Trainerleistung." Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sprach Komplimente aus: "Ein sensationelles Spiel. Der schwedische Verbandspräsident hat schon geunkt, das würde hier mal wieder 4:4 ausgehen." Eine Anspielung auf das torreiche Unentschieden in der EM-Qualifikation zwischen dem DFB-Team und Schweden. Und mit einem scherzhaften Seitenhieb in Richtung der VfL-Führungsetage fügte er an: "Ich hoffe, die Herren haben sich für die Champions League ausreichend Notizen gemacht."
Kellermann ist der Architekt des Erfolgs
Was Sympathie- und Werbewert angeht, haben die international und national grandios erfolgreichen Wolfsburger Frauen den Männern längst den Rang abgelaufen. Der zuständige Geschäftsführer Thomas Röttgermann belegt das mit detaillierten Sponsoringzahlen im weiblichen Segment. "Der Ertrag ist hier viel höher als der Aufwand. Die Kosten-Nutzen-Rechnung für die Frauen-Abteilung ist nicht nur schlüssig, sondern lässt sich auch wirtschaftlich rechtfertigen."
Architekt der Titelverteidigung ist Ralf Kellermann. Der ehemalige Zweitliga-Torwart ist in Doppelfunktion Trainer und Sportlicher Leiter, er war nach dem erneuten Triumph sichtlich bewegt: "Ich fühle mich großartig und bin einfach nur glücklich", sagte er, "das war eine Werbung für Stadt und Verein."
Wolfsburg überzeugte in Lissabon mit Moral und körperlicher Stärke, und das gegen eine schwedische Mannschaft, die eigentlich eine Weltauswahl ist. Weil Wolfsburg durch Alexandra Popp (47.), Martina Müller (53. und 80.) und Verena Faißt (68.) in einem wilden Schlagabtausch konterte, blieben die Tore von Tyresö durch die überragende Marta (28. und 56. Minute) und Veronica Boquete (30.) am Ende nutzlos.
Kellermann verriet, es habe für die Aufholjagd gar keine Kabinenpredigt in der Halbzeitpause - da stand es 0:2 - gebraucht, "ich habe in die Gesichter geschaut und den Glauben gesehen - danach war die Körpersprache überragend".
Endspiel 2015 in Berlin
Vor allem Martina Müller, die schon im Vorjahr in London gegen Olympique Lyon das Siegtor beigesteuert hatte, jubelte: "Wir sind als Mannschaft noch enger zusammengerückt. Das ist die Krönung." Für die 34-jährige Fußballerin des Jahres auf alle Fälle. Und Lena Goeßling, die nach einem Check mit zwei Stichen an der Wange genäht werden musste, sich aber, wie sie sagte, aus Eitelkeit das Pflaster vor der Siegerehrung herunterriss, beteuerte: "Die Mentalität ist unfassbar gut. Aber ohne den Rückhalt im Verein hätten wir das nie geschafft."
Der Trainer stufte diesen Sieg sogar höher ein als den aus dem vergangenen Jahr. Sein Versprechen: "Unser Ziel ist jetzt schon das Champions-League-Finale 2015 in Berlin." Das soll am 14. Mai im Berliner Olympiastadion ausgetragen werden, verriet Niersbach SPIEGEL ONLINE. Wegen der Frauen-WM 2015 in Kanada muss es allerdings vom Männer-Endspiel (6. Juni) abgekoppelt werden.
Dass die deutsche Hauptstadt Endspiele kann, hat sie bereits mehrfach bewiesen. Die Fußballerinnen dürfen sich deshalb berechtigte Hoffnung machen, dass ein Finale in Berlin einen etwas würdigeren Rahmen schaffen wird, als es in Lissabon der Fall war. Denn in der ohnehin nur 19.300 Zuschauer fassenden Heimstätte des Erstligisten CF Os Belenenses blieben rund die Hälfte der Plätze leer. Da die Uefa sich nicht in der Lage sah, eine offizielle Zuschauerzahl bekannt zu geben, blieb es bei geschätzten 8000 bis 9000 Fans.
Der Frauenfußball muss halt mancherorts doch noch Überzeugungsarbeit leisten. Bei Dieter Hecking nicht mehr.
VfL Wolfsburg - Tyresö FF 4:3 (0:2)
0:1 Marta (28.)
0:2 Boquete (30.)
1:2 Popp (47.)
2:2 Müller (53.)
2:3 Marta (56.)
3:3 Faißt (68.)
4:3 Müller (80.)
VfL Wolfsburg: Schult - Wensing, Fischer, Henning, Bunte - Blässe, Keßler, Goeßling (90.+2 Hartmann) , Müller - Popp, Wagner (46. Faißt)
Tyresö FF: Söberg - Klingenberg (69. Klinga), Sembrant, Engen, Røddik - Dahlkvist (83. Thaisa) - Diaz (67. Edlund), Seger, Boquete, Marta - Press
Schiedsrichterin: Monzul (Ukraine)
Zuschauer: 8000
Gelbe Karten: - / Seger