Werder-Kader: Viele Verletzte, viele Unruhestifter
Werder Bremen Waidwund an der Weser
Es ist so etwas wie ein kleines Wunder an der Weser: Werder Bremen hat einen neuen Innenverteidiger verpflichtet. Sein Name: Sokratis Papastathopoulos. Der 23-jährige Grieche wird vom CFC Genua ausgeliehen, die Kosten für den Nationalspieler belaufen sich auf 600.000 bis 800.000 Euro. Soweit nichts Ungewöhnliches.
Der Hickhack, der dem Transfer vorausging, rief allerdings große Verwunderung hervor. Handelt es sich doch um vergleichsweise wenig Geld im Multimillionen-Geschäft Bundesliga. Dachten auch Trainer Thomas Schaaf und Geschäftsführer Klaus Allofs, die den zwischenzeitlich an den AC Mailand ausgeliehenen Papastathopoulos am liebsten schon vor Wochen geholt hätten, um endlich die Verteidigung zu stärken. Der brasilianische Abwehrchef Naldo ist schließlich seit mehr als einem Jahr verletzt, Per Mertesacker und Sebastian Prödl fehlen auf unbestimmte Zeit. Auch Sebastian Boenisch und Mikael Silvestre fallen noch für Monate verletzungsbedingt aus.
Deshalb stand Papastathopoulos schon lange als Wunschkandidat fest. Doch der Aufsichtsrat stellte sich quer: Der Transferetat sei bereits aufgebraucht, hieß es. "Das Planbudget 2011/2012 beinhaltet bereits jetzt signifikante Ausgaben, die deutlich über die erwarteten Einnahmen hinausgehen", sagte Aufsichtsratchef Willi Lemke. Demnach seien bereits für die bisherigen Verpflichtungen Mehmet Ekici (Bayern München), Lukas Schmitz (Schalke) und Andreas Wolf (Nürnberg) "erhebliche Mittel" zur Verfügung gestellt worden, die offenbar das verfügbare Budget deutlich belasten.
Für Investitionen sind Spielerverkäufe oder neue Sponsoren nötig
Geschäftsführer und Trainer machten ihrem Frust Luft. Allofs trug - unüblich für den als harmonisch und seriös geführt geltenden Club - öffentlich einen Streit mit Lemke aus. Werders ehemaliger Clubchef Jürgen L. Born kritisierte die Vorkommnisse scharf: "Die momentane Unsicherheit in der Clubführung sowie die überdimensionalen Auftritte des Aufsichtsrats haben etwas von Verblendung", sagte Born der "Kreiszeitung Syke". Er forderte im Machtkampf zwischen Lemke und Allofs vor allem von Lemke: "Optimales Handeln und weniger reden - so wie es einmal war."
Zwar einigten sich Lemke und Allofs jetzt nach einer vierstündigen Aussprache in "konstruktiver Atmosphäre" (Lemke) auf das weitere Vorgehen bei der Verpflichtung neuer Spieler. Doch Lemke hielt an der Maxime fest, dass nur das Geld ausgegeben werden könne, das man auch habe. Offenbar hatte Allofs ein finanziell machbares Konzept vorgelegt, das nun das schnelle Handeln ermöglichte. Jedoch muss Allofs im Einzelfall bei Lemke um Erlaubnis fragen, will er noch Spieler verpflichten. Zuvor hatte Lemke gefordert: "Eine Veränderung der Haushaltslage muss erfolgen. Entweder durch den Verkauf von Spielern oder etwa einen neuen Sponsor."
"Wir müssen auf Dauer mit diesem Kader international vertreten sein"
Ohne Champions League und erhebliche Transfererlöse - in den Vorjahren etwa für Diego oder Mesut Özil - sind die fetten Jahre vorerst vorbei, große Sprünge nicht mehr drin. Der Spieleretat ist in dieser Saison im Vergleich zum Vorjahr von 46 auf geschätzte 40 Millionen Euro geschrumpft, die Rückkehr ins internationale Geschäft scheint die einzige Lösung zu sein. "Es fehlen 25 Millionen Euro aus der Champions League und der Verkaufserlös von Özil", so Allofs: "Wir müssen auf Dauer mit diesem Kader international vertreten sein."
Im öffentlichen Bild sind die Rollen nach dem Streit klar verteilt: Auf der einen Seite der pingelige Lemke, der mit altmodischem Denken und Handeln dem Aufbau einer wettbewerbsfähigen Mannschaft im Wege steht. Auf der andere Allofs, der ein Konzept im Kopf hat, aber die Mittel nicht bekommt, seine Pläne umzusetzen. Dabei trägt Allfos eine große Mitschuld daran, dass der Verein überhaupt in die jetzige Notlage geraten ist.
Der rechtzeitige Umbruch im Team wurde verpasst. So blieb etwa nach dem Weggang Özils nach Madrid die zentrale Position im Mittelfeld unbesetzt. Aaron Hunt und Marko Marin bewiesen mehrfach, dass sie in einer funktionierenden Elf durchaus bereichernd wirken können. Ein Spiel lenken oder gar einer Partie eine entscheidende Wendung geben, können sie nicht. Der Brasilianer Wesley führte sich in der vergangenen Saison vielversprechend ein, plagte sich dann aber mit Verletzungen und musste zudem oft defensiv aushelfen.
Die Hoffnungen ruhen nun auf Mehmet Ekici. Doch der Fünf-Millionen-Euro-Zugang musste das Trainingslager wegen hartnäckiger Leistenbeschwerden abbrechen. Zuvor getätigte Aussagen Ekicis zu seinem - nach eigenen Angaben - Schwachpunkt Leiste versuchte Werder am Mittwoch wieder ins rechte Licht zu rücken. Per Presseerklärung stellte der Club klar, dass Ekici in der vergangenen Saison nicht immer wieder fit gespritzt worden sei. Der Spieler selbst hatte am Tag zuvor gesagt, die Vorsaison komplett unter Schmerzen gespielt zu haben. Derzeit ist unklar, wann Ekici für Werder auflaufen kann. Immerhin verkündete Schaaf optimistisch: "Ich gehe davon aus, dass er nach dem Wochenende wieder trainiert."
Ekici soll der Mann der Werder-Zukunft werden. Doch die Lage im Verein hat vor allem bei langjährigen Spielern für Unmut gesorgt - und für Wechselgedanken. Alt-Star Torsten Frings ging nach geplatzten Verhandlungen nach Toronto, Torhüter Tim Wiese flirtete öffentlich mit dem VfL Wolfsburg. Und nun droht auch noch Star-Angreifer Claudio Pizarro mit seinem Abgang, sollte der Club erneut den Europapokal verpassen: "Wenn wir nicht international spielen, werde ich mir Optionen anschauen", setzt der Peruaner den Club unter Druck. Auf eine katastrophale Saison 2010/2011 droht an der Weser eine nicht minder schwierige Spielzeit 2011/2012 zu folgen.