WM-Ausrichter Katar: Die Schwächen der Scheichs - DER SPIEGEL
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WM 2022 in Katar: Tolle Tempel, tristes Team

Foto: Qatar Petroleum / REUTERS

WM-Ausrichter Katar Die Schwächen der Scheichs

Katar ist der umstrittene Sensationssieger im Rennen um die WM 2022 - nun will das reiche Emirat eine Fußballwelt der Superlative errichten. Fehlt nur noch eine Nationalmannschaft von Weltrang. Sonst wird die Show zur Blamage.
Von Florian Haas und Jan Reschke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der katarische Fußballverband QFA hat ein Problem: Das Land hat sich erfolgreich um die WM 2022 beworben, jetzt fehlt dem Emirat eine Nationalmannschaft, die international konkurrenzfähig ist.

Man muss nicht viel Vorstellungsvermögen haben, um sich auszumalen, dass das reiche Katar in knapp zwölf Jahren ein mustergültiges Turnier organisieren wird. Mit tollen Stadien, einer perfekten Infrastruktur und luxuriösen Hotels.

Man muss aber viel Phantasie aufbringen, wenn man Katar eine sportlich erfolgreiche WM zutrauen will. Oder zumindest eine, die nicht in einem Debakel endet. Das Team konnte sich bislang noch nie auf sportlichem Wege für eine WM qualifizieren.

Viel sagt der Blick auf die Fußballweltrangliste aus. Dort liegt Katar aktuell auf Platz 113, direkt hinter Wales und der Zentralafrikanischen Republik. Und deutlich hinter Ländern wie Burkina Faso und Grenada.

Einer der schwächsten WM-Ausrichter

Noch nie bekam ein Land mit einer so schwachen Nationalmannschaft eine WM zugesprochen. Selbst die vielfach belächelte Nationalelf Südafrikas belegte Platz 38 im globalen Ranking, als sie 2004 zum Gastgeber für das Turnier 2010 erkoren wurde.

Der größte Erfolg Katars war der Viertelfinaleinzug bei der Asienmeisterschaft 2000; bei den Olympischen Spielen 1992 gelang ebenfalls der Sprung unter die letzten acht, im selben Jahr glückte der Gewinn des Golfpokals. Glücksmomente waren der Nationalelf in ihrer 40-jährigen Geschichte sonst selten vergönnt.

Gerade die Qualifikationsrunden zu einer WM bereiteten den katarischen Fans - Fußball ist auch in Katar Sportart Nummer eins - mehr Kummer als Freude. Erst 1990 gelang dem Land zum ersten Mal der Sprung in die Endrunde der Asien-Qualifikation, dort war dann Schluss. Zwischen 1998 bis 2006 war stets in der zweiten Qualifikationsrunde Schluss. 2010 reichte es ebenfalls nicht.

Underdog in der Region

Das Emirat, in dem nur 6500 Fußballspieler registriert sind - der DFB hat gut 6,7 Millionen Mitglieder -, spielt selbst im arabischen Raum nur eine untergeordnete Rolle. Die Vereinigten Arabischen Emirate schafften schon den Sprung zu einer WM (1990), ebenso das ähnlich kleine Kuwait (1982). Saudi-Arabien qualifizierte sich von 1994 bis 2006 durchgängig. Selbst der noch viel kleinere Staat Bahrain war dem WM-Ticket schon näher als Katar, scheiterte bei der vergangenen WM-Qualifikation erst in Entscheidungsspielen am Ozeanien-Vertreter Neuseeland.

Oman? Jordanien? Libyen? Sie alle sind in der Weltrangliste höher eingestuft als Katar, das dort derzeit so schlecht positioniert ist wie noch nie zuvor. In der vergangenen Woche konnte die Mannschaft zwar den Jemen 2:1 besiegen - zuvor allerdings gingen Testspiele gegen Kuwait, Haiti und Irak allesamt verloren.

Die meisten Nationalspieler sind bei Al-Sadd und dem aktuellen Meister Al-Gharaffa unter Vertrag. Beide Teams kommen wie viele der insgesamt 18 Proficlubs aus der Hauptstadt Doha - und wurden sonst vor allem durch das Engagement früherer Top-Akteure aus dem Ausland bekannt. Die Scheichs lockten Spieler wie Stefan Effenberg, den Brasilianer Romario oder den Argentinier Gabriel Batistuta in die "Qatar Stars League" und verschönten den Stars mit viel Geld den Spätherbst ihrer Karriere. Dem Niveau der Liga half das nur bedingt.

Der Plan, mit viel Geld und ausländischen Spielern auch die Nationalmannschaft aufzurüsten, konnte indes nicht realisiert werden. 2004 warb der Verband um die Dienste der Brasilianer Dede und Ailton. Beide spielten damals in der Bundesliga, hatten aber keine persönliche Bindung zu Katar. Die Fifa missbilligte das Vorhaben, der katarische Verband ließ den Plan fallen.

Nachwuchsprobleme am Golf

Wie man als sportliches Entwicklungsland eine WM als Gastgeber angehen sollte, haben Südkorea 2002 und Südafrika 2010 vorgemacht. Bei der WM 2002 hatten Optimisten den Südkoreanern allenfalls das Achtelfinale zugetraut, am Ende war erst im Halbfinale nach dem 0:1 gegen Deutschland Schluss. Der zwei Jahre vor dem Turnier verpflichtete Trainer Guus Hiddink hatte das Team sowohl körperlich als auch taktisch auf internationalen Standard gebracht.

2010 war es der brasilianische Weltmeistercoach Carlos Alberto Parreira, der das südafrikanische Nationalteam vor und während der WM betreute und viele Pessimisten widerlegte, die seinem Team eine katastrophale WM prophezeit hatten. In einer starken Gruppe mit Mexiko, Frankreich und dem späteren WM-Vierten Uruguay holte Südafrika vier Punkte und verpasste die K.o.-Runde nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz.

Doch allein mit einem international erfahrenen Trainer aus dem Ausland wird es beim Problemfall Katar nicht getan sein. Es mangelt auch an Spielern, die in so einem Turnier bestehen können. Der katarische Nachwuchs gibt ebenfalls wenig Anlass zur Hoffnung. Zuletzt scheiterte Katar bei der U17-Asienmeisterschaft 2010 bereits in der Qualifikation.

Die Trainingsbedingungen sind hingegen schon jetzt auf einem hohen Standard. In Doha gibt es seit 2004 die "Aspire Zone". Ein 250 Hektar großer Komplex, zu dem neben dem 50.000 Zuschauer fassenden Khalifa-International-Stadion und dem "Aspire Dome", der größten Indoor-Sportanlage der Welt, auch die "Aspire Academy" gehört. Dort werden künftige Sportstars unter besten Bedingungen ausgebildet.

Im vergangenen Jahr wurden dort von Mohamed Bin Hammam, Präsident des Asiatischen Fußballverbands AFC und Fifa-Exekutivmitglied, die Abschlussklasse von 2009 verabschiedet. 27 Athleten, davon fünf Leichtathleten, zwei Judoka, zwei Tischtennisspieler, ein Ruderer, ein Segler und ein Golfer.

Immerhin, 15 Fußballer waren auch darunter.