Werder Bremen Luschig Punkte liegen lassen
Es wird in der Bundesliga im Laufe einer Woche viel gemault und gemeckert, und meistens sind die Beschwerden nicht weiter der Rede wert. Das war aber ganz anders, als sich Frank Baumann meldete, der sonst nicht für dramatische öffentliche Stellungnahmen bekannt ist. Nach dem enttäuschenden 0:0-Unentschieden in der Champions League gegen Anorthosis Famagusta hatte der verletzte Mannschaftskapitän von Werder Bremen jedoch zu einer Kritik angesetzt, die fundamentale Züge hatte.
"Wir haben ein Einstellungsproblem", sagte Baumann, "bei uns wird zu häufig die mannschaftliche Geschlossenheit und der unbedingte Siegeswille vernachlässigt." Der eher reservierte Baumann räumte ein, "so etwas nur ungern zu sagen". Aber er wollte auf einen chronischen Zustand hinweisen, denn "auch in der letzten Saison haben wir viele Punkte einfach so liegen gelassen".
Manager Klaus Allofs versuchte, diese Kritik umgehend zu relativieren und meinte, sie sei "zu oberflächlich". Trainer Thomas Schaaf hingegen fand lobende Worte für die Äußerungen des 32-Jährigen: "Wir sind nicht zerstritten. Baumann hat als Kapitän Dinge angesprochen, die ihm aufgefallen sind. Ich finde es gut, wenn er sich und die Mannschaft in die Pflicht nimmt."
Aber Baumanns Wortmeldung bestätigte den Eindruck, dass der SV Werder viel vom Zauber der letzten Jahre verloren hat. Schon in der Vorsaison gab es einen Durchhänger, der aber nicht bestraft wurde, weil die Konkurrenz die Nachlässigkeit von Werder nicht auszunutzen vermochte.
Neu ist das Phänomen etwas luschig geführter Spiele, wie in dieser Saison in Bielefeld, Mönchengladbach und gegen Famagusta nämlich nicht. "Wir haben das schon häufiger besprochen im Team, aber es hat sich nichts geändert", sagte Baumann. Doch dieses Defizit trägt nicht als einziges zum Eindruck bei, dass Werder nicht mehr der Musterschüler der Bundesliga ist, der stets alles besser macht. Die Affäre um die medizinische Betreuung von Ivan Klasnic und die mögliche Mitschuld an seiner schweren Nierenerkrankung haben das Image des stets verbindlich familiären Großclubs geschädigt.
Auf der anderen Seite hat die Transferpolitik deutlich an Kontur verloren. Der FC Bayern investierte im letzten Jahr massiv und konsolidiert in dieser Saison, Schalke verstärkte sich im Sommer endlich einmal gezielt und mit hohem Einsatz, der Hamburger SV dreht schon länger ein großes Rad und Leverkusen bastelt an einem jungen Team mit Zukunft. Woran Werder eigentlich arbeitet, ist nicht so richtig auszumachen.
Seit dem Desaster bei der Verpflichtung von Carlos Alberto scheint bei der sportlichen Führung das Zutrauen ins eigene Urteil erschüttert zu sein. Der mit fast acht Millionen Euro teuerste Transfer der Vereinsgeschichte des letzten Sommers entpuppte sich zugleich als der schlechteste, nur mit Mühe und Not konnte Carlos Alberto nach Brasilien verliehen werden. In diesem Sommer kamen - trotz des Abgangs von Borowski und Klasnic - eher Talent als Klasse.
Auch die kurzfristige Verpflichtung von Claudio Pizarro könnte sich als eher nostalgische denn wirklich hilfreiche Verpflichtung erweisen. In seinem Jahr bei Chelsea war der Peruaner ohne Chance, und schon bei seinem Abgang vom FC Bayern hatte ihn in München niemand mehr vermisst. Allofs hat recht damit, dass Pizarro noch Zeit gegeben werden muss, um sich einzuspielen, denn er kam ohne Vorglühzeit in Bremen zum Einsatz. Doch ist auch nicht mehr ganz auszuschließen, dass die guten Tage von Pizarro nicht in der Zukunft liegen, sondern in der Vergangenheit.
Dass Werder sich bislang aber gerade im Angriff schwer tut, ist deshalb besonders gravierend, weil die Bremer dreimal hintereinander in der Bundesliga die meisten Tore schossen - was aber angesichts der vielen Gegentore auch nötig war. Thomas Schaaf hat Werder in den letzten Jahren beileibe nicht zu einem Club der Abwehrkünstler gemacht, was in der Champions League mitunter fast peinlich offenbar wurde. Zumindest aber hat es fast immer Spaß gemacht, ihnen zuzusehen. Doch im Moment stimmen weder die Ergebnisse noch die Noten für den künstlerischen Ausdruck oder die Haltung des Teams - wenn man dem Kapitän glaubt. Wobei der Appell von Baumann vielleicht zum falschen Zeitpunkt kommt, denn im Spiel gegen den ewigen Rivalen FC Bayern müsste sich die Frage nach der Einstellung von selbst beantworten.
Eigentlich.