Werder-Trainer Schaaf "Ich will sein, wer ich wirklich bin"
Werder-Trainer Schaaf: "Da kommen Emotionen ins Spiel"
Foto: A3511 Soeren Stache/ dpaFrage: Herr Schaaf, haben Sie nach all den Jahren überhaupt noch Lust, über Fußball zu reden?
Thomas Schaaf: Aber natürlich! Ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit darüber reden, das erschöpft sich nie. Egal, wen man trifft, man hat immer ein Thema. Das ist ja das Schöne am Fußball.
Frage: Brauchen Sie denn nie eine Pause?
Schaaf: Manchmal schon. Nach einer intensiven Phase mit so vielen Spielen wie im vergangenen Frühjahr bin ich froh, im Urlaub zu sein. Dann denke ich: Ah, herrlich, diese Ruhe! Aber schon nach einigen Tagen spreche ich gerne wieder über Fußball.
Frage: Aber mal ehrlich: Sie vermissen doch nicht den Fan, der Erklärungen für die Schlappe gegen Bielefeld einfordert.
Schaaf: Da kommt es doch nur darauf an, in welchem Ton so etwas verläuft. Wenn jemand auf mich zukommt und sich ehrlich für meine Meinung interessiert, dann rede ich gern mit ihm.
Frage: Thomas Schaaf erteilt Fußballnachhilfe am Stehtresen? Wir sind erstaunt.
Schaaf: Mit Nachhilfe hat das nichts zu tun. Ich unterhalte mich gern, ich kann doch im Gegenzug auch etwas lernen, indem ich frage: "Mensch, wie läuft es denn bei dir in der Firma?" Dann geht es zwar nicht mehr um Fußball, mitunter treffen die Leute aber genau die Punkte, um die es auch bei Werder geht. Zum Beispiel: Wie wichtig ist Teamwork gegenüber dem Freiraum, den ich als Chef dem Einzelnen lasse? Das kann ich auf meinen Job übertragen.
Frage: Und doch gibt es Unterschiede zwischen Werder und einem Maschinenbaubetrieb in Bremen-Hemelingen.
Schaaf: Auch wir sind eine Firma - eine "GmbH & Co. KGaA", wie es so schön heißt. Auch wir müssen auf Wirtschaftlichkeit achten. Aber wir sind zugleich ein Fußballverein. Und da kommen die Emotionen ins Spiel, wie sie bei einem Maschinenbauer die Ausnahme sein dürften. Wir wollen diese Emotionen wecken und erleben. Das ist unser Antrieb.
Frage: Was war Ihr bewegendster Moment in nunmehr zehn Jahren als Cheftrainer?
Schaaf: Die Feier mit den Fans nach dem Double 2004. Das war unglaublich! Wenn ich an die Blicke denke, die wir erhaschen konnten, da kam so viel zurück, das war das pure Glück. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut.
Frage: Als Sie nach dem entscheidenden 3:1 beim FC Bayern wieder in Bremen landeten, winkten Sie aus dem Cockpit. War das der kleine Junge, der 30 Jahre zuvor bei Werder angefangen hatte?
Schaaf: Ja, vielleicht. Das ist eigentlich ganz spontan passiert. Jemand in der Maschine hat mich gefragt: "Wollen Sie da oben mal rausgucken?" Und dann habe ich es einfach gemacht. Da fällt mir ein: Ich traf mal meine Grundschullehrerin wieder. Sie sagte: "Thomas, du wolltest immer schon Fußballer werden." Und so ist es gekommen. Das betrachte ich als mein wahres Privileg: Zu tun, was ich am liebsten mag.
Frage: Was wäre eigentlich aus Ihnen geworden, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte?
Schaaf: Ich hätte versucht zu studieren. Ich war immer an Architektur interessiert, am Planen, Entwerfen, Zusammenbauen. So weit bin ich davon heute ja nicht entfernt.
"Die Klischees sind mir geläufig"
Frage: Wenn Sie mit Ihrer Mannschaft beim Auswärtsspiel in Athen sind, sagen Sie dann: "Jungs, guckt euch mal die Akropolis an!"?
Schaaf: Ich erinnere mich noch, wie ich als Jugendspieler zu einem Turnier in Lugano gefahren bin. Da haben wir alle geschrieen: "Hurra! Wir machen Urlaub im Ausland!" Aber die Zeiten haben sich geändert. Solche Reisen sind heute an der Tagesordnung. Die Spieler interessieren sich dafür, wie sie sich auf die Partie vorbereiten können, und vielleicht noch für die Programmpalette im Hotelfernsehen. Rund ums Spiel ist auch gar keine Gelegenheit für Stadtbesichtigungen. Inwieweit ein Spieler tatsächlich bereit ist, sich kulturell zu bilden, das kann und werde ich nicht erzwingen.
Frage: Versuchen Sie denn, den Reifeprozess an der einen oder anderen Stelle zu forcieren?
Schaaf: Der moderne Fußball, die Arbeit in der Gruppe, all das beschleunigt diesen Prozess. Wo wir einwirken können, tun wir das. In Zusammenarbeit mit unserer Medienabteilung machen wir zum Beispiel Angebote, damit sich ein Spieler besser in der Öffentlichkeit präsentieren kann. Ich habe noch Boris Becker vor Augen, als er mit 17 Jahren in Wimbledon gewann. Plötzlich wurde er mit Weltfragen konfrontiert - und war damit überfordert. Auf solche Situationen wollen wir unsere Jungs vorbereiten. Das kann auch bedeuten, dass wir ihnen das Selbstvertrauen geben zu sagen: "Entschuldigung, aber dazu möchte ich mich wirklich nicht äußern."
Frage: Haben Sie selbst eine bestimmte Strategie im Umgang mit den Medien?
Schaaf: Natürlich denke ich darüber nach. Das ist eine ständige Entwicklung, ich werde durch die Praxis ja quasi täglich geschult. Aber ich habe nie vorgehabt, jemand anderes zu sein als Thomas Schaaf.
Frage: Wenn Ihnen 30 Sekunden nach einer Niederlage ein Reporter sein Mikrofon ins Gesicht drückt und Sie fragt: "Wie fühlen Sie sich?"
Schaaf: Dann sage ich: "Bombig!"
Frage: Wie weit weg sind Sie in solchen Momenten von der Antwort: "Lass mich bloß in Ruhe!"?
Schaaf: Denken kann man das, aber man sollte es nicht aussprechen. Ich muss mich gedulden, bis in den Stunden danach wirklich Ruhe einkehrt. Was ich aber durchaus darf: Auf eine unsachliche Frage entsprechend antworten.
Frage: Haben Sie im Umgang mit Journalisten eine Schlagfertigkeit entwickelt, die Sie zuvor nicht von sich kannten?
Schaaf: Eine gewisse Schlagfertigkeit bringe ich schon mit. Aber es kann passieren, dass ich mich selbst überrasche. Dann denke ich: Was hast du denn da schon wieder erzählt?
Frage: Früher galten Sie als wortkarg, bärbeißig.
Schaaf: Der kann sich nicht freuen, geht zum Lachen in den Keller. Die Klischees sind mir geläufig.
Frage: Heute gilt dieselbe Art als cool. Muss man einfach nur durchhalten?
Schaaf: Durchhalten - das klingt mir zu sehr nach Qual und entspricht nicht meiner Idee. Ich will sein, wer ich wirklich bin. Und nicht ständig überlegen, was in meine Rolle passt, die ich zu spielen habe. Als ich Cheftrainer wurde, haben die Leute versucht, mich zu definieren. Damals habe ich meine Worte noch länger abgewogen - auch aus der Befürchtung heraus, dass alles, was ich sage, zur Riesengeschichte aufgeblasen wird. Heraus kam das Image des Wortkargen, und das hat sich eine Zeitlang verselbständigt, weil einer vom anderen abgeschrieben hat, ohne mich je getroffen zu haben. Heute gehe ich lockerer an die Dinge ran. Ich weiß: Riesengeschichten werden so oder so gemacht. An meinen Überzeugungen ändern sie nichts.
Frage: Ihr Kollege Hans Meyer schimpfte unlängst im Interview mit 11 FREUNDE: "Die Leute werden vom Boulevard mit Lügen beschossen." Stimmen Sie zu?
Schaaf: Hans würde jetzt anfangen mit: "Gehen Sie ruhig mal davon aus, dass..." Im Ernst: Der Boulevard kennt nur Schwarz oder Weiß. Aber das Leben ist manchmal eben auch grau. Und das in vielen Schattierungen. Dem muss man sich stellen, sonst geht wahnsinnig viel verloren.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews, wie Trainer Schaaf mit Klatsch auf dem Trainingsplatz umgeht, seine Meinung zum vermeintlichen Millionen-Irrtum Carlos Alberto und wie das neue Werder-System funktioniert.