WM 2018 - Bilanz: Wem diese WM wirklich gehört - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Russland und die Fußballweltmeisterschaft Wem diese WM wirklich gehört

Peter Ahrens ist Sportreporter. Während der WM reiste er durch Russland, erlebte große und schlechte Spiele, peinliche Fifa-Funktionäre - und traf wunderbare Menschen. War die Vergabe an dieses Land und seinen Machthaber richtig?
Fußballfans in Moskau
Fußballfans in Moskau

Fußballfans in Moskau

Foto: Alexander Zemlianichenko/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die Weltmeisterschaft in Russland erst zur Hälfte gespielt war, hat Aleksej Sorokin bereits den Satz des Turniers gesagt. Der Cheforganisator der WM ist in der Lage, viele sehr glatte Sätze zu formulieren, darüber, wie perfekt Russland den Ablauf des Turniers gestalte, aber dann kamen von ihm diese Worte: "Die einfachen Leute, die kann man nicht organisieren."

Es ist ein Satz, den man als Banderole über das jetzt endende Turnier hängen sollte. Eher als "Here to create" oder "Welcome to the Games" oder gar "Best Never Rest", all diesen Unfug, den sich die Werbeagenturen in ihren Meetings erdacht haben. Die einfachen Leute, die kann man nicht organisieren.

Einen wie Igor zum Beispiel. Er besitzt ein kleines Restaurant in der zweiten Reihe hinter der Strandpromenade in Sotschi am Schwarzen Meer. Marina führt mit ihm die Geschäfte, sie kommt aus Abchasien. Eigentlich wollte Marina studieren, Lehrerin werden. Sie hat Englisch gelernt, dann war in ihrer Heimat Krieg. Sie floh, landete in Sotschi und hält Igors Laden am Laufen. Der Chef sitzt gerne mit Kumpels am Tisch und ist sein bester Kunde.

Fotostrecke

Russische Fans: Bären, Schnauzer und Trachten

Foto: imago/ ITAR-TASS

Auch an diesem Abend, es ist der 22. Juni, der Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion, in jedem Fall ein Anlass zum Trinken. Irgendwann werden wir Deutschen vom Nebentisch dazu geholt. Igor findet, es ist ein guter Abend, um auf die Freundschaft zwischen Russen und Deutschen anzustoßen. Igor ist ein Meister im Nachschenken. Die Welt, sie schrumpft auf die Größe eines Wodkaglases.

Man kann sie nicht organisieren, die einfachen Leute

Nach dem sechsten Wodka findet Marina, dass es aller Historie zum Trotz vielleicht gut ist, die Deutschen zu schonen. "I love the World Cup, all the people from so many countries, now here in Russia. I wish you good luck", gibt sie uns auf den Weg. Sehr gute Wünsche für den Heimweg. Die Strandpromenade hat Serpentinen bekommen.

Auch einen wie Sergej kann man nicht organisieren. Er fährt Taxi, und die WM ist gut, "weil hier jetzt so viele Ausländer sind, die viel zu viel Trinkgeld geben". Wir lachen, und dann balanciert er sein Taxi durch die Moskauer Verkehrshölle, das Trinkgeld gibt er mir beim Bezahlen zurück.

Und auch Marija kann man nicht organisieren. Sie ist nicht mehr jung, ihr Mann ist tot, und sie geht regelmäßig auf den Moskauer Ehrenfriedhof Nowodewitschi, um die Skulpturen und Grabsteine der russischen Prominenz zu reinigen. Einfach so, weil es sonst keiner macht. Und weil Marija sie so verehrt, Sergej Eisenstein, den Regisseur, Nikolai Gogol, den Schriftsteller, Jekaterina Maximowa, die Primaballerina. Sie rückt ihnen mit Putzlappen und Gummihandschuhen zu Leibe, auf diese Weise ist sie ihnen noch einmal nah, "schade, dass sie tot sind. Russland könnte sie noch so gut gebrauchen".

Fotostrecke

Denkmäler des Fußballs: Was wird aus den WM-Stadien?

Foto: Denis Tyrin/ dpa

Man kann sie nicht organisieren, die einfachen Leute, auch nicht den Hotelbesitzer am Stadtrand von Samara, der noch nachts um drei mit den Gästen aus Mexiko und Brasilien zur Musik von Ed Sheeran auf dem Tisch tanzt und morgens um vier noch einem Mexikaner, der vor der Tür steht und noch keine Unterkunft hat, ein Zimmer andreht - 10.000 Rubel (zirka 140 Euro) die Nacht, das Doppelte des üblichen Preises. "It's business", es ist nur einmal WM, und wer weiß, wann sich wieder Touristen nach Samara verirren? Hier gibt es nur die Wolga und sehr viele Plattenbauten.

Lothar Matthäus gehört nicht mehr zu den einfachen Leuten, auch er hat seinen Auftritt bei dieser WM. Meistens sitzt er auf Einladung der Fifa im Stadion, er gilt als "Fifa-Legend", daher kann er sich eine gute Zeit machen. Einmal kickt er auf dem Roten Platz einen Fußball hin und her, seine Mitspieler sind Fifa-Boss Gianni Infantino und Russlands Präsident Wladimir Putin.

Putin hat Matthäus und ein paar andere ehemalige Fußballstars wie Marco van Basten und Peter Schmeichel in den Kreml eingeladen, sie sitzen im Anzug am Konferenztisch dem Präsidenten gegenüber. Matthäus sitzt neben Infantino, der die Zähne nicht weit genug auseinander bekommt bei jeder vermeintlich launigen Bemerkung Putins. Ansonsten sehen Matthäus und Co. aus wie Delegierte von einer Wirtschaftskonferenz, die mit Putin irgendetwas aushandeln, Getreidepreise oder Öllieferungen. Matthäus sieht jedenfalls nicht so aus, als hätte er noch irgendetwas mit Fußball zu tun.

Lothar Matthäus, Gianni Infantino, Wladimir Putin, Nikita Simonjan, Peter Schmeichel, Jorge Campos Navarrete (v. l. n. r.)

Lothar Matthäus, Gianni Infantino, Wladimir Putin, Nikita Simonjan, Peter Schmeichel, Jorge Campos Navarrete (v. l. n. r.)

Foto: Alexei Druzhinin/ dpa

Matthäus, Putin und ein Trikot

Am Ende posieren sie für ein gemeinsames Foto, und die Fifa-Legenden überreichen Putin ein Fußballtrikot. Man muss daran denken, dass es in Deutschland viel Aufregung gibt, weil Mesut Özil dem türkischen Machthaber Erdogan ein Trikot übereicht hat, und es sehr viele Stimmen gibt, die ihn deswegen nicht mehr als Nationalspieler sehen wollen. Matthäus ist Ehrenspielführer des DFB, es gibt keinen, der verlangt hat, dass einer, der mit Putin in die Kamera lächelt und ihm ein Trikot überreicht, kein Ehrenspielführer mehr sein darf.

Diese am Sonntag zu Ende gehende Weltmeisterschaft ist eine WM des Wladimir Putin, sie ist eine WM des Gianni Infantino und des Lothar Matthäus. Es wäre schön, wenn man nicht völlig vergisst, dass es auch eine WM von Igor, Marina, Sergej und Marija war.