Wettskandal: Schiedsrichter bestochen - DER SPIEGEL
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Manipulierte Fußballspiele Die Marionette der Wettmafia

Kurz vor der Weltmeisterschaft erschüttert ein interner Fifa-Bericht einmal mehr die Glaubwürdigkeit des Fußballs. Mindestens fünf Partien sollen im Vorfeld der WM vor vier Jahren manipuliert worden sein. Der beschuldigte Schiedsrichter ist dafür bis heute nicht belangt worden.
Schiedsrichter Chaibou (2011 mit argentinischen Nationalspielern) : Strittige Elfmeter und andere sonderbare Entscheidungen
Schiedsrichter Chaibou (2011 mit argentinischen Nationalspielern) : Strittige Elfmeter und andere sonderbare Entscheidungen

Schiedsrichter Chaibou (2011 mit argentinischen Nationalspielern) : Strittige Elfmeter und andere sonderbare Entscheidungen

Foto: Sunday Alamba/ AP
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Ibrahim Chaibou klingt am Telefon wie ein Frosch. Die Verbindung ist schlecht, er wiederholt seinen Nachnamen mehrfach hintereinander. Es klingt wie ein Quaken. Ibrahim Chaibou war Fifa-Schiedsrichter, er hat etliche Fußballspiele verschoben. Bezahlt wurde er von einem Singapurer Syndikat.

"Nein, ich habe niemals Geld von denen bekommen. Ich kenne auch niemanden, der Wilson Raj Perumal heißt", brüllt Chaibou durchs Telefon, als SPIEGEL ONLINE ihn 2011 erreichte. Er befindet sich in seinem Heimatland Niger, sagte er damals. Mit Wettbetrug oder Spielmanipulation habe er nichts zu tun, er wolle seine Karriere nun beenden. Er sei fast 45 Jahre alt, er müsse für Jüngere weichen. Dann legte Chaibou auf.

Doch der ehemalige Schiedsrichter sagt offenbar nicht die Wahrheit. Bereits 2011 gab es etliche Anzeichen dafür, dass der Fifa-Referee bewusst Fußballspiele manipulierte. Staatsanwaltschaften in Deutschland und Italien wussten von seinen Verbindungen zu einem weltweit operierenden Syndikat in Singapur. Interpol hortete Informationen über ihn, die großen Wettüberwachungssysteme wie Sportradar haben reihenweise auffällige Spiele von Chaibou protokolliert.

Nur die Fifa schaute weg.

Der Schiedsrichter sei zwar befragt worden, aber er habe nun seine Karriere beendet, die Zuständigkeit der Fifa sei damit erschöpft. Weitere Ermittlungen sind ausgeschlossen, ließ ein Mitarbeiter des Fußball-Weltverbandes 2011 mitteilen.

Die "New York Times" veröffentlichte nun aber einen Artikel , dessen Kern ein 44-seitiges Fifa-Dokument ist. Es ist eine interne Auswertung mehrerer Spiele, die meisten davon unter der Leitung von Chaibou. Der Verband, so die Zeitung, komme zu dem Ergebnis, dass mindestens fünf Test-Länderspiele im Jahr 2010 manipuliert worden sein. Chaibou wird vom Fußballverband als bestochener Schiedsrichter charakterisiert, der wie eine Marionette den Befehlen der Singapurer Betrüger gefolgt sei.

Wirklich überraschend kommen diese Enthüllung nicht. Bereits vor einigen Wochen erschien das Buch "Kelong Kings", die Biografie eines der einflussreichsten Matchfixer weltweit: Wilson Raj Perumal. Der in Singapur geborene Tamile beschreibt dort auf 467 Seiten, wie er Spieler, Funktionäre und Schiedsrichter zum Spielbetrug animierte. Eine seiner wichtigsten Figuren: Chaibou.

Strittige Elfmeter und andere sonderbare Entscheidungen

Laut "New York Times" zeigt der Fifa-Bericht, wie Chaibou das Spiel zwischen Südafrika, dem damaligen WM-Gastgeber, und Guatemala manipuliert habe. Der Singapurer Klan schloss Tausende "Over-Wetten" ab, also Wetten auf einen Sieg von Südafrika mit mehr als drei Toren. Perumal erinnert sich in seiner Biografie, dass die Mafia damals zwischen vier und sechs Millionen Dollar verdiente. Chaibou lieferte mit mehreren strittigen Elfmetern und etlichen höchst fragwürdigen Entscheidungen das notwendige Ergebnis: 5:0 für Südafrika.

Im vergangenen Jahr löste der Ausrüstungssponsor Puma seinen Vertrag mit der südafrikanischen Nationalmannschaft vorzeitig auf. Als Grund nannte die Firma aus Herzogenaurach, die vor der WM 2010 einen Multi-Millionen-Kontrakt mit der südafrikanischen Nationalmannschaft abgeschlossen hatte, den unzureichenden Aufklärungswillen des Verbands bezüglich seiner verschobenen Spiele. Bis heute ist ungeklärt, welche Personen der Wettmafia Zutritt zum südafrikanischen Verband ermöglichten.

Truppe aus Hobbykickern gegen Nationalelf Bahrains

Dass die Netzwerke der Singapurer weltweit und effektiv funktionierten, zeigt auch ein anderes Spiel von Schiedsrichter Chaibou: 2010 pfiff er das Länderspiel zwischen Bahrain und Togo. Nur lief statt der togoischen Nationalmannschaft ein Team aus Hobbykickern auf. Der togoische Verband wusste nichts von einem Länderspiel, die Scharade brachte der Singapurer Wettmafia weitere Millionen.

Chaibou kassierte angeblich etliche Jahre lang mit. Die Fifa kann laut dem Bericht der "New York Times" nicht genau abschätzen, wie viele und welche Spiele Chaibou tatsächlich manipuliert hat. Die Singapurer Wettmafia kaufte noch bis 2011 über zwei Scheinfirmen die Rechte an den Austragungen von Freundschaftsspielen bei einzelnen Verbänden und setzte anschließend immer wieder ihre eigenen Schiedsrichter ein. Offiziell wurden die Namen der Referees zwar nur selten protokolliert, Chaibou lief laut Perumal aber etliche Male auf.

Der illegale Wettmarkt ist auch nach den Verhaftungen von zahlreichen Singapurer Matchfixern weiterhin heiß umkämpft. Banden aus Russland, China, Albanien, Indien und Italien verdienen Millionen auf der völlig unkontrollierbaren asiatischen Zockerbörse. Gleichzeitig können sie dort beinahe ohne jegliche Hindernisse ihr im Drogen- und Menschenhandel verdientes Schwarzgeld sauber waschen.

Die Fifa zieht sich gleichzeitig immer stärker aus der Bekämpfung des Spielbetrugs zurück. Mittlerweile propagiert der Verband ausschließlich, dass man präventiv arbeiten wolle, ein Sorgentelefon eingerichtet habe und sich um die Aufklärung von jungen Spielern kümmern werde. Die Strafverfolgung müssen Polizeien und Staatsanwälte übernehmen.

Chaibou findet das sicherlich gut. Er lebt in seinem Heimatland Niger, von einer Strafverfolgungsbehörde ist er bis heute nicht ein einziges Mal verhört worden.