Wembley-Stadion: Mall statt Mythos - DER SPIEGEL
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Wembley-Stadion Mall statt Mythos

Wembley, das ist immer noch ein großer Name. Doch durch den Neubau hat das Stadion seinen Zauber verloren, schreibt Hendrik Buchheister in der ersten Folge seiner Kolumne Life Goals.
Wembley-Stadion
Wembley-Stadion

Wembley-Stadion

Foto: Matthew Lewis/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zu meinen ersten Erinnerungen an das Land, in dem ich neuerdings wohne, gehört ein Besuch im Wembley-Stadion. Im Frühjahr 1999, wenige Wochen vor einem gewissen Champions-League-Finale zwischen Manchester United und dem FC Bayern, war ich mit meinem damals besten Freund und seiner Mutter zum Urlaub in London. Wir waren gerade so Teenager, und weil wir uns im Grunde für nichts anderes interessierten als für Fußball, stand eine geführte Tour durch das Wembley-Stadion prominent auf der Liste.

Ich erinnere mich, wie unsere Schritte immer schneller wurden, als wir auf das Stadion zugingen, so, als hätten wir Angst, dass es sich im nächsten Moment in Luft auflösen könnte. Es hatte damals noch die beiden weißen Türme, war ziemlich flach und sehr grau, von außen und von innen. Trotzdem habe ich mich, als wir durch den Spielertunnel in den Innenraum getreten sind, gefühlt wie an einem heiligen Ort.

Das lag einerseits vermutlich daran, dass meine einzige Vergleichsgröße bis dahin das noch grauere VfL-Stadion am Wolfsburger Elsterweg war, andererseits aber eben auch daran, dass Geschichte spürbar wurde, beziehungsweise: ich mir das einbildete. Die Geschichte des Wembley-Tors 1966 und von Andreas Möllers Elfmeter mit anschließendem Stolzer-Gockel-Jubel 1996.

Autoren-Info
Foto: Verena Knemeyer

Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

Kolumne Life Goals

Unseren vorher gefassten Plan, den mitgebrachten Fußball ohne Absicht und vollkommen aus Versehen auf das Spielfeld zu werfen, um ihn dann wiederzuholen und dafür einmal den berühmten Wembley-Rasen betreten zu müssen, haben wir jedenfalls wieder verworfen, und vermutlich hatte das damit zu tun, dass wir keine Unruhe stiften wollten an diesem geweihten Ort. Es schien dem englischen Stadionführer schon zu reichen, dass wir uns auffallend stark dafür interessierten, auf welcher Seite des Felds denn Andreas Möller seinen Elfmeter geschossen und gejubelt hatte.

In diesem Sommer bin ich nach England gezogen, seitdem war ich zweimal im Wembley-Stadion, ohne eigenen Ball, dafür in hochprofessioneller Journalistenmission: beim Spiel zwischen Tottenham und Dortmund in der Champions League und zum Länderspiel der Engländer gegen Slowenien.

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Wembley-Stadion: Klassiker in zweifacher Auflage

Foto: FRANK LEONARD TEWKESBURY/ AP

Das Stadion aus meiner Erinnerung gibt es nicht mehr, es wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der groß und protzig ist und anstelle von zwei Türmen einen weißen Henkel hat, der schon zu sehen ist, wenn man mit dem Zug von Norden in London einfährt.

Mein Gang wird immer noch schneller, wenn ich auf das Wembley-Stadion zugehe, es hat immer noch seine Anziehungskraft, aber von innen fühlt es sich kalt und anonym an, dann verliert der Mythos alles Mythische, so empfinde ich das jedenfalls.

Luftbild vom alten Wembley-Stadion

Luftbild vom alten Wembley-Stadion

Foto: Central Press/ Getty Images

Beim Slowenien-Spiel war das Stadion halb leer, und weil die Darbietung auf dem Rasen von beeindruckender Armseligkeit war, ließen die Zuschauer zur eigenen Bespaßung Papierflieger durch das Riesenrund segeln. Es war eine bizarre Veranstaltung, und ich fragte mich, ob die Stimmung im VfL-Stadion am Elsterweg jemals derart trostlos war.

Überall werden im Moment alte Stadien planiert, in England mit besonderer Vorliebe, und durch neue Arenen ersetzt, die das Flair eines Einkaufszentrums haben, was ja ganz gut dazu passt, dass Fußball immer mehr zum Konsumgut wird. Doch nicht nur das Wembley-Stadion hat sich verändert seit meinem ersten Besuch, auch ich habe mich verändert. Ich habe den sachlichen Erwachsenenblick bekommen und verdiene übrigens mein Geld damit, an allem Möglichen herumzunörgeln.

Mein Teenager-Ich wäre wahrscheinlich immer noch begeistert vom Wembley-Stadion. Wegen der reinen Größe - und weil es eben das Wembley-Stadion ist.

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