Völler-Interview "Bin noch nicht richtig erleichtert"
Herr Völler, ist das 2:1 gegen die Schotten mit dem Befreiungsschlag vor zwei Jahren gegen die Ukraine vergleichbar?
Rudi Völler:
Der Druck war ähnlich groß. Erleichtert bin ich noch nicht richtig, weil wir ja noch nicht durch sind. Ich werde den Fehler nicht machen und den Sieg so feiern, als ob wir schon in Portugal wären. Wir brauchen noch einen Punkt und wollen natürlich gegen die Isländer gewinnen. Aber ich bin schon ein bisschen befreit, weil die Mannschaft noch mehr unter Druck stand, als das vielleicht der eine oder andere vertragen konnte.
Wie weit haben denn die taktischen und personellen Umstellungen zum Sieg beigetragen?
Völler: Wenn du die Spiele gewinnst, hat man am Ende alles richtig gemacht. Das Ergebnis stimmt, wir haben gewonnen. Tobias Rau und Kevin Kuranyi, dem zur Krönung seiner Leistung nur ein Tor gefehlt hat, hätten noch in der U21 spielen können, Arne Friedrich hat letztes Jahr noch U21 gespielt. Sie sind alle gut mit dem Druck umgegangen. Deshalb freut es mich umso mehr, dass es dieses Mal gerade die Jüngeren waren, die dem Spiel diese tollen Impulse gegeben haben. Gerade weil ich weiß, dass es bei uns in Deutschland um die jungen Talente so große Diskussionen gibt.
Was ist der Sieg wert?
Völler: Manchmal ist es wichtiger, solche Spiele knapp zu gewinnen. Wenn man gegen eine zahlenmäßig unterlegene Mannschaft noch Gefahr läuft, dass man durch einen Eckball oder Freistoß ein Tor rein bekommt - und es trotzdem geschafft hat. Solche knappen Geschichten schweißen zusammen. Das sind ganz, ganz wichtige Siege.
Was nehmen Sie persönlich mit aus diesen turbulenten Tagen?
Völler: Es waren schwere Tage. Es hat mich nicht nur beschäftigt, es hat mich belastet. Es gab in den letzten drei Jahren meiner Amtszeit nicht nur Höhen wie bei der WM. Wir haben ja mal einen Fünfer gekriegt gegen die Engländer. Das war sicherlich auch eine schwierige Zeit, genau wie die letzten Tage. Gerade wenn man als Verantwortlicher vor der Truppe steht, muss man natürlich Stärke zeigen. Das ist in den letzten Tagen nicht immer so einfach gewesen.
Wie haben Sie die Reaktionen auf ihren emotionalen Ausbruch nach dem Island-Spiel aufgenommen?
Völler: Wichtig war für mich nicht nur der positive Zuspruch von allen, von vielen Freunden und Bekannten, sondern auch aus unserer Truppe, von den Spielern, Trainern und Betreuern. Da merkt man doch, dass in den letzten Jahren hier ein bisschen was entstanden ist. Obwohl ich weiß, am Ende zählen immer nur die Ergebnisse, das ist im Sport so. Ich hoffe natürlich, dass sich das alles ein bisschen beruhigt in den nächsten Wochen. Es war in den letzten Tagen unmöglich, im Fernsehen ein Programm anzumachen, in dem ich mich nicht gesehen habe. Das ist schon ein bisschen komisch gewesen.
Aufgezeichnet von Jens Mende, dpa