Werders Scheitern: Harakiri im Hinterraum - DER SPIEGEL
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Europa League: Wiese gefrustet, Martins schwerelos

Foto: CHRISTIAN CHARISIUS/ REUTERS

Werders Scheitern Harakiri im Hinterraum

Vorne hui, hinten pfui - gegen Valencia scheiterte Bremen schon wieder wegen eklatanter Defensivschwächen. Das Aus in der Europa League bedeutet für Werder: Jetzt muss ein Triumph im DFB-Pokal her, um die verkorkste Saison noch irgendwie zu retten.
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Loben oder tadeln? Traurig oder trotzig sein? Stolz empfinden oder Kritik üben? Selten hat ein Europapokalspiel so geteilte Stimmungen ausgelöst, wie das 4:4 (1:3) zwischen Werder Bremen und dem FC Valencia am Donnerstagabend. Ein Achtelfinale in der Europa League, das sich nahtlos in die lange Historie atemberaubender Flutlichtabende im Weserstadion einordnen lässt.

Doch statt einem erneuten Wunder von der Weser endete diese Aufholjagd nicht in einem Triumphmarsch - sondern in Tragik und Trauer. Als Schiedsrichter Kevin Blom aus den Niederlanden das Torfestival abpfiff, sanken die Protagonisten in den grün-weißen Jerseys auf den neuen Rollrasen, das Publikum klatschte im Stehen, doch das nahmen die meisten vor lauter Frust gar nicht wahr.

"Normalerweise reichen vier Tore doch für einen Sieg", stammelte Bremens Bester, der quirlige Marko Marin, "aber Valencia hat eine Top-Mannschaft." Tim Wiese sagte in Anspielung auf das Duo David Villa und David Silva: "Die Truppe, die da vorne rumwirbelt, ist überragend."

Aber eigentlich doch nicht so gut, dass der deutsche Pokalsieger dagegen ausscheiden musste.

Vorstandschef Klaus Allofs widersprach klipp und klar seinen gut bezahlten Angestellten: "Mit Verlaub, gegen diese Mannschaft darf man nicht ausscheiden." Der 53-Jährige gab seinen Spielern, die ja in stattlicher Zahl bei der WM in Südafrika Akzente für das deutsche Nationalteam setzen wollen, mit: "Ich bin richtig verärgert. Zum erfolgreichen Fußball gehört, sich cleverer zu verhalten."

Immer wieder gaben die Bremer zentrale Freiräume preis, ließen sich mit Bällen in die Schnittstellen einer zu langsamen Abwehr düpieren, so dass der Dritte der Primera División aus fünf Torschüssen vier blitzsaubere Tore fabrizierte. Dass dem dritten Streich vom spanischen Torphänomen Villa eine Abseitsstellung vorausging, macht es aus Bremer Sicht nicht besser.

Selbst Trainer Thomas Schaaf kritisierte die Seinen ungewohnt offen: "Wir sind dem Ziel des Fußballs nicht gerecht geworden. Das liegt darin, viele Tore vorne zu schießen, hinten aber auch viele zu verhindern. Man muss sich an den Gegentoren messen lassen." Dass trifft aber auch auf den Chefcoach selbst zu, der es wohl nur punktuell schafft, dass in Bremen die Schotten dicht sind.

Offensive gewinnt zu wenig Zweikämpfe in der Defensive

Wie gegen Valencia befleißigt sich Schaafs Ensemble immer mal wieder eines Harakiri-Stils, der zwar stets hohen Unterhaltungswert und pures Spektakel bedeutet, aber eben nicht zwingend Effizienz und Erfolg beinhaltet. Wortführer Torsten Frings: "Als Mannschaft müssen wir besser verteidigen, so wie wir das in Hoffenheim getan haben."

Valencia auf dieser Bühne sei aber eben ein anderes Kaliber als Hoffenheim auf der nationalen, sagte Allofs.

So steht als Erkenntnis: Die defensive Klasse dieses Teams ist zu weit vom hohen Anspruch entfernt. Was wiederum auch daran liegt, dass die Freigeister Aaron Hunt, Mesut Özil und Marin mit allen Freiheiten hinter der einzigen Spitze Pizarro wirbeln dürfen. Solange dieses Trio aber in erschreckender Regelmäßigkeit weniger Defensivzweikämpfe gewinnt als der fleißige Peruaner zusammen, bleibt Werder ein anfälliges Gebilde.

Dass sich Hunt beim 1:3 austanzen ließ und Özil gar nicht erst zum Ball ging, sagt alles über die Kardinalschwäche der hoch veranlagten Spieler. Oder wie es Abwehrchef Mertesacker analysierte: "Das war einfach kein gutes Defensivverhalten in der ersten Halbzeit. In der zweiten Halbzeit haben wir gezeigt, dass wir es besser können."

Allofs wollte zu gleichen Teilen loben wie tadeln, und vorsorglich wies er darauf hin, dass der eigentliche Charaktertest erst folgt: Keine 45 Stunden nach dem Aus steht am Samstag die Bundesligapartie gegen den VfL Bochum auf dem Programm (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Schon am Dienstag folgt das 44. und wohl wichtigste Pflichtspiel dieser Saison, das DFB-Pokalhalbfinale gegen Zweitligist FC Augsburg.

DFB-Pokalhalbfinale als letzte Chance, die Saison zu retten

Bochum wird eher eine lästige Pflicht - Allofs sprach von einem "grausamen Freitag, alles tut weh, alle haben Muskelkater und Prellungen." Spätestens am Dienstag muss die Mannschaft sich aber den Schock aus den Gliedern geschüttelt und gespielt haben. Denn mit dem Einzug ins DFB-Pokalendspiel nach Berlin kann Werder wie im Vorjahr die Saison retten.

Außerdem hätte der Club das Ticket für die nächste Europa-League-Saison so gut wie in der Tasche, weil der Finalgegner in Berlin (Bayern oder Schalke) mit großer Wahrscheinlichkeit mit der Champions League beschäftigt sein wird.

Die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb ist für den hochpreisigen Kader in jeder Hinsicht Pflicht. Aufsichtsratschef Willi Lemke kündigte andernfalls schon dramatische Einschnitte an. "Wir haben ein gut besetztes und damit teuer zu bezahlendes Mannschaftsgefüge. Das ist eine Hausnummer, und diese Hausnummer kann man nur bezahlen, wenn man die entsprechenden Einnahmen erzielt."

Ausgerechnet der eher wortkarge Özil brachte die neue Ausgangslage treffend auf den Punkt. "Wir haben die Meisterschaft verpatzt, sind in der Europa League rausgeflogen", sagte er. "Jetzt müssen wir gegen Augsburg gewinnen und den Pott holen, dann ist alles wieder gut."