WM 2014: Spielort Manaus in Brasilien - DER SPIEGEL
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WM-Spielort: Eindrücke von Manaus

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WM-Spielort Manaus Vom Stadion ins Stundenhotel

Über keinen WM-Spielort wurde so viel diskutiert wie über Manaus. Nach dem ersten Spiel in der Amazonas-Stadt steht fest: Fußball kann man hier spielen und angucken, wenn auch mit Hindernissen. Und selbst eine Nacht in einem Sexhotel geht vorbei.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fußball-WM in Manaus, dieser riesigen Dschungelstadt im Amazonas, noch dazu England gegen Italien - das klingt nach Abenteuer, dachte ich, und bereitete mich vor: Insektenspray, leichte Klamotten, ein Extra-Akku für den Laptop und ein bisschen Optimismus, dass schon alles gut gehen würde. Ging es auch, so viel verrate ich, Manaus hatte trotzdem ein paar Überraschungen für mich parat (das Ergebnis des Spiels, 2:1 für Italien, gehörte nicht dazu).

Es war ziemlich kompliziert gewesen, an ein Hotelzimmer zu kommen, offenbar hatten die Verbände beider Teams einen Großteil der Stadt geblockt. "Ich habe was, ist aber einfach", sagte die Mitarbeiterin unserer Reisestelle vor ein paar Wochen. Egal, Hauptsache ein Bett! Wir buchten.

Als ich am Samstagmittag in Manaus ankam, war es 40 Grad warm. Mit meinem Rucksack schleppte ich mich durch das Stadtzentrum bis zum Hotel direkt am Rio Negro. Ich wurde freundlich empfangen - allerdings mit dem Hinweis, dass mein Bett nun dummerweise anders vergeben sei. Die Rezeptionistin setzte mich an einen Plastiktisch, gab mir ein Wassereis und versicherte mir, dass sie das regeln würde: "Tudo bem!" - alles wird gut...

Tat sie tatsächlich. Ich bekam ein Einzelzimmer im Keller, ohne Fenster, komplett gefliest, Dusche und Klo in einer Ecke. Das Bett bestand aus einer Gummimatratze mit zwei Gummikissen und ohne Decke, hatte dafür aber einen riesigen Spiegel am Kopfende. An der Tür klebte ein Aufkleber mit einer Notfallnummer für den Fall sexueller Übergriffe, es roch nach Schimmel. 300 Reais, rund 100 Euro, kostete das Zimmer in der Nacht. Ich blieb, nützte ja nichts.

Ein Kollege klärte mich auf: Es handele sich nicht um ein normales Hotel, sondern um ein Motel, in das sich junge Brasilianer nächte- oder stundenweise einmieten, um von ihren Eltern unbemerkt Sex haben zu können. Beim Check-out nach einer kurzen Nacht kam eine junge Frau aus einem Zimmer direkt neben der Rezeption, verschwitzt, das Make-up verrutscht, sie kaufte drei Flaschen Wasser. Der Kollege hatte offenbar Recht.

In der Bar fällt der Fernseher aus

Aufhalten wollte ich mich in meinem Zimmer nicht, weshalb ich mich vor dem Spiel auf die Suche nach einem schattigen Platz mit kühlen Getränken machte. Und davon hat Manaus einige: Überall gibt es kleine Bars, an diesem Nachmittag waren sie allesamt proppenvoll, weil viele gemeinsam das Kolumbien-Spiel gegen Griechenland (3:0) schauen wollten. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass die Menschen hier besonders fußballverrückt sind. Die Stadt ist bunt geschmückt, an jeder Ecke wird Musik gemacht, das brasilianische Trikot scheinen viele gar nicht erst auszuziehen.

Ich hatte gerade einen Orangensaft in einer Bar bestellt, als der Fernseher ausfiel. Die etwa 20 Gäste beschwerten sich nur kurz und zogen dann geschlossen in die Nachbarkneipe. Der Wirt kam mit, meinen Saft musste ich nicht mal mehr bezahlen.

Man merkt, dass der Fußball und die Heim-WM wichtig sind für die Menschen in Manaus, vielleicht geben sie ihnen ein bisschen das Gefühl, nicht ganz so abgelegen und sich selbst überlassen zu sein. "Es ist doch schön, wenn die Welt weiß, dass es uns gibt und dass wir so etwas organisieren können", sagt José, der im Neymar-Trikot in einem Straßencafé Kokosnüsse und ölige Teigtaschen verkauft. Weder er, noch die meisten anderen Bewohner von Manaus sahen das Spiel am Abend im teuren, neuen Stadion, das in seiner Modernität gar nicht passen will in das unorganisierte Stadtbild. Auf den Straßen haben sie trotzdem gefeiert.

Sogar ein paar England-Fans mischten sich darunter, obwohl die englische Presse vor dem Spiel keine Gelegenheit ausgelassen hatte, um Manaus als "Höllenloch", als einen dem Fußball völlig unwürdigen Platz zu verschreien.

Ja, es war heiß, auch am späten Abend noch, und ja, Spieler und Trainer fanden das nicht wirklich witzig, Italiens Coach Cesare Prandelli etwa sprach von "absurden Bedingungen". Aus Sicht der Sportler war es sicher nicht die beste Idee, Manaus zu einem WM-Spielort zu machen, von der wirtschaftlichen Verschwendung beim Bau des Stadions einmal abgesehen. Aber die Stadt freut sich, dazugehören zu dürfen, wenigstens für vier Spiele.

Um meinem Hotelzimmer so früh wie möglich zu entfliehen, entschloss ich mich übrigens zu einem Selbstversuch: einer Joggingrunde entlang des Flusses und durch die Altstadt. Das Ergebnis: anstrengend, schweißtreibend - aber es geht.

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