Wildmosers Medien-Kreuzzug Granteln zwischen Selbstgefälligkeit und Selbstmitleid
München - Ude droht sogar mit seinem Rücktritt als Aufsichtsrat, sollte Präsident Wildmoser bei der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung der ausgegliederten Fußball-Abteilung (GmbH & Co. KGaA) nicht zum Rückzug bewegt werden können. "Die Stadt müsste ihr Verhältnis zu 1860 extrem kritisch überprüfen. Die Frage lautet: Kann die Stadt mit ihren obersten Repräsentanten im Aufsichtsrat eines Vereins vertreten sein, der aus einer Korruptions-Affäre diesen Ausmaßes keine Konsequenzen zieht?" sagte Ude der "Bild"-Zeitung.
Am Freitagnachmittag erst aus der Haft entlassen, hatte sich Wildmoser, Präsident des TSV 1860 München, bereits am Samstagabend als Gast im ZDF-"Sportstudio" präsentiert. Am Sonntag folgte ein einstündiger Auftritt bei der Fußball-Talkshow "Doppelpass" im DSF, ehe er nach Stuttgart reiste, wo am Sonntagabend seine "Löwen" mit der 0:2-Niederlage drei Punkte im Bundesliga-Abstiegskampf ließen.
In dem seltsam anmutenden Kreuzzug durch die Medien bleiben Wildmosers Aussagen gleich, zur Aufklärung der Umstände in der Schmiergeldaffäre leistete der 64-Jährige keinen Beitrag. Er sei "absolut unschuldig", und er habe "nicht das Geringste geahnt", grummelte Wildmoser. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude sei für ihn die "menschlich absolut größte Enttäuschung"; er könne sich über die "oberste Vorstandsetage" von Stadion-Partner Bayern München "nur wundern" - ARD, ZDF-"Sportstudio", "Bild am Sonntag" und DSF-"Doppelpass" hat er der "Löwen"-Präsident auf seiner Verharmlosungs-Tour bereits hinter sich, am Montag folgt "Blickpunkt Sport" im BR.
Um ein Haar wäre der "Sportstudio"-Auftritt eskaliert, als ihn Moderator Rudi Cerne nach dem Gespräch mit den Worten verabschiedete: "Ich hoffe, dass wir auch in ihrem Sinne weiterhin im Sportstudio berichten können und nicht bei Aktenzeichen XY." Wildmoser erhob sich danach wütend, blickte Cerne scharf an und warnte ihn, den Finger zeigend: "Das war jetzt nicht sauber."
Pampig reagierte Wildmoser, der sich ansonsten mit der ihm eigenen Mischung aus Selbstgefälligkeit und Selbstmitleid in den TV-Sendungen präsentierte, vor allem auf einen Bericht in der "Süddeutschen Zeitung". Die Zeitung hatte am Samstag gemeldet, nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden habe Vater Wildmoser Schriftstücke abgezeichnet, auf denen zumindest in Teilen der Eingang der Schmiergelder von der Firma Alpine erkennbar aufgelistet gewesen sei. Ein Ermittler sagte der SZ: "Was man unterschreibt, sieht man sich auch an."
Wildmoser nannte die SZ beleidigt eine "Käsezeitung", räumte aber ein: "Jeder hat mal was unterschrieben, was er nicht gelesen hat. Das ist ja ein ganz normaler Vorgang in jeder Firma. Da ist sicher eine gewisse Fahrlässigkeit dabei." Wildmoser senior, dem nach Zahlung einer Kaution (200.000 Euro) und gegen Auflagen Haftverschonung gewährt wurde, besteht nach wie vor der Tatverdacht der Beihilfe im Rahmen der Schmiergeld-Affäre, in deren Verlauf die Wildmosers 2,8 Millionen Euro von der Baufirma Alpine erhalten haben sollen. Wildmoser junior ist weitgehend geständig und hat seinen Vater entlastet.
Rundschlag gegen Bayern und Beckenbauer
Bemerkenswert sind auch Wildmosers Einlassungen zum Bau der Allianz-Arena. "Ohne meine Arbeit und Leistung gäbe es in München keine WM 2006", behauptete der 64-Jährige und attackierte in diesem Zusammenhang den Bayern-Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge sowie Manager Uli Hoeneß, die zu seiner Verwunderung stets erklären würden, sie würden "das schönste Stadion" bauen. Zugleich berief sich Wildmoser auf ein "ganz normales Verhältnis" zum FC Bayern, und da "vor allem" zu Präsident Franz Beckenbauer, der "auch mal mit Steuergeschichten nach Amerika gehen musste".
Der deutsche Rekordmeister, dessen gleichberechtigter Partner der TSV 1860 in der Münchner Stadion GmbH ist, nahm die Vorwürfe von Wildmoser mit einer wohl gebotenen Gelassenheit zur Kenntnis. "Ich muss sagen, ich fühle mich überhaupt nicht angegriffen. Das Gerede von Wildmoser interessiert mich überhaupt nicht", sagte Rummenigge kühl und ergänzte: "Das Problem Wildmoser ist vielleicht ein Problem für die Staatsanwaltschaft und für den TSV 1860, aber nicht für den FC Bayern. Es gibt einen Gesellschaftervertrag, der hat alles geregelt und der hat weiter Bestand."
Montag tagt der Aufsichtsrat
Während der FC Bayern nach der Abberufung des nach wie vor inhaftierten Karl-Heinz Wildmoser junior und dem Rücktritt von Fritz Scherer am Montag über die Nachfolger in der Geschäftsführung der Stadion GmbH berät, wird es zeitgleich ein paar hundert Meter weiter westlich an der Grünwalder Straße spannend. Dort tagt der Aufsichtsrat der ausgegliederten 1860-Fußball-Abteilung (GmbH & Co. KGaA). Hauptthema: Die Zukunft von Wildmoser senior als Präsident des Gesamtvereins. "Wenn mich da jemand blöd anquatscht, stehe ich auf und gehe", droht Wildmoser. Ex-Staatsminister Hans Zehetmair (CSU) soll als Nachfolger bereitstehen.
Ein entsprechender Beschluss des 1860-Aufsichtsrats wird allerdings erst dann wirksam, wenn ihn eine außerordentliche Versammlung des Vereins mehrheitlich absegnet. Diese Delegiertenversammlung tritt jedoch nur zusammen, wenn mindestens 25 Prozent ihrer Mitglieder sie für erforderlich halten. Die Mitglieder der Versammlung gelten als Wildmoser-Getreue.