Bremer Fan-Projekt vs. Polizei "Beängstigende Atmosphäre"
Beamte und Fans in Bremen: "Polizeistrategie bereitet Sorge"
Foto: Carmen Jaspersen/ picture alliance / dpaWenn an diesem Samstag der SV Werder den FC Augsburg empfängt (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), wird nicht nur das Geschehen auf dem Rasen interessant sein. Auch Polizisten und Fans stehen unter Beobachtung. Genauer: Polizisten und die Bremer Ultras. Denn der an vielen Bundesliga-Standorten schwelende Konflikt zwischen Staatsmacht und hartem Kern der Fans wird in Bremen offen ausgetragen in diesen Tagen.
Ausgerechnet in Bremen, wo Polizeieinsätze beim Fußball ohnehin ein brisantes Thema sind, ein Politikum, weil der Senat die Kosten bei riskanten Spielen künftig nicht mehr alleine tragen will. Und wo das Verhältnis zwischen Fans und Polizei lange als entspannt galt.
Davon kann keine Rede mehr sein, wenn man der Darstellung des Bremer Fan-Projekts folgt. Das Fan-Projekt ist eine sozialpädagogische Einrichtung, die mit jungen Fans zusammenarbeitet und sich für die Interessen der Ultras stark macht. Die Mitarbeiter der Einrichtung beobachten "ein zunehmend aggressives Vorgehen der Bremer Polizei" gegen Werder-Fans, heißt es in einer Mitteilung, die das Fan-Projekt nach dem jüngsten Heimspiel gegen Bayer Leverkusen (2:1) herausgebracht hat. Durch überhöhte Polizeipräsenz habe am Spieltag eine "beängstigende Atmosphäre" geherrscht.
Das Fan-Projekt wirft der Polizei vor, die Bremer Fanszene zu kriminalisieren und verlangt Dialog und Deeskalation. Nicht dass es irgendwann zum großen Knall kommt zwischen Polizisten und Ultras. "Jugendliche schreiben keine Petition. Sie reagieren auch wieder in gewalttätiger Weise", sagt Manfred Rutkowski vom Fan-Projekt. Er fürchtet, dass sich der Konflikt hochschaukelt.
In Bremen wird in diesen Tagen eine knifflige Frage diskutiert: Wie soll ein Polizeieinsatz beim Fußball aussehen? Und wie nicht?
Das Fan-Projekt hat wenig Verständnis, dass die Ultras auf dem Weg zum Stadion von der Polizei gefilmt werden, dass die Polizisten "in voller Kampfmontur ihren Dienst" verrichten würden, wie Rutkowski sagt, und dass beim Spiel gegen Leverkusen auch Polizisten vor dem Ostkurvensaal in Stellung gegangen seien, dem Treffpunkt der Ultras, obwohl es ein Übereinkommen mit der Polizei gibt, hier zurückhaltend aufzutreten. Das Fan-Projekt wirft der Polizei Unverhältnismäßigkeit vor.
Die Polizei bestreitet, dass es eine verschärfte Taktik gibt. Einsatzleiter Heinz-Jürgen Pusch berichtet, dass Bremer Ultras vor dem Spiel gegen Leverkusen Polizisten mit Flaschen beworfen hätten. Vor dem Ostkurvensaal sei es darum gegangen, einem Bus mit sogenannten Problemfans aus Leverkusen die sichere Durchfahrt zu ermöglichen.
Das Verhältnis zwischen den eher unpolitischen Ultras aus Leverkusen und den linksorientierten Bremern ist schlecht, deshalb war die Polizei auf Ärger eingestellt. Insgesamt beschreibt Einsatzleiter Pusch die Taktik als zurückhaltend, am vergangenen Spieltag und grundsätzlich. Fan-Projekt und Polizei liegen ziemlich weit auseinander in ihren Ansichten.
Seit anderthalb Jahren verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Bremer Ultras und der Polizei. Dazu tragen beide Seiten bei.
- Beim Abschiedsspiel für Torsten Frings im September 2013 prügelten sich Werder-Fans untereinander.
- Die Polizei stört sich am Pyrotechnik-Einsatz vor allem auswärts und in der vergangenen Saison beim heimischen Derby gegen den Hamburger SV.
- Beim Heimspiel gegen Borussia Dortmund (2:1) am Ende der Hinrunde sollen Werder-Fans Polizisten verletzt haben, die Polizei wiederum griff angeblich Ultras und Mitarbeiter des Fan-Projekts an. Interne Ermittlungen gegen mehrere Polizisten laufen.
Die Bremer Ultraszene hat sich in den vergangenen Jahren in viele Gruppen gespalten, das macht es der Polizei schwer, den Überblick zu behalten. Außerdem begegnen sich Fans und Polizisten nicht nur am Spieltag. Als neulich die AfD ihren Parteitag in Bremen abhielt, bewacht von einem großen Polizeiaufgebot, waren auch Werder-Fans unter den Gegendemonstranten. Rutkowski vom Fan-Projekt spricht davon, dass zwischen einigen Ultras und der Polizei ein Kleinkrieg ausgetragen werde, der über den Fußball hinausgehe. Einen Dialog zwischen den Konfliktparteien gibt es nicht.
Dafür führen die Mitarbeiter des Fan-Projekts viele Gespräche in diesen Tagen. Am Donnerstag gab es eine Zusammenkunft mit Vertretern von Werder und der Polizei, am Freitag hatte Innensenator Ulrich Mäurer einen Termin beim Fan-Projekt. Für kommenden Dienstag ist ein Gespräch mit dem Polizeipräsidenten vereinbart.
Das Fan-Projekt will eine Diskussion anstoßen mit dem Schritt an die Öffentlichkeit - und das scheint zu gelingen. Ob sie Erfolge bringt, wird sich schon am Samstag zeigen: bei Werders Heimspiel gegen Augsburg.