Volz-Interview "Möchte gerne mein Abitur machen"
Frage:
Herr Volz, können Sie sich noch an den Sommer 1999 erinnern? Damals verließen Sie als 16-Jähriger den FC Schalke Richtung FC Arsenal.
Volz: Der Wirbel war schon enorm und für uns besonders verwirrend, weil wir ja überhaupt keine Erfahrung mit solchen Dingen hatten. Bei uns daheim ist hinterher niemand mehr ans Telefon gegangen, weil so viele Reporter angerufen haben. Dabei hätte ich eigentlich Ruhe gebraucht, weil mir die Entscheidung ziemlich schwer gefallen ist.
Frage: Was gab letztlich den Ausschlag, Gelsenkirchen zu verlassen?
Volz: Ich hing sehr an Schalke. Und die Leute dort hatten im Jahr zuvor alles getan, um mich zu holen. Ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Aber letztlich war ich zu neugierig. Viele Spieler bekommen in ihrer ganzen Karriere nie die Möglichkeit, im Ausland zu spielen. Und ich hatte nun dieses Angebot. Hinzu kam, dass ja auch niemand wusste, wie ich mich weiterentwickele, ob ich überhaupt den Sprung ins Profigeschäft schaffe.
Frage: Was hat Arsenal Ihnen versprochen? Spiele in Highbury?
Volz: Natürlich nicht. Niemand hat mir eine Garantie gegeben, dass ich Profi werde. Aber man hat mir die bestmögliche Ausbildung versprochen und dass wir bereits in der Jugend sehr eng mit den Profis zusammenarbeiten würden. Das war ja schon sehr viel.
Frage: Sie wurden zunächst konsequent abgeschottet, Interviews mit Moritz Volz waren lange Zeit Mangelware.
Volz: Es stand deshalb sogar mal in den Zeitungen "Arsène Wenger verpasst Volz Maulkorb". Aber das war natürlich Quatsch, ich hätte sagen können, was ich wollte. Aber es gab einfach nichts zu erzählen. Was hätte ich denn auf die Frage "Schaffen Sie den Sprung in den Profikader?" antworten sollen als "Ich weiß es nicht"? Ich bin den Betreuern bei Arsenal noch heute dankbar, dass sie den Unmut der Presse auf sich genommen haben.
Frage: Sie haben das Jugendprogramm bei Arsenal durchlaufen, ganz klassisch in einer Gastfamilie gewohnt. War die Anbindung wichtig für Sie?
Volz: Nicht existentiell. Meine wichtigsten Bezugspersonen waren im Verein, Mitspieler und Trainer. Als ich bei Arsenal anfing, war ich ja nicht der einzige Ausländer in der Jugend, meine Mannschaftskameraden kamen aus aller Welt, ein Italiener, ein Brasilianer und andere. Wir haben uns gegenseitig geholfen.
Frage: Auch beim Wäschewaschen?
Volz: Nein, das hat Gott sei Dank meine Gastfamilie übernommen.
Frage: Auch bei Arsenal gehört die Schule oder eine Ausbildung mit zum Programm für die jugendlichen Spieler. Hat das bei Ihnen funktioniert?
Volz: Nur bedingt. In den vier Jahren konnte ich durch die enorme zeitliche Belastung nur einmal in der Woche zur Schule gehen. Das war nicht genug, um den Anforderungen gerecht zu werden, obwohl es Privatunterricht war. Ich mache das immer noch weiter, weil ich gerne mein Abitur machen möchte.
Frage: Ihre Bilanz bei Arsenal fällt durchwachsen aus, in der Reserve hatten Sie sich etabliert, mehr aber auch nicht.
Volz: Es ist so eine Sache mit der Reserve. Arsène Wenger und sein Trainerstab haben sich die Spiele immer angeschaut und jeder von uns hat versucht, sich für die erste Mannschaft zu empfehlen. Aber das ist schwierig, letztlich fehlt alles, was dich zu höheren Leistungen antreibt, eine große Zuschauerkulisse, Medien, Druck von außen. Ich habe deshalb auch zugesagt, als mich Arsenal für einen Monat an den Zweitligisten Wimbledon ausgeliehen hat.
Frage: In Deutschland ein undenkbares Szenario, ein Ausleihgeschäft für vier Wochen. Unter einem halben Jahr läuft gar nichts.
Volz: Was sehr schade ist. Weil sich so Akteure, die in der ersten Liga noch nicht zum Zuge gekommen sind, wertvolle Spielpraxis holen können. Das englische System ist sehr flexibel. Läuft es gut, kann der Spieler auch länger beim unterklassigen Klub bleiben, sitzt er nur auf der Bank, kann er sofort von seinem Stammverein zurückgeholt werden. Und das binnen 24 Stunden. Wie wertvoll das sein kann, sieht man an Ashley Cole. Kurz bevor der den Sprung in die erste Arsenal-Mannschaft geschafft hat, wurde er noch für kurze Zeit an Crystal Palace ausgeliehen.
Frage: Wimbledon war für Sie also eine wertvolle Erfahrung?
Volz: Auf jeden Fall, obwohl mir auch danach der Sprung in die erste Mannschaft von Arsenal nicht gelungen ist. Es war deshalb richtig, nach Fulham zu wechseln, dort habe ich mich dann durchgesetzt.
Frage: Sie gehören dort zur Stammformation. Müssen Sie sich schon der Fans erwehren?
Volz: Bei mir ist es noch nicht so arg. Ich fahre sehr häufig mit dem Zug zum Training, die Abteile sind voll, alle halten ihre Nasen in die Zeitungen und es interessiert sich niemand für dich. Weil dich die Leute nicht kennen, weil sie dich nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln erwarten oder weil sie sich nicht für dich interessieren. Ich genieße diesen Freiraum sehr.
Frage: Das wird vermutlich nicht mehr lange so bleiben.
Volz: Natürlich. Je mehr Spiele ich mache, desto bekannter werde ich. Aber bisher überwiegen ganz eindeutig die netten Erlebnisse. Weil ich gerade umziehe, war ich neulich in einem Baumarkt, um mir ein paar Zollstöcke zu kaufen, und plötzlich entpuppten sich die Angestellten allesamt als eingefleischte Fulham-Anhänger. Da gab es dann gleich Discount-Preise für mich. Ein glücklicher Zufall.
Frage: Bei Fulham haben Sie eine sehr gute Saison gespielt, in Deutschland mitbekommen hat das aber anscheinend niemand.
Volz: Wir sind vergangene Serie Neunter in der Premier League geworden, das beste Ergebnis in der Vereinsgeschichte. Dann ist es schon ein bisschen frustrierend, wenn im DSF unser Spiel gegen Liverpool gezeigt wird, ich mich ständig durchs Bild flitzen sehe und der Kommentator nur Dietmar Hamann erwähnt.
Frage: Mit der medialen Nichtbeachtung war es spätestens vorbei, als Bundestrainer Klinsmann Sie vergangenen November in den Kader der Nationalmannschaft gegen Kamerun berief.
Volz: Manchmal habe ich mich gefragt, wo die Medien waren, als ich sie ganz gut hätte gebrauchen können, im vergangenen Jahr vor allem. Das Interesse ist immer nur sehr punktuell.
Frage: Wie verliefen Ihre ersten Gehversuche bei der Nationalelf?
Volz: Klar, man ist ein bisschen aufgeregt, wenn man das erste Mal zur Nationalelf fährt. Aber das ist schnell verflogen, manche Spieler kennt man ja auch noch von früher.
Frage: Ist eine Rückkehr in die Bundesliga für Sie denkbar?
Volz: Die Frage stellt sich noch nicht für mich. Ich bin bei Fulham auf einem sehr guten Weg und ich fühle mich in London sehr wohl. Entscheidend ist für mich, zu spielen und mich weiter für höhere Aufgaben zu empfehlen. Ob in England oder in Deutschland.
Frage: Angenommen, Sie wechselten zurück in die Bundesliga. Käme dann noch der Wehrdienst auf Sie zu?
Volz: Nein, auf mich nicht mehr. Ich hatte zwar eine Vorladung, aber dann hat sich alles durch meinen Auslandsaufenthalt verzögert und mittlerweile waren meine beiden Brüder schon dran. Nun muss ich nicht mehr hin, der dritte Sohn einer Familie ist vom Wehrdienst befreit.
Das Interview führten Philipp Köster und Trevor Wilson