Javier Clemente: Ein Baske in Libyen
Ex-Spanien-Coach Clemente "Es fehlte die Leichtigkeit"
Seit 39 Jahren ist der Baske Javier Clemente, 64, Trainer im Profifußball. Neben der spanischen Nationalmannschaft (1992 bis 1998) hat er insgesamt neun spanische Erstligisten trainiert, zudem in Frankreich Olympique Marseille. Aktuell ist er Nationaltrainer von Libyen - nach Spanien, Serbien, Kamerun und Iran ist es die fünfte Landesauswahl, die er betreut. Vor dem letzten Gruppenspiel der Spanier bei der Fußball-WM gegen Australien (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) spricht Clemente über das Aus des spanischen Titelverteidigers, die DFB-Elf und über Bayern-Trainer Josep Guardiola, der viele Jahre unter ihm in der spanischen Selección spielte.
SPIEGEL ONLINE: Herr Clemente, in den Neunzigerjahren haben Sie als Trainer selbst an Welt- und Europameisterschaften teilgenommen. Als libyscher Nationalcoach verfolgen Sie nun die WM in Brasilien von zu Hause aus. Juckt es Sie da nicht?
Clemente: Selbstverständlich, etwas Größeres gibt es für einen Trainer nicht. Leider sind wir in Libyen noch nicht so weit, es fehlt an Infrastruktur und Logistik. Und ich bin jetzt schon 64 - ich bezweifle, dass ich noch einmal eine WM als Teilnehmer erlebe.
SPIEGEL ONLINE: Sie kennen die spanische Mannschaft gut, wie haben Sie ihr frühes Ausscheiden erlebt?
Clemente: Das ist für Spanien sehr ärgerlich, tragisch sogar. Aber so ist der Fußball. Ich arbeite seit langer Zeit in dem Geschäft und kenne keine Mannschaft, die mit einer speziellen Spielphilosophie 20 Jahre durchgehalten hat. Es ist Brasilien so ergangen, Deutschland und auch den Niederlanden unter Johan Cruyff. Oder nehmen Sie die Goldene Generation Frankreichs! Alles hat seine Zeit. In Spanien ist ein außergewöhnlicher Zyklus zu Ende gegangen.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie konkrete Gründe für das Scheitern nennen?
Clemente: Es wurde oft gesagt, Spanien sei körperlich am Ende. Klar, wir hatten eine lange Saison, inklusive des Pokals und des Champions-League-Finales. Ich glaube trotzdem nicht, dass es nur das war, die Belastung in anderen Top-Ligen ist ähnlich heftig. Vielmehr haben die Mechanismen innerhalb der Mannschaft nicht mehr gegriffen, sie hat es nicht mehr geschafft, ihre Spielkultur gegen den Gegner durchzusetzen. Es fehlte eine gewisse Leichtigkeit.
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das Aus für die Spieler?
Clemente: Es tut weh. Aber es war schon vor dieser WM klar, dass irgendwann einmal Schluss ist und es einen Generationswechsel geben muss. Man hatte nur gehofft, dass es Zeit hätte bis nach dem Turnier. Aber wir haben einige gute junge Spieler, die schon bereitstehen, sie müssen den spanischen Stil nun weiterentwickeln, sich vielleicht ein bisschen verändern. Das wird kein Problem sein, denn Weltklassespieler können sich jeder Philosophie anpassen.
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst kritisierten genau jenen Spielstil, mit dem Spanien in den vergangenen Jahren so erfolgreich war. Ihr Credo ist der rationale Ergebnisfußball. Trainer, die vom "schönen Fußball" reden, wollen die Menschen nur hinters Licht führen, haben Sie einmal gesagt. Sehen Sie sich durch diese WM bestätigt?
Clemente: Das ist schwer zu sagen, denn die Art, wie in Spanien zuletzt gespielt wurde, hing eng zusammen mit den Spielern selbst. Mit ihnen konnte man diese Art von Fußball realisieren. Doch solche Profis gab es zu meiner Zeit nicht, wir mussten uns anders helfen. Am Ende ist Fußball einfach: Es geht nur darum zu gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Chancen der deutschen Nationalmannschaft ein?
Clemente: Deutschland hat traditionell eine der besten Nationalmannschaften der Welt. Ich habe bei der WM 1994 gegen den amtierenden Weltmeister 1:1 gespielt, Jürgen Klinsmann traf damals für Deutschland. Aber für mich war das ein gefühlter Sieg. Deutschland hatte eine Riesenmannschaft mit Lothar Matthäus, Matthias Sammer, Stefan Effenberg, Andreas Möller, Thomas Hässler und Bodo Illgner. In der zweiten Halbzeit kam sogar noch Rudi Völler rein. Heute spielt die DFB-Elf variabler als noch zu meinen Zeiten, sie hat sehr viele junge, hungrige Spieler. Zudem sieht man mehr technische Elemente, etwa bei Mesut Özil oder Mario Götze.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen deutschen Lieblingsspieler?
Clemente: Sami Khedira. Er ist ein Kämpfer, ein Typ mit Herz, einer, der gerade bei so einem Turnier sehr viel zum Erfolg beitragen kann. Auch Toni Kroos gefällt mir gut: technisch sehr versiert, ein Individualist mit großartigen Fähigkeiten.
SPIEGEL ONLINE: Kroos spielt beim FC Bayern unter einem ihrer alten Schüler: Josep Guardiola. Als was für einen Menschen haben Sie ihn kennengelernt?
Clemente: Pep ist ein Perfektionist, und diese Perfektion will er auf das Spiel übertragen. Er ist ein Verfechter des schönen Fußballs. Darüber kann man sich stundenlang mit ihm unterhalten - auch, wenn man anderer Meinung ist.