Vinnie Jones: Des Teufels Verteidiger - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Vinnie Jones Des Teufels Verteidiger

Sein Einsatz auf dem Rasen war legendär. Nun hat der ehemalige britische Fußballprofi Vinnie Jones ein neues Spielfeld entdeckt ­ das Kino. In Guy Ritchies neuem Film spielt Jones einen knallharten Burschen.
Von Jörg Böckem
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon möglich, dass es den Teufel gibt; und wer weiß, vielleicht bezieht dieser Mann tatsächlich Exklusiv-Tipps vom Satan selbst. Wie sonst gelingt es ihm, derart Respekt einflößend und charismatisch auszusehen ­ und zwar auf der Leinwand, im Killer-Dress und mit der Knarre in der Hand, ebenso wie in einem ganz normalen Londoner Hotelzimmer, in Jeans und T-Shirt.

"Es ist, als ob ich einen Teufel und einen Engel auf den Schultern mit mir herumschleppe", sagt der Mann. "Aber so geht es wohl jedem, schon seit Adam und Eva ­ wir wissen genau, was Gut und Böse ist, und lassen uns trotzdem immer wieder verführen, das Falsche zu tun."

Die Einflüsterungen seines privaten Teufels

Der Mann ist Vincent Peter Jones, und vielleicht folgte der ehemalige Fußballprofi den Einflüsterungen seines privaten Teufels ein paarmal zu häufig. Im November 1997 zum Beispiel, als er einen Nachbarn wegen Grundstücksstreitigkeiten gründlich verprügelte. Oder als er Anfang der Neunziger in dem Kauf-Video "Soccer's Hard Men" seinen Fans erklärte, wie man den Gegner mit fiesen Fouls außer Gefecht setzt, ohne dass der Schiedsrichter es merkt. Oder 1995, als er einem Sportjournalisten ohne besonderen Grund in die Nase biss. Und immer wieder brutale Regelwidrigkeiten auf dem Fußballplatz ­ Jones' Entgleisungen sind in England Legende.

Dreizehnmal wurde er in seiner Karriere vom Platz gestellt, er musste mehr Disziplinarstrafen zahlen als die meisten seiner Kollegen, er hält den Rekord für die schnellste Verwarnung im britischen Fußball ­, ganze drei Sekunden brauchte er, um sich die Gelbe Karte einzuhandeln ­ und das Foto, auf dem er seinem Gegenspieler Paul Gascoigne während eines Spiels beherzt ins Gemächt greift, ging um die Welt. Jones hat sich seinen Ruf als harter Knochen und böser Junge des britischen Fußballs schwer erarbeitet.

"Ich habe eine kurze Zündschnur"

Manchmal ist das Glimmen dieser Zündschnur in seinem Gesicht zu erkennen. In diesen steingrauen Augen, die sich unmerklich verengen. Den wie aus Stein gehauenen Wangenmuskeln, die zu knirschen scheinen, wenn sie sich bewegen. Und wenn sich sein Kinn vorschiebt wie eine Kriegserklärung, dann wird dieses Gesicht, von dem "Vanity Fair" schrieb, es sähe aus wie Paul Newman, von Dr. Frankenstein konstruiert, zu einem großen roten Stopp-Schild. Wie geschaffen fürs Kino.

Denn Jones sattelte um: vom Fußballstar zum Filmstar. In der abstrusen Gaunerkomödie "Snatch ­ Schweine und Diamanten" (Start: 22. März) spielt er neben Charakterköpfen wie Dennis Farina, Benicio Del Toro und dem schönen Brad Pitt. Erste Garde also. Doch Jones kann durchaus bestehen.

Jones' Kino-Karriere begann vor mehr als drei Jahren. Der ehemalige Fußballrüpel entschloss sich, eine Rolle im Debüt-Film eines jungen, britischen Regisseurs zu übernehmen. Und die irrwitzige Gaunerkomödie "Bube, Dame, König, Gras" wurde zum Überraschungserfolg des Jahres; Vinnie Jones als kantiger Geldeintreiber Big Chris begeisterte Kritiker, Publikum und Filmgrößen aus Hollywood. Jones war nicht zufällig wie geschaffen für die Rolle: Dieser Big Chris, so hatte es Regisseur Guy Ritchie lange vor Beginn der Dreharbeiten in sein Script geschrieben, solle genauso "Respekt einflößend, gewalttätig und unberechenbar sein wie der Fußballspieler Vinnie Jones". Ein Image verpflichtet.

Jones' Charisma und seine unerschrockene Ausstrahlung

Ritchie habe Jones zwar öfter nach Gerichtsverhandlungen als auf dem Spielfeld gesehen, gab Ritchie später zu Protokoll, aber auch dort fand er ihn sehr beeindruckend ­ sein Charisma, seine unerschrockene Ausstrahlung, seine Selbstsicherheit, seinen Witz. Warum also einen Schauspieler mit ähnlichen Qualitäten suchen, wenn es das Original gab?

Ritchie ging das Risiko ein und verpflichtete den Fußballer für seine erste Rolle. Jones ging das Risiko ein, sich auf einem ganz neuen Spielfeld zu behaupten. "Ich habe damals nicht geglaubt, dass daraus irgendetwas wird", erinnert sich Jones. "Ich bin die Sache angegangen wie jeden anderen Job. Hingehen und tun, was von mir verlangt wird." Und was da am Set von ihm verlangt wurde, war das, was Jones am besten kann ­ einfach er selbst sein. Die harten Jungs und Halbwelt-Typen, die er darstellt, kennt er genau; er ist mit ihnen aufgewachsen.

Die englische Variante des amerikanischen Traums

Die Karriere von Vinnie Jones liest sich wie die englische Variante des amerikanischen Traums: Der Junge wächst auf in einfachsten Verhältnissen, einer Sozialbau-Siedlung in Watford in der Nähe von London. In seiner Freizeit boxt er ein wenig, wie alle Jungs, spielt Fußball und geht mit seinem Vater zum Jagen und zum Fischen. Mit fünf Jahren schießt er seine erste Taube. Als Vinnie Jones 13 Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern. Eine traumatische Erfahrung für den Jungen.

Mit 16 zieht er zu Hause aus. Arbeitet erst auf dem Bau. Fußball spielt er in seiner Freizeit, und erst sehr spät, mit 21, bekommt er seinen ersten Vertrag bei einer Profi-Mannschaft, Wimbledon FC. Es ist die große Chance seines Lebens, das weiß er. Die Mannschaft ist nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch Heimat. Und das Spiel bedeutet ihm alles.

"Das war pure Leidenschaft, ein Adrenalinrausch"

"Wenn ich auf den Platz gegangen bin, dachte ich an nichts anderes, als zu gewinnen", sagt Jones. "Das war pure Leidenschaft, ein Adrenalinrausch, gegen den ich machtlos war. Sobald ich die weiße Linie überschritten hatte, schnappte irgendwas in meinem Kopf ein. Da war nur noch dieser rote Nebel und der unbedingte Wille zum Sieg."

Weil Jones nie zimperlich war bei der Wahl seiner Mittel, avancierte er schnell zum Hassobjekt gegnerischer Spieler und Sportjournalisten. "Die wollten ästhetische Spielzüge sehen", sagt Jones, und man merkt ihm seine Wut darüber an, "aber das war nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe war es, das Spiel des Gegners zu zerstören. Und dafür musste ich manchmal hart rangehen."

Erfolge wurden auf die Unterschenkel tätowiert

Jones nahm seine Aufgabe ernst. So ernst, dass er sich die zwei größten Erfolge seiner Fußballerkarriere, den Gewinn des FA-Cup mit Wimbledon und die Meisterschaft mit Leeds in der Zweiten Liga, auf die Unterschenkel tätowieren ließ. So ernst, dass er Mitte der Neunziger, nachdem die Presse ihn nach der Nasenbiss-Affäre wieder einmal öffentlich an den Pranger gestellt hatte, mit seinem Gewehr in den Wald ging und darüber nachdachte, den Lauf an seinen Kopf zu halten und abzudrücken. Er schoss nicht. Jones hatte gelernt durchzuhalten.

Dann kam das Kino, "Bube, Dame, König, Gras", und es begann ein völlig neues Spiel für Vinnie Jones. Nicht nur, dass die Journalisten plötzlich seine Arbeit in den höchsten Tönen lobten. Sein Auftritt als Big Chris begeisterte auch den Hollywood-Produzenten Jerry Bruckheimer, der Jones für den Multi-Millionen-Blockbuster "Nur noch 60 Sekunden" nach L. A. holte. Heute hat er dort ein Domizil, spielt Fußball mit Rod Stewart und geht mit Madonna auf Partys.

"Als die Anfrage von Bruckheimer kam, hatte ich noch einen Vertrag bei den Queens Park Rangers", erinnert sich Jones, "aber es war klar, wenn ich in Hollywood Karriere machen wollte, durfte ich keine halben Sachen machen. Ich musste dort leben." Nicht mal 60 Sekunden habe er nachgedacht, dann dem Ratschlag des Engels auf seiner Schulter vertraut und bei QPR gekündigt.

In L. A. gelten andere Regeln als auf dem Fußballplatz

In L. A. gelten für ihn andere Regeln als auf dem Fußballplatz. "Beim Fußball hast du 90 Minuten, ein Spiel zu gewinnen. Du stehst unheimlich unter Druck. Eine Niederlage berührt dein ganzes Leben ­ dich, deine Familie, und ein Sieg entscheidet, ob du statt eines Mercedes am Ende einen Skoda fährst. Deshalb will jeder Sportler unbedingt an die Spitze."

Als Schauspieler geht es für Jones schnell an die Spitze. Den Hollywood-Druck hat er, nachdem die anfängliche Unsicherheit überwunden war, kaum gespürt. "Mit John Travolta, Nick Cage und Robert Duvall zu drehen bedeutet, dass du oben bist. Das Nächste wäre eine Hauptrolle. Aber ich habe Zeit. Ich will nicht anfangen zu rennen, bevor ich laufen gelernt habe."

Ruhm kann Jones nicht beeindrucken

Einschüchtern lässt er sich nicht, Ruhm kann ihn nicht beeindrucken. Und er genießt es, sich selbst auf der Leinwand zu sehen. "Sie haben mich geholt, weil sie mich für den Besten hielten in der Rolle. Sie geben mir einen Job, und ich mache ihn so gut ich kann. So einfach ist das."

Das klingt selbstbewusst. Die Sicherheit, die er nach der Trennung seiner Eltern so dringend suchte, findet er in seiner Familie, bei seinen Freunden. In Hollywood, wo allzu oft nur Fassaden poliert werden und Originale selten geworden sind, ist Jones nicht nur wegen seiner außergewöhnlichen Tattoos ein Exot.

"Habe zu meinen Freunden eine Art Stammesverbundenheit"

Anstatt sich die Nächte in Clubs um die Ohren zu schlagen, geht er lieber zum Fischen oder mit seinen Freunden auf die Jagd. "Ich habe eine starke Beziehung zu meinen Freunden, eine Art Stammesverbundenheit", sagt Jones, der abwechselnd in den USA und England lebt. "Meine Frau ist manchmal genervt, weil wir fast nie alleine sind, wenn wir essen gehen. Ich liebe es, meine Jungs um mich zu haben, zu reden und zu lachen." So seien auch die Dreharbeiten zu "Snatch" gewesen, sagt Jones, eine Art Familienfest mit den Jungs.

In Guy Ritchies neuem Werk spielt Jones "Bullet Tooth Tony", einen knochenharten Gangster, der einem New Yorker Juwelenhändler bei der Suche nach einem verschwundenen Diamanten in der Londoner Unterwelt zeigt, wo es lang geht. Obwohl diesmal Hollywood-Stars wie Brad Pitt dabei waren, fühlten sich die Dreharbeiten für Jones an wie die Rückkehr in den Schoß der Familie. Das Produktionsteam war dasselbe wie damals bei "Bube, Dame, König, Gras", und Jones brachte die drehfreie Zeit damit zu, mit den Jungs Bier zu trinken und Karten zu spielen. Aber anschließend zockelte er artig zu Frau und Kindern, denn für Vinnie Jones gibt es nichts Wichtigeres als die Familie. Seine Frau kennt er seit seiner Kindheit. "Du gehst mit den Jungs zu einem Spiel oder in die Kneipe, aber dann machst du, dass du nach Hause kommst und kümmerst dich um deine Familie. Ein Mann in meinem Alter sollte in erster Linie Familienvater sein."

Jones weiß, was er seiner Herkunft schuldet

Jones weiß auch, was er seiner Herkunft schuldet. Einen seiner ältesten Freunde hat er eingestellt, er lebt bei ihm in L. A. Dem Krankenhaus, in dem sich Jones' Frau vor mehr als zehn Jahren einer Herztransplantation unterziehen musste, spendete der Schauspieler seine erste Filmgage.

Und er kümmert sich um unterprivilegierte Kinder in seiner alten Heimat. Seine eigenen Kinder schickt er allerdings auf eine teure Privatschule. "Ich hatte nie die Möglichkeit, irgendetwas über Opern oder klassisches Theater zu lernen", sagt er. "Meine Kinder sollen die beste Bildung bekommen, die man mit Geld kaufen kann." Denn manche seiner Schwierigkeiten möchte er seinen Kindern ersparen. "Das ist das Schöne am Älterwerden", sagt Jones, "du machst Erfahrungen, die du an deine Kinder weitergeben kannst. Zum Beispiel habe ich in den letzten Jahren gelernt, nicht mehr so oft auf den Teufel zu hören, der auf meiner Schulter hockt."