Luiz Gustavo: Von Sinsheim in die Seleção
WM-Spieler Luiz Gustavo "Das Klima wird auch uns Brasilianern Schwierigkeiten machen"
SPIEGEL ONLINE: Luiz Gustavo, vor dem Eröffnungsspiel gegen Kroatien haben Sie gute Chancen auf einen Platz in der Startelf. Ist damit Ihr Plan mit dem Wechsel von Bayern München zum VfL Wolfsburg ein Jahr vor der WM aufgegangen?
Luiz Gustavo: Auf jeden Fall. Ich wollte unbedingt einen Stammplatz im Verein, auch, um in der Nationalmannschaft zu bleiben. Das hat geklappt. Eine bessere Entscheidung hätte ich nicht treffen können, auch, weil ich mich beim VfL sehr wohlfühle.
SPIEGEL ONLINE: In Brasilien erwartet man, dass Sie Weltmeister werden.
Luiz Gustavo Dias, geboren 1987 in der Nähe von São Paulo, begann seine Karriere bei unterklassigen Klubs im Nordosten Brasiliens. 2007 wechselte er nach Deutschland, zum damaligen Zweitligisten 1899 Hoffenheim. Dort gelang dem defensiven Mittelfeldspieler gleich in seiner ersten Saison der Aufstieg in die Bundesliga. Luiz Gustavo reifte zum Schlüsselspieler der Hoffenheimer und wurde Anfang 2011 von Bayern München verpflichtet. 2013 gewann er mit den Bayern das Triple, im selben Jahr wechselte er zum VfL Wolfsburg. Sein Debüt in der brasilianischen Nationalmannschaft gab er 2011 in Stuttgart beim 2:3 gegen Deutschland. Beim Confed-Cup 2013 verpasste er als Stammspieler keine Minute und holte nach fünf Siegen in fünf Spielen seinen ersten Titel mit der Seleção.
Luiz Gustavo: Der Druck ist immens. Unser größter Gegner ist unser eigener Kopf. Wenn wir ruhig sind und ganz fokussiert, können wir unseren Weg gehen.
SPIEGEL ONLINE: Was würde dieser Titel denn bedeuten für Brasilien?
Luiz Gustavo: Dafür gibt es keine Worte. Das kann man nur als Brasilianer begreifen.
SPIEGEL ONLINE: Bei der bisher einzigen WM in Brasilien vergab die Seleção den sicher geglaubten Titel durch eine Niederlage im letzten Spiel gegen Uruguay. Schwebt das "Maracanaço", das Trauma von 1950, noch über der Mannschaft?
Luiz Gustavo: Das ist bei uns Spielern gar kein Thema. Das Schöne ist doch, dass wir 64 Jahre später eine zweite Chance haben, den Titel im eigenen Land zu gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Auch bei dieser WM findet das Endspiel im Maracanã statt, dem legendären Stadion von Rio de Janeiro. Kritiker finden, das Maracanã habe durch den Umbau für die WM seine Seele verloren.
Luiz Gustavo: Das sehe ich nicht so. Ich verbinde ein ganz besonderes Erlebnis mit dem neuen Maracanã. Dort hatte ich gegen England mein erstes Länderspiel in meinem Land, mit den brasilianischen Fans. Das werde ich niemals vergessen.
SPIEGEL ONLINE: Das war kurz vor dem Confederations Cup 2013, das erste Spiel der brasilianischen Nationalmannschaft im Maracanã nach der Renovierung.
Luiz Gustavo: Ja, und auch mein Vater war da, um das Spiel zu sehen. Er hat mir schon so viel davon erzählt, wie es früher war. Und auf einmal stehe ich dort auf dem Platz, in diesem historischen Stadion, in dem schon so viel passiert ist. Die Atmosphäre und die Energie, die es da gibt, das ist etwas ganz besonderes. Da sind sehr viele Geschichten in meinem Kopf hochgekommen. An diesem Tag hatten wir die Möglichkeit, dort zu spielen. Ich hoffe, im Juli haben wir sie erneut.
SPIEGEL ONLINE: Erwarten Sie, dass es eine politische WM wird? Dass Proteste das Turnier dominieren werden, wie schon beim Confederations Cup vor einem Jahr?
Luiz Gustavo: Wer aus Brasilien kommt, weiß ganz genau: Wer Geld hat, hat mehr Möglichkeiten. Das ist aber nicht nur in Brasilien so, sondern in der ganzen Welt. Ich glaube, die Leute versuchen, eine Lösung zu finden, und das ist das Wichtigste.
SPIEGEL ONLINE: Wovor müssen die europäischen Mannschaften in Brasilien am meisten Respekt haben?
Luiz Gustavo: Das einzige, was wirklich problematisch sein könnte, sind die verschiedenen Klimazonen. Für alles andere werden sich Lösungen finden, aber das Klima kann man nicht ändern. Speziell im Norden und Nordosten wird das allen Schwierigkeiten machen, auch uns Brasilianern.
SPIEGEL ONLINE: Die Spieler aus der Seleção spielen in Vereinen in ganz Europa.
Luiz Gustavo: Das ist sehr gut für uns. Wir haben tatsächlich einen europäischen Stil, das kann man schon sagen, denn wir Spieler bringen sehr viel mit aus Europa in die Nationalmannschaft.
SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?
Luiz Gustavo: Wir sprechen viel über den taktischen Bereich. Der ist in Europa sehr viel besser als in Brasilien. In Europa ist das Spiel auch schneller. Und das alles wollen wir auch für die Nationalmannschaft übernehmen.
SPIEGEL ONLINE: Brasilien kann im Halbfinale oder im Finale auf Deutschland treffen. Gibt es Spieler der deutschen Mannschaft, vor denen Sie ihre Mitspieler in der Seleção warnen würden?
Luiz Gustavo: Da muss man heutzutage nicht mehr viel sagen. Die deutschen Profis spielen fast alle in der Champions League, die sind in der ganzen Welt bekannt. Ich werde natürlich an ein paar Sachen denken, wenn ich auf einen Bastian Schweinsteiger treffe oder auf einen Thomas Müller, schließlich kenne ich die. Aber das heißt noch lange nicht, dass man sie ausschalten kann. So einfach ist das nicht.
SPIEGEL ONLINE: Anders als die deutsche Mannschaft haben Sie bei Brasilien in Neymar einen Superstar, auf den das ganze Spiel zugeschnitten ist.
Luiz Gustavo: Neymar hat viele Freiheiten. Unser Trainer Felipe Scolari lässt ihn einfach Fußball spielen. Und das liebt und lebt er, wenn er frei ist und den Ball am Fuß hat. Wir müssen ihn unterstützen, damit er seine Fähigkeiten einsetzen kann.
SPIEGEL ONLINE: Nervt es Sie manchmal, dass er sich nicht in die Einheit stellt?
Luiz Gustavo: Niemals. Ich bin sehr froh, dass er in meiner Mannschaft ist.
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind ein Spieler, der immer auch Gefahr läuft, eine Gelb-Rote Karte zu sehen. Bei der WM möchten Sie das sicher verhindern.
Luiz Gustavo: Klar, es sind ja nur sieben Spiele. Wenn man einmal gesperrt ist, verpasst man in jedem Fall ein sehr wichtiges Spiel. Aber ein Platzverweis kann im Fußball immer passieren.