Vor Rumänien: Mut zur offensiven Formation - DER SPIEGEL
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Vor Rumänien Mut zur offensiven Formation

Vor dem ersten Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist zu hoffen, dass der Respekt vor Gegner Rumänien nicht zu der in der Vorbereitung dargebotenen Verhinderungstaktik führt.
Von Herbert Neumann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?


So könnten sie spielen

Niemand bezweifelt, dass die deutsche Mannschaft ihr erstes Spiel bei der Europameisterschaft gewinnen will, um dem angestrebten Ziel Viertelfinale näher zu kommen. Und die Voraussetzungen dazu sind allemal gegeben: Wir haben gute Spieler und treten gegen eine Mannschaft an, die durchaus schlagbar ist. Selbst eine Niederlage gegen Rumänien wäre, entgegen der vorherrschenden Meinung, in den folgenden Gruppenspielen gegen England und Portugal noch zu korrigieren.

Die meist verbreitete These im modernen Fußball lautet: "Der Star ist die Mannschaft." In Rumänien, einem Land, in dem die Verherrlichung von Stars zur Kultur gehört, gilt dies mit erheblicher Einschränkung. Wenn ich einen Gheorghe Hagi in der Mannschaft habe, muss ich den Gedanken des Teamsports anders denken.

Die Qualitäten eines dermaßen begnadeten Fußballers kommen nur dann zur Geltung, wenn man ihn als Trainer auf dem Platz frei spielen und entscheiden lässt. Genau diese Ausnahmeposition aber ist es, die zu einer Schwächung der eigenen Mannschaft führen kann.

Um das zu vermeiden, gilt es, die Unberechenbarkeit Hagis durch komplementäre Eigenschaften anderer Spieler auszugleichen. Durch Spieler, die bereit sind, die Rolle des hartarbeitenden Teamspielers zu akzeptieren. Deshalb ist es durchaus denkbar, dass Rumänien gegen Deutschland zu einem 3-5-2-System zurückkehrt, um mit zwei zentralen, eher kontrollierend-korrigierenden Mittefeldspielern (Galca und Lupescu) die Exzentrik des Stars zu kompensieren.

Hagi ist nicht auszuschalten, was immer man sich als Trainer der gegnerischen Mannschaft auch überlegt. Der 35-Jährige ist ein Meister des Freilaufens. Das beginnt meistens schon in den Momenten, in denen der Gegner den Ball hat. Hagi antizipiert den Ballverlust, um dann sofort anspielbar zu sein. Es macht keinen Sinn, einen Spieler zur Bewachung des rumänischen Spielmachers abzustellen - darunter leidet lediglich die Organisation des eigenen Teams. Eine Kombination von Mann- und Raumdeckung im Mittelfeld ist die richtige taktische Antwort auf Hagi.

Respekt, aber auch nicht mehr

In der rumänischen Abwehr stehen mit den zwei Manndeckern Cibotariu und Filipescu sowie dem umsichtigen Libero Popescu körperlich große Spieler. Munteanu und Petrescu sorgen für eine gute Besetzung der Flanken, und im Angriff verfügt man über viel Potenzial: Moldovan ist äußerst torgefährlich, Ilie schnell und dribbelstark. Und mit dem eleganten Ganea und dem äußerst talentierten Mutu hat man mehr als gute Alternativen auf der Bank.

Die Mannschaft Rumäniens verdient Respekt, aber auch nicht mehr. Sie verfügt über einige sehr interessante Spieler, die durch ihren Spielwitz, ihre Unberechenbarkeit, häufig aber leider auch durch ihre Ineffizienz und ihren Mangel an (taktischer) Disziplin auffallen.

Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft gegen diesen Gegner mit einer im Vergleich zu den letzten Testspielen gewagteren Aufstellung antreten sollte. Damit würde das Team von Erich Ribbeck seine Chancen zu gewinnen keinesfalls mindern, die Möglichkeit, ansehnlichen Fußball zu zeigen, nähme in jedem Fall zu.

Eine Mittelfeldbesetzung mit zwei offensiven, kreativen Spielern (Scholl mit Häßler oder Wosz) würde den deutlichen Wunsch signalisieren, gewinnen zu wollen. Den Gedanken, daneben die beiden Außenpositionen mit offensiv-denkenden Spielern (Deisler rechts und Ziege links) zu besetzen, wage ich kaum auszusprechen. Ich glaube jedoch, dass Deisler und Häßler über rechts ein gutes Paar wären und sich gegenseitig auch im Defensivverhalten ergänzen können, so wie ich das bei Scholl und Ziege auf der anderen Seite vermute. Zudem verfügt die deutsche Mannschaft mit Lothar Matthäus über einen sehr erfahrenen freien Verteidiger, der in der Lage ist, mögliche Fehler zu korrigieren.

Was den Sturm betrifft, sollte man sich die Beweglichkeit, Freude und Frische, die Carsten Jancker momentan ausstrahlt, zu Nutzen machen. Zusammen mit Rink (oder Kirsten) wäre man weniger statisch und dadurch flexibler in der Angriffsgestaltung.

So könnten sie spielen

So könnten sie spielen

Foto: SPIEGEL ONLINE