Werner Hackmann: Caesar im Volkspark - DER SPIEGEL
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Werner Hackmann Caesar im Volkspark

Werner Hackmann, einst Innensenator in Hamburg und heute HSV-Vorsitzender, soll als Chef des DFB-Ligaverbandes die Bundesligavereine in die Eigenständigkeit führen. Der Polit-Profi versteht es, die notwendigen Bündnisse zu schmieden.
Von Hans-Joachim Noack
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - In der "Kutscherkneipe" im Schweizer Ski-Paradies Zermatt, wo er einige Tage auszuspannen versucht, plagt ihn plötzlich ein kleines Stimmungstief. Mehrere Stunden lang hat der Aufsichtsratsvorsitzende des neuen Liga-Verbandes im Deutschen Fußball-Bund, der künftige DFB-Vizepräsident Werner Hackmann, lässig gute Laune verbreitet ­ aber unvermittelt schwindet alles Funkelnde aus seinen auffällig blanken Augäpfeln.

Der 53-jährige Hamburger, in der Freien und Hansestadt ehedem Innensenator, zweifelt leise an seiner Karriere, die er nun zügig im Dienste der sprichwörtlich herrlichsten Nebensache der Welt vorantreibt. Es könne sich bald eine Situation ergeben, entfährt es ihm düster, "die selbst ich nicht durchstehen würde".

Einen Moment lang hat es den Anschein, als wolle da ein arg verängstigter Rekonvaleszent seinen körperlichen Zustand beklagen. Der ausgezehrt wirkende Kettenraucher, der auch jetzt noch hastig nach den obligaten Zigarillos greift, hatte sich im Herbst 1999 einer schweren Lungenkrebs-Operation zu unterziehen.

Eine Stimme wie aus der Kühltruhe

Doch der Eindruck täuscht. Hackmann meint nicht seine Krankheit ­ er befasst sich etwas elegisch mit der zu Beginn der Bundesliga-Rückrunde Besorgnis erregenden Lage des Hamburger Sport-Vereins. Den führt er in seinem eigentlichen und hauptamtlichen Job als Vorstandsvorsitzender an.

Gesetzt den Fall, sagt er mit einer Stimme wie aus der Kühltruhe, der im letzten Herbst in die Champions League vorgestoßene, danach aber in der höchsten deutschen Spielklasse über dem Abgrund turnende HSV geriete völlig ins Rutschen: Das werde dann "gewiss kein Trainer und noch weniger der Präsident überleben".

Wie sehr er tatsächlich Bammel davor hat, bleibt am Ende offen. Es geht dem fußballsportlichen Newcomer mit den ausgeprägten Managementqualitäten um ein prinzipielles Dilemma: In seinen Zielen vom Schussglück der eigenen Stürmer oder der Tagesform des Torhüters abhängig zu sein widerstrebt seinem Naturell.

Organisationstalent und Durchsetzungskraft als Stärken

Erfolge akribisch quasi am Reißbrett zu planen gehört seit eh und je zu Werner Hackmanns Stärken ­ und wie weit er es damit bisher gebracht hat, belegen eindrucksvolle Daten. Zu besichtigen ist, schwärmt der "Kicker", ein "kometenhafter Aufstieg". Schließlich trat der quirlige Diplomkaufmann aus Hamburg-Bergedorf, der in seinem neuen Gewerbe ursprünglich "von Tuten und Blasen keine Ahnung" hatte, dem müde vor sich hin werkelnden Traditionsclub erst im Sommer 1995 bei.

Drei Jahre später übernahm er dort nach einer turbulenten Lehrzeit als Geschäftsführer immerhin von einem Idol wie Uwe Seeler kommissarisch den Vorsitz ­ und seit Ende November 1999 gehört er in der Bundesliga zum noch kleinen Kreis der bezahlten Vereinsbosse. An der Waterkant bescherte der Ex-Politiker seinem in halbdunkle Ost-Immobilien-Deals und andere merkwürdige Händel verstrickten HSV nicht nur finanziell mehr Wahrheit und Klarheit. Nahezu im Alleingang verwandelte Hackmann auch das hoffnungslos rückständige Volksparkstadion in ein allerorten gepriesenes Schmuckstück.

Hackmann gilt als gnadenloser Workaholic

Und seit Dezember vergangenen Jahres steht er sogar beim DFB an vorderster Front. Im Deutschen Fußball-Bund, dem mehr als sechs Millionen Mitglieder umfassenden größten Sportfachverband der Welt, mögen Kaiser Franz und der designierte Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder bis auf weiteres etwas mehr zu sagen haben ­ doch das letzte Wort ist darüber noch nicht gesprochen. Zumindest der Rivale aus Stuttgart wird sich im Wesentlichen mit der Nationalelf und den unbedeutenden Amateuren begnügen müssen. Der Seiteneinsteiger Hackmann sitzt dagegen den 36 Clubs der beiden Profiligen vor, die in Zukunft auf eigene Rechnung arbeiten.

Er selbst nennt sich "Repräsentant des bezahlten Fußballs im DFB" ­ eine im Wortsinne zwar unverfängliche Definition, hinter der sich aber ein solides Selbstwertempfinden versteckt. "Die Musik", doziert der in zahllosen Schlachten geschulte pensionierte Staatsrat, spiele nun halt mal "auf diesem Gebiet". Ein Feld, das er mit der für ihn typischen Zähigkeit zu beackern verspricht. Der schmächtige Mann, der in seinen weit geschnittenen Anzügen manchmal etwas verloren daherkommt, gilt als gnadenloser Workaholic. Er stehe "unter Erwartungszwängen", sagt er sichtlich gepresst ­ weshalb er gleich nach seiner Inthronisierung ein beträchtlich ambitioniertes Reformprogramm verlas.

Der Mister Bundesliga will der Beletage des deutschen Fußballs die lang ersehnte Eigenständigkeit garantieren. Die verstaubte alte Ordnung, wie sie der kranke Egidius Braun verkörpert, dürfte der Pietät wegen wohl noch in Restbeständen erhalten bleiben, doch der neue Hoffnungsträger ziert sich nicht: Die Zeiten seien nun endgültig vorbei, in denen ein zum Denkmal geronnener Dachverband seinen Proficlubs eine "Haltung bis hin zur Unterwürfigkeit" abverlangte.

"Bitte, bitte" soll in Zukunft nicht mehr gesagt werden müssen ­ eine Ankündigung insbesondere an die Adresse des Sportfreunds Mayer-Vorfelder, der laut Hackmann "natürlich an Einfluss verlor". Dass der vormalige, der SPD angehörende Innensenator den einstigen baden-württembergischen (CDU-)Finanzminister daran erinnert, er selbst habe diesen Prozess ja "zustimmend begleitet", lässt das Maß seines Machtanspruchs erahnen.

Macher müssen handeln, und der vor Tatendrang sprühende Hanseat möchte in einem ersten Schub das Wichtigste erledigen. Kann er sich durchsetzen, werden die von ihm betreuten Vereine sowohl ein gemeinsames Marketingkonzept entwickeln als auch einen Sicherheitsdienst organisieren, der für alle da ist. Er baut auf die "Synergieeffekte".

Um Leo Kirch und Sat.1 zu warnen, dachte der Liga-Boss auch schon mal gleich über einen in eigener Regie arbeitenden Fernsehsender nach. Der würde gewiss eine gewaltige Investitionssumme verschlingen, aber einen wie Hackmann, der überschlägig 190 Millionen Mark in seine Hamburger Arena steckte, scheint das kaum zu schrecken. Zunächst soll das Planspiel ja auch nur dazu herhalten, den TV-Partner, der nach Ende des bis 2004 laufenden Vertrags Rupert Murdoch heißen könnte, an ein neues Niveau zu gewöhnen. Wird dem Fußball-Funktionär vorgeworfen, er beabsichtige, "die Preise zu treiben", zuckt er ungerührt die Achseln.

Deutsche Clubs werden bei TV-Geldern "abgespeist"

Denn, nicht wahr, im Verhältnis zu dem, was das Fernsehen in England oder Italien hinzulegen hat, um die Bevölkerung mit dem begehrten Konsumgut zu versorgen, sind die vom DFB ausgehandelten Beträge schlichtweg inakzeptabel. Für immerhin vier Jahre mit drei Milliarden Mark "abgespeist" zu werden ­ so sieht es jedenfalls Hackmann ­, gefährdet auf Dauer die Wettbewerbsfähigkeit.

Dreht da einer durch, indem er das Feilschen um höhere Honorare mit dem simplen Hinweis begründet, er habe das ganz große Geld schließlich für die Spieler auszugeben? Dass die betuchten Dortmunder Borussen vorletzte Woche für einen Jungstar aus Prag mal eben 25 Millionen über den Tisch schoben, unterstützt seine generelle Einschätzung.

Der teuerste Einkauf in der Bundesliga-Geschichte nämlich markiert für Werner Hackmann erst den Beginn einer unseligen Entwicklung. Wer auf dem Fußballplatz über Rang und Namen verfügt, wird nach seiner Prognose immer ungenierter die Hand aufhalten und die zunehmend klammen Vereine kalt erpressen. "Ein sozialdemokratischer Ansatz", sagt der Sozi und lächelt dabei ein bisschen, "steckt in solchen Betrachtungsweisen leider nicht mehr drin." Soll sich darüber aufregen, wer möchte.

Nein, der häufig seiner angeblichen Visionen wegen gepriesene HSV-Chef sieht da lieber "die Realitäten". Die sozusagen philosophische Essenz seines Engagements für den Profifußball erschöpft sich in einer lakonisch hingeworfenen Bemerkung über den zwiespältigen Wert dieses Massensports: Der könne "vielleicht dazu beitragen, junge Menschen von anderen Dummheiten abzuhalten".

Aufsteiger im sozialdemokratischen Partei-Establishment

Und auch sonst scheint er keine Schwierigkeiten zu haben, den ihm anhängenden Geschichten mit hanseatischem Understatement zu begegnen. Abgeschwächt wird so das Bild vom treuen und stets dem gesellschaftlichen Nutzen verpflichteten Parteigänger, den man in seinem Stadtstaat in eines der höchsten Ämter berief.

In die Politik ging der Sohn eines Tischlers, weil ihn ein Freund dazu "überredete". Statt wie vereinbart bei Unilever anzuheuern, entschied sich der flexible Kaufmann für die Assistentenstelle der Hamburger SPD-Bürgerschaftsfraktion, wo er sich nicht nur sofort als Manager erproben durfte, sondern es "erfreulicherweise auch noch 'n Hunderter mehr gab".

Im Kern hatte Hackmann in den frühen Siebzigern seinen Traumjob schon gefunden. Kaum einer zog geschickter an den Strippen als er ­ ein Talent, das ihm zum Karrieresprung verhalf. Bereits mit 32 avancierte der Adlatus des Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose zum jüngsten Staatsrat aller Zeiten und später ­ unter Henning Voscherau ­ zum Innensenator und heimlichen Kronprinzen. 1994, auf dem Gipfel einer Affäre um Übergriffe der Polizei gegen Ausländer, trat er allerdings verbittert den Rückzug an.

Die Angebote aus der Wirtschaft kamen nicht

Er habe sich seinerzeit "für einen tollen Hecht gehalten und auf jede Menge Angebote aus der freien Wirtschaft gewartet", gibt er offenherzig zu Protokoll ­ aber außer einem wenig attraktiven Security Service meldete sich niemand. Nur, dann kam ja der HSV. Und schließlich die Bundesliga. Deren Strategen ­ zunächst der Leverkusener Reiner Calmund ­ hielten den Autodidakten auf Anhieb für interessant. Der umgemodelte Genosse, den Frau Ulla liebevoll als "Beckenbauer von der Elbe" verspottet, bewies in den Kungelrunden der Vereinsmeier rasche Auffassungsgabe.

Werner Hackmann funktionierte, wie gute Politiker funktionieren. Er sei wohl schon von seinem Wesen her, sagt er mit gespielter Demut im Blick, der "klassische Kompromisskandidat" ­ oder, wenn man denn so wolle, "die immer mal benötigte Verlegenheitslösung".

Seine Kunst besteht in Sonderheit darin, solche "Grundkonstellationen" listig zu fördern. Früher als sein Konkurrent im Kampf um den Aufsichtsratsvorsitz, der Bremer Chefarzt und Mayer-Vorfelder-Spezi Franz Böhmert, hatte der Kandidat aus Hamburg die Lage sondiert: Die Großen der Liga würden um der inneren Balance willen allein den Vertreter eines Clubs aus dem gehobenen Mittelfeld als künftigen Boss ertragen.

Freilich zugleich auch nur einen, der seinerseits den deutschen Nobelverein FC Bayern zu hofieren bereit ist ­ beides Bedingungen, die Hackmann spielend erfüllt. Es geht ihm nur am Rande um Franz Beckenbauer, den er "in irgend- welchen höheren Sphären schwebend" vermutet. Seine Leute heißen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, ohne deren Zuspruch er schwerlich angetreten wäre.

Welche Bündnisse man in welcher Phase zu schmieden hat, lehrt ihn sein Machtinstinkt, den er nicht dementiert und der ihn beizeiten die richtigen Partner finden lässt. Zum Beispiel die Medien und da vor allem, wie die angeblich weniger begünstigten Journalisten klagen, die "Bild"-Zeitung.

Hackmann, der wuselige Technokrat

Doch auch Blätter vom Zuschnitt der "Frankfurter Allgemeinen" sehen in dem wuseligen Technokraten für den bundesdeutschen Fußball einen schönen Glücksfall. "Vom Baumeister des HSV zum Architekten der Liga" titelte die "FAZ" nach seiner Wahl ­ Prädikate, die ihm schmeicheln.

Wäre, als er in der Politik das Handtuch warf, etwa die marode Bremer Vulkan-Werft gekommen, um ihn als Retter anzufragen ­ der ins Machen verknallte Modernisierer hätte sich nicht lange bitten lassen. Aber so, im weiten Rund seiner mit 50 000 Zuschauern besetzten "Schüssel" im Volkspark, geht es dem Vorsitzenden, der auf der Gehaltsliste seines Vereins hinter 26 von 32 Fußballprofis an 27. Stelle steht, ebenfalls prima.

"Wenn da die Ränge voll sind, kriegste Gefühle", raunt er bei einem Gang durch das Kolosseum, während in seiner großen Hose das umfängliche Schlüsselbund für die komfortablen Logen klimpert. Das sehe ja aus wie im alten Rom, habe ihm ein staunender Freund neulich gesagt ­ und Werner Hackmann ist der Caesar.

"Nicht unbedingt ein Team Player"

Die öfter leicht beleidigte "Hamburger Morgenpost" nennt den einstigen Politiker, der als Senator vergebens die Hafenstraße zu räumen versuchte, grantig einen "Sonnenkönig". Natürlich sei er "nicht unbedingt ein Team Player", bekräftigt auch der Sportliche Leiter des HSV, Holger Hieronymus, doch dann fallen ihm zu seinem Chef nur noch Vorzüge ein.

Folgt man dessen Urteil, kann Hackmann nahezu alles besser und fixer als andere ­ aber der besorgte Kollege sieht dabei auch eine gewisse Tendenz zur Selbstaufgabe. Wer erlebt hat, wie der vom Karzinom mühsam befreite Vorsitzende während der Spiele als Nervenbündel qualmend durch die Katakomben tigert, hält ihn außerdem für ein bisschen verrückt.

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