Werder-Pleite: Operation Selbsttäuschung - DER SPIEGEL
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Champions League: Werder vor dem Knock-Out

Foto: Martin Meissner/ AP

Werder-Pleite Operation Selbsttäuschung

Bei Werder liegt Grundsätzliches im Argen - und keiner im Verein will es wahrhaben. Trainer Schaaf und Chef Allofs verbreiten nach der Champions-League-Niederlage gegen Enschede krampfhaft Optimismus. Grund dafür haben sie nicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dem Bremer Stammpublikum bietet sich nach dem Debakel ein merkwürdiges Bild. Zuschauer, die die Stätte an diesem Dienstagabend noch nicht fluchtartig verlassen haben, werden nach der 0:2 (0:0)-Heimpleite gegen Twente Enschede Zeuge eines allerletzten Rettungsversuchs.

Offenbar auf Anweisung und Anleitung ihres Sportdirektors Klaus Allofs versammeln sich die deprimierten Profis am Mittelkreis. Und dann redet Allofs. Lange und eindringlich.

Der Inhalt? "Das geht nur mich und die Mannschaft etwas an", sagt der 53-Jährige später knapp. Die Spieler verraten etwas mehr. Offensivspieler Aaron Hunt: "Er hat gesagt, dass wir alle zusammenbleiben sollen und keiner sein eigenes Ding machen soll."

Jetzt wird also noch auf dem Rasen an Gemeinsinn und Solidarität appelliert, wo zuvor nicht mal die Einbehaltung eines halben Gehalts gefruchtet hat. Wird das helfen? Wird dieser offenbar schwer erziehbare Kader mit Ansprachen auf Kurs zu bringen sein?

"Das Potential ist vorhanden", sagt Allofs. "Wenn es abgerufen wird, dann ist diese Mannschaft gut genug".

Werder droht alle Saisonziele jetzt schon zu verfehlen

Die Bremer Lage ist aktuell so: abgehängt in der Liga, ausgeschieden im Pokal und nun fast chancenlos in der Champions League. Zwei Punkte aus vier Partien sind eine furchtbare Bilanz. Weil außerdem der direkte Vergleich gegen den niederländischen Meister aus Enschede verloren ist, wird selbst der dritte Rang in der Champions League unwahrscheinlich - und damit das Überwintern in der Europa League.

Die Bremer wollen das nicht recht wahrhaben. "Die Enttäuschung ist riesengroß, aber ich will diesen Wettbewerb noch nicht aufgeben", sagt Allofs über die Champions League. "Vielleicht können wir aus einer unmöglichen Situation noch etwas bewegen." Und: "Für die Bundesliga stimmt mich diese Leistung eher zuversichtlich."

Trainer Thomas Schaaf stellt nach dem Spiel dermaßen eindringlich heraus, dass er zu seiner Mannschaft geredet hat, dass man annehmen muss, er tue das in der Regel nicht. Er sagt, um ans Weiterkommen zu denken, brauche man nun sicherlich "ein bisschen Fantasie". Werder wolle in den zwei ausstehenden Champions-League-Partien bei Tottenham Hotspur und gegen Inter Mailand aber noch "viel Gutes" tun. Vielleicht könne man diese Spiele "auch genießen".

Nicht wenige fragen sich, wie das gelingen soll, wenn auch Cheftrainer Schaaf wie ein verzweifelt Suchender wirkt - zum ersten Mal in seiner nunmehr elfjährigen Tätigkeit.

Alles wechselt wahllos

Selten hat ein Werder-Team so wenig die Handschrift von Thomas Schaaf gezeigt wie in dieser Saison. Systeme und Spieler wechseln so beliebig wie wahllos.

Zum Beispiel jetzt gegen Enschede. Da hat Schaaf eine Gewaltrotation angeworfen: Er hat zurück zur Raute im Mittelfeld gewechselt, in der Abwehr hat er Torsten Frings als Innenverteidiger aufgestellt, Sebastian Prödl und Wesley als Außenverteidiger vertraut. Ein Unterfangen, das gewaltig schiefging. Der 33-jährige Frings wurde mehr als einmal von den schnellen niederländischen Offensivleuten überlaufen - und als er sich am alles überragenden Bryan Ruiz eine Rote Karte wegen einer Notbremse einfing, war dies nach 75 Minuten "der Knackpunkt" (Marko Marin). Das ohnehin instabile Gebilde brach danach vollends zusammen, was Nacer Chadli (81.) und Luuk de Jong (84.) mit ihren Toren bestraften. Wobei ausgerechnet die bis dahin fleißigsten Bremer, der Däne Daniel Jensen und der Brasilianer Wesley, durch Ballverluste mithalfen.

Wesley gesteht eine Mitschuld ein ("das war ein Fehler und eine unglückliche Situation") - Rotsünder Frings hingegen nicht ansatzweise. "Mir blieb doch nicht viel übrig", sagt er. "Lieber wollte ich mich opfern, als ein Gegentor zuzulassen." Am Ende war die Bilanz: Rot für Frings. Und den Gegentreffer, den er per Notbremse unbedingt verhindern wollte, gab es trotzdem.

Was ist mit Schaaf los?

Chefcoach Schaaf hat in seinen vielen Bremer Jahren ausgezeichnet, das richtige Gespür für die Zusammenstellung der Mannschaft zu besitzen. Genau das steht nun in Frage. Sein Geheimnis bleibt, warum er nicht das gewohnte Innenverteidigerduo Per Mertesacker und Sebastian Prödl zusammenließ - und dafür Frings auf die rechte Außenbahn schob, wo er in seiner Werder-Anfangszeit und jahrelang in der Nationalmannschaft gespielt hat.

Bei Werder werden solche Fragen ausgespart. Grundsätzliche Schelte an Schaafs Wirken gehört sich in Bremen nicht. Der Cheftrainer gibt die Parole vor: "Wir haben uns in die richtige Richtung bewegt. Es ist nur das falsche Ergebnis herausgekommen." Und andere sprechen es nach. "So blöd sich das anhört: Wir müssen genauso weitermachen, genauso fighten, rackern und kämpfen", sagt Frings. "Dann sind wir auf dem richtigen Weg."

Der (irritierend langsame) Abwehrchef Mertesacker flüchtet dagegen in Fatalismus. "Grundsätzlich gibt es Schlimmeres im Leben, als ein Fußballspiel zu verlieren. Wir versuchen, uns jetzt auf den Bundesliga-Alltag zu konzentrieren. Das ist der Rest, der uns noch geblieben ist."