WM-Analyse: Darf Bin Laden Fußballfan sein? - DER SPIEGEL
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WM-Analyse Darf Bin Laden Fußballfan sein?

"Es gibt Reis, Baby!" - die tägliche Kolumne bei SPIEGEL ONLINE zur Fußball-WM. Heute: Eine Analyse der WM und etwaige Konsequenzen aus dem Turnier in Fernost.
Von Peter Unfried
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer wird Weltmeister? Was soll das alles bedeuten? Was sagt diese WM aus über den Stand der Dinge und die Zukunft des Weltfußballs - und über die Welt? Und vor allem: Bleibt Schröder jetzt doch Kanzler? 16 Antworten.

1. Weltmeister muss Brasilien werden. Das sage ich so leichtfertig wie alles Folgende aus der sicheren Entfernung Kaliforniens. Ich sage es unabhängig von der alles andere als sympathischen (ja geradezu FC Bayern-artigen) "Mir san mir"-Attitüde des brasilianischen Fußballanhängers. Unabhängig vom real gespielten Positionsfußball, dem nicht optimalen Defensivspiel und dem Optimierungspotenzial an der wichtigsten Stelle des modernen Fußballs - im zentralen, defensiven Mittelfeld.

2. Und natürlich völlig unabhängig vom anachronistischen Deutschenskeptizismus "linker" Fußballinteressierter. Aus purem Altruismus. Natürlich hat man in Brasilien den Fußball nicht erfunden. Das passierte ja vor 2700 Jahren in China - durch Klaus Schlappner. Aber Brasilien gilt der Welt eben immer noch als ein anderes Wort für Fußball. Als die Seele des Spiels.

3. Ein WM-Sieg Brasiliens hat folglich eine globale Dimension. Er rettet in diesen finsteren Zeiten womöglich das "stabilisierend" (Umberto Eco) wirkende Moment einer Fußball-WM über den Tag des Endspiels hinaus.

4. Natürlich war Brasilien schon 1994 längst nicht mehr "Brasilien". (Sonst wäre Brasilien auch nicht Weltmeister geworden). Aber heute wie damals hatte Brasilien die beste Mischung aus Effizienz und Ästhetik. Die Wichtigkeit des individuellen Elements werden Fußballtaktiker als Schwäche des Teams oder des Systems deuten - und Romantiker als Rettung des Fußballs. Jedenfalls hat kein anderes Team eine kreative Alliteration von der lautmalerischen und fußballerischen Qualität des Trios Rivaldo - Ronaldo - Ronaldinho. (Die Deutschen hatten nur: Ball und Ballack).

5. Ein Sieg der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) würde nach Ecos Theorie destabilisierend wirken. Nicht so destabilisierend wie Krieg und/oder Terrorismus, natürlich. Dennoch würde er die Welt verstimmen - und zusätzlich verunsichern. Denn: Wozu soll das (jetzt?) gut sein? Was, zum Teufel, soll es bedeuten?

6. Fachlich gesehen: Dasselbe wie die Finalteilnahme. Das DFB-Team hat - wie andere vormals zweitklassige Teams - im Zuge der "Globalisierung" des Verbandsfußballs wieder Anschluss gefunden an die Weltmärkte Süd- und Mitteleuropas sowie Brasilien/Argentinien. Das liegt zunächst daran, dass die Spielorganisation im Gegensatz zu 1998 und 2000 wieder konkurrenzfähig ist. Das heißt: Lothar Matthäus steht nicht mehr tief hinten drin. Das DFB-Team ersetzte zudem - wie andere Kleine - die fehlenden Kreativspieler mit flachen Hierarchien, Rennen - und "Teamspirit", wie das ja neuerdings heißt.

7. Rudi Völler wird nie der Mann für taktische Innovation sein - oder der genialische Feldherr wie Beckenbauer. Aber er war stets Symbolfigur für den Fachbereich Teamspirit - und ist also der richtige Mann zur richtigen Zeit.

8. Aber was kümmert das die Welt? Wenn es stimmt, dass "der Zweck einer WM die Umverteilung globaler Spannung" ist, wie William Safire in der "New York Times" schrieb, muss man sagen: Unvorteilhafter als ein WM-Sieg der Deutschen wäre eigentlich nur noch einer der USA gewesen. Oder einer Osama Bin Ladens.

9. Innenpolitisch jedenfalls würde ein deutscher WM-Sieg bedeuten, dass Schröder wiedergewählt wird. Ein Fußballland wählt im Jahr des WM-Gewinns niemals den amtierenden Regierungschef ab (er tritt höchstens zurück wie Brandt 1974).

10. Die übergreifende Werbebotschaft eines deutschen WM-Sieges könnte lauten: Na also, es geht ja doch noch. Wenn selbst der träge Fußballmillionär ("Schwach wie eine Flasche leer") sich wieder aufraffen kann, um mit Organisation und Teamspirit den Rest der Welt abzuhängen - dann ist noch nicht alles verloren für die Wirtschaft, die Universitätsprofessoren, die Bahn, die Telekom und - wer weiß, womöglich sogar die Grünen.

11. Das mit Schröders Wiederwahl gilt allerdings nur, wenn es ihm gelingt, am Beispiel des Erfolgsduos aus dem ewigen Besserwessi Oliver Kahn und dem im Osten groß gewordenen Michael Ballack die unter Rot-Grün endlich und großartig vollzogene Wiedervereinigung nachzuweisen.

12. Im ganzen Jubel um den deutschen Erfolg und die "Globalisierung" des Fußballs sollte man aber nicht vergessen, dass diese WM womöglich der Anfang vom Ende der Zeiten war, als Verbandsfußball die Entwicklung des Weltfußballs definierte und determinierte.

13. Was ist denn schon passiert? Vereinfacht gesagt waren fast alle Teams in der Lage, die Räume eng zu machen und in Ballnähe Überzahl zu haben. Und das 90 oder 120 Minuten (Südkorea) lang. Andererseits waren einige Favoriten nicht in der Lage, diese Enge durch Kurzpass-Kombinationsfußball oder/und individuelle Klasse aufzuheben (Frankreich, Argentinien, Portugal).

14. Das liegt daran, dass die Kleinen strukturell aufgeholt haben - aber auch daran, dass die Rahmenbedingungen eine größere Rollen spielen. Die Rahmenbedingungen waren für die Großen schlechter, weil die sich aus den sportlich und wirtschaftlich führenden Ligen Europas rekrutierten und ihre überragenden Kreativspieler müde waren. Ganz simpel: Frankreich hatte zehn Tage Vorbereitung, die USA hatten sechs Wochen, Südkorea Monate.

15. Letztlich heißt es: Die Wirtschaftsbranche namens Europäischer Clubfußball muss sich primär um ihre Geschäftspartner und ihre Kapitalströme kümmern. Sie kann keine Rücksicht mehr auf die WM nehmen - oder darauf, wie sich ein Erfolg oder Misserfolg dort auf die gemeinsame Kundschaft, die nationale oder gar die globale Psyche auswirkt.

16. Apropos globale Psyche: Wie man inzwischen (so sicher wie alles andere) "weiß", ist Bin Laden ja Fußballfan. George W. Bush schlief derweil nachts lieber, als sich die WM anzusehen. Darf er das - während der Rest der Welt mitfiebert? Und was heißt das? Und von einem moralischen Standpunkt: Darf Bin Laden überhaupt Fußballfan sein? Sollte die CIA nicht Beweise für das Gegenteil präsentieren? Für Antworten auf diese Fragen bräuchte es schon einen Franz Beckenbauer.

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