Public Viewing in Lissabon: Hoffen, bangen, trauern
Public Viewing in Lissabon Party-Aus nach 45 Minuten
Erst vor wenigen Tagen herrschte in Lissabon Ausnahmezustand. Während des Volksfests Santos Populares zogen Tausende feiernd durch die Alfama und die angrenzenden Stadtteile. Lissabons historische Innenstadt war eine einzige farbenprächtige Partymeile mit Bildern vom heiligen Antonius, Fahnen und bunten Girlanden, die quer über die Straßen gespannt wurden. Zum Fußballfest blieb die Deko einfach hängen.
Von einer WM-Euphorie war allerdings lange nichts zu spüren. Natürlich fachsimpelten die Portugiesen in den Kneipen, Bars, Cafés und Restaurants über Fußball, das macht man in Lissabon schließlich fast immer, allerdings eher über Benfica oder Sporting. Doch von WM-Begeisterung war zunächst nicht viel zu spüren. Vielleicht waren die Bewohner der Stadt einfach noch ein wenig müde von der Feierei der vergangenen Tage.
Gestern rollte die Fußballwelle dann aber doch durch die Stadt. In Scharen zogen die Fans zum Public Viewing im Park Eduardo VII am Platz Marquez de Pombal. Am oberen Ende der Avenida da Liberdade war eine große Leinwand aufgebaut, dahinter ließ sich das Blau des Flusses Tejo erahnen, der in Lissabon in den Atlantik mündet. Eine atemberaubende Kulisse für die Fanmeile.
Zwischen den zahllosen rot-grünen Portugal-Trikots blitzen immer wieder auch schwarz-weiße hervor. Ich treffe eine Gruppe Mädels aus Deutschland, die mit ihren Deutschland-Ketten gut gelaunt mitten in der Menge ihr Lager aufschlagen. Wie die meisten deutschen Touristen, die dort unterwegs sind, haben auch sie ihren Trip vor der Gruppenauslosung geplant. Für sie ganz klar: ein glücklicher Zufall. Die Portugiesen hätten sie freundlich aufgenommen, sagen sie.
"Oh nein, Ronaldo hat sich am Knie gekratzt!"
Die Cristiano-Ronaldo-Manie der portugiesischen Medien hatte am Tag des Spiels ihren Höhepunkt erreicht: "Ronaldo ist der Mittelpunkt des Universums", titelte die Zeitung "A Bola". "Wer Ronaldo hat, kann nur ans Gewinnen denken", hieß es im Text. Jede Regung, jede Bewegung des Superstars wurde gedeutet und interpretiert, im Mittelpunkt immer die Frage, ob CR7 rechtzeitig zum Spiel gegen Deutschland fit sein würde. Das Thema wurde so intensiv behandelt, dass einige Portugiesen in den Kneipen und auf den Straßen schon witzelten: "Oh nein, Ronaldo hat sich am Knie gekratzt, gleich zweimal! Was soll das bloß bedeuten?"
Der Tenor in den Berichten zur WM-Begegnung mit Deutschland: Das Trauma der vergangenen Niederlagen muss überwunden werden. Die Mannschaft solle selbstbewusst in die Partie gehen und drei Punkte holen. Dass das nicht so einfach werden würde, wurde vielen schnell klar. Als Müller den Elfmeter verwandelte, gab es viele enttäuschte Gesichter. Ein lautes Aufstöhnen ging durch die Reihen.
Bereits kurze Zeit später lässt mich meine Sonnencreme im Stich. Der Hut gibt nicht genügend Deckung. Als Hummels den Ball zum 2:0 ins Tor köpft, ergreife ich die Gelegenheit und ziehe weiter zu einem etwas schattigerem Plätzchen. Ich muss nicht lange suchen. Jedes Café, jeder kleine Imbiss an der Avenida da Liberdade hat einen Fernseher oder eine kleine Leinwand aufgebaut. Überall versammeln sich darum Dutzende Fußballfans. Ohnehin habe ich den Eindruck, dass sich viele hier nomadenmäßig von Fernseher zu Fernseher hangeln, statt 90 Minuten an einem Ort zu bleiben - mal abgesehen von den sonnentrunkenen Fans an der Meile.
Als Pepe mit Rot vom Platz fliegt, wird es laut. Flüche schallen durch die Gegend. Kurz danach fällt auch noch das 3:0, die ersten Zuschauer brechen auf, sie haben genug gesehen. In der Halbzeitpause ziehe auch ich weiter. Am Ende sitze ich in der Nähe der Shoppingmeile am Rossio in einem Café - ausgerechnet in jenem mit dem kleinsten Fernseher und der langsamsten Übertragung. Ich höre den Jubel der Deutschen und das Stöhnen der Portugiesen, bevor ich die Bilder dazu sehen kann.
Mir bleibt der Jubelschrei beim 4:0 irgendwie im Halse stecken. Ich hätte diesen sympathischen Portugiesen ein anderes Ergebnis gewünscht. Immerhin, viele scheinen das Spiel mit Humor zu nehmen. Noch hat Portugal bei der WM schließlich alle Chancen.