WM-Anekdoten Ein Stinkefinger und ein Kopfstoß
Nationalspieler Effenberg: Der Mittelfinger der Nation
Foto: Lutz Bongarts/ Bongarts/Getty ImagesWM-Anekdoten aus den Turnieren 1930 bis 1986 finden sie in den Teilen eins, zwei und drei unserer Serie.
Kamerun und sein Altstar Roger Milla begeisterten bei der WM 1990 in Italien das Publikum. Und der Mannschaft gelang etwas Kurioses: Mit zwei 1:0-Siegen und einer 0:4-Pleite in der Vorrunde sind die Afrikaner bis heute das einzige Team, das mit einer negativen Tordifferenz Gruppensieger wurde. Milla schoss im Alter von 38 Jahren sein Team bis ins Viertelfinale, wo England Endstation war. Vier Jahre später in den USA war Milla noch einmal dabei und erzielte auch mit 42 Jahren noch einen Treffer - Rekord in der WM-Historie.
In Italien 1990 sorgte Kamerun gleich im Eröffnungsspiel gegen den Weltmeister aus Argentinien für eine Überraschung. 1:0 gewann das Team gegen den Titelverteidiger - obwohl die Afrikaner bei Spielende nur noch zu neunt auf dem Platz standen. Auftaktniederlagen als amtierender Weltmeister waren Argentinien nicht unbekannt: 1982 in Spanien hatte das Team das Eröffnungsspiel gegen Belgien 0:1 verloren.
Ansonsten stand das Turnier 1990 ganz im Zeichen einer überragenden deutschen Mannschaft. Franz Beckenbauers Team holte verdient den Titel und war aus Sicht des "Kaisers" anschließend "auf Jahre hin nicht zu schlagen".
WM 1994: Ein Stinkefinger entsetzt Deutschland
Angesichts des bescheidenen sportlichen Ergebnisses (1:2-Niederlage im Viertelfinale gegen Bulgarien) wird von der WM 1994 in den USA für Deutschland vor allem ein Mittelfinger in Erinnerung bleiben. Er gehörte Stefan Effenberg, der mit einer unschönen Geste in Richtung Fans seine vorzeitige Abreise provozierte. Negativschlagzeilen machte auch Argentiniens Star und jetziger Nationaltrainer Diego Maradona, der Dopingmittel eingenommen hatte und sich so auf unwürdige Weise aus seinem vierten und letzten Turnier als Spieler verabschiedete. Für ein Kuriosum sorgte der Russe Oleg Salenko, der im Spiel gegen Kamerun fünf Treffer erzielte.
All dies scheint im Rückblick aber nebensächlich im Vergleich zur tragischen Geschichte Andres Escobars. Dem Kolumbianer unterlief beim 1:2 in der Vorrunde gegen die USA ein Eigentor. Nach der Rückkehr in seine Heimat wurde er das Opfer einer "Todesschwadron", die offenbar von einem kolumbianischen Drogenkartell geschickt worden war.
WM 1998: Deutsche Hooligans sorgen für negative Schlagzeilen
Für einen traurigen Tiefpunkt bei der WM 1998 in Frankreich sorgten deutsche Hooligans. Nach dem 2:2 gegen Jugoslawien in der Vorrunde in Lens prügelten sie den Gendarmen Daniel Nivel fast zu Tode; er trug unheilbare Schäden davon. Unter dem Schock der sinnlosen Gewalt erwog der damalige DFB-Präsident Egidius Braun, die Mannschaft vom Turnier zurückzuziehen. Die Täter wurden identifiziert und zu Haftstrafen verurteilt.
Dänemarks Ebbe Sand, viele Jahre in der Bundesliga bei Schalke 04 aktiv, brauchte gerade einmal 16 Sekunden, bis er den schnellsten Treffer eines Auswechselspielers der WM-Geschichte beim 4:1-Sieg gegen Nigeria erzielte. Sein Teamkollege Michael Laudrup musste dagegen deutlich länger auf einen Treffer warten. Zwölf Jahre und 16 Tage nach seinem ersten WM-Tor traf Laudrup bei der 1:2-Niederlage gegen Frankreich erneut - 1990 und 1994 war Dänemark nicht für die WM qualifiziert gewesen.
WM 2002: Ein neuer Kontinent und ein Tor im Rekordtempo
Die WM 2002 in Japan und Südkorea war in mehrfacher Hinsicht eine Premiere: Es war die erste Fußball-Weltmeisterschaft des neuen Jahrtausends, die erste in Asien und die erste mit zwei Gastgebern.
Im Spiel der Halbfinal-Verlierer sicherte sich der türkische Stürmer Hakan Sükür seinen Platz in der WM-Geschichte. Er brauchte gegen Südkorea gerade einmal elf Sekunden, um das Führungstor zu erzielen. Sein Treffer war der schnellste jemals bei einer WM erzielte und trug zum Gewinn des dritten Platzes der Türkei bei.
Nur geringfügig mehr Zeit als Sükür beim Toreschießen ließ sich der US-Amerikaner Landon Donovan bei der Abreise. Kaum war er gegen Deutschland im Viertelfinale ausgeschieden, machte er sich auf den Weg zurück in die Heimat. Dort wurde er am Tag darauf beim Sieg seiner San Jose Earthquakes gegen die Colorado Rapids eingewechselt.
WM 2006: Ein Kopfstoß für die Ewigkeit
Public Viewing, Sommermärchen, "Poldi und Schweini": Deutschland feierte sich selbst und die WM bei Sommerhitze und Fanmeile. 2006 wird zumindest den Deutschen als eine vierwöchige Super-Fete im Gedächtnis bleiben - die übrige Welt wird sich vor allem an das Endspiel mit dem Kopfstoß erinnern. Die Attacke von Frankreichs Ikone Zinedine Zidane gegen seinen italienischen Gegenspieler Marco Materazzi ist bereits Sportgeschichte.
Und noch etwas für Fußball-Historiker: In puncto Tore konnte es Irans Stürmer Ali Daei vor dem Spiel gegen Angola locker allein mit dem Gegner aufnehmen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits 109 Länderspieltreffer erzielt. Das waren 40 mehr als alle angolanischen Spieler zusammen.
Besonders bitter war das Turnier für die Schweiz. Nach einem Remis (0:0 gegen Frankreich) und zwei Siegen (jeweils 2:0 gegen Togo und Südkorea) zog das Team ohne Gegentor ins Achtelfinale gegen die Ukraine ein. Auch dort blieben die Schweizer in 120 Minuten ohne Gegentreffer. Im Elfmeterschießen verloren die Eidgenossen schließlich 0:3 - und schieden damit als bisher einziges Team ohne offizielles Gegentor aus einem WM-Turnier aus, weil die Elfmetertreffer der Ukraine nicht in die WM-Statistik eingingen.
Für einen Negativrekord sorgten die Niederlande und Portugal in ihrer Achtelfinalpartie. Der 1:0-Erfolg der Portugiesen ging im Kartenfestival fast unter: Insgesamt verteilte Schiedsrichter Iwanow aus Russland achte Gelbe und vier Gelb-Rote Karten.