WM-Bilanz Organisation schlägt Spielfreude
Da gingen sie also dahin, jeder für sich. Selbst in der Niederlage wurde aus der brasilianischen Mannschaft keine Einheit. Ronaldinho, Ronaldo, Adriano - die großen Fußballer mit den großen Namen verließen den Platz einzeln, ausdruckslos und mit hängenden Köpfen. Der Traum der Seleção vom erneuten WM-Titel war in diesem Moment nur noch eine Erinnerung. Präsent war nach dem 0:1 gegen Frankreich eher das Gefühl, dass dort in Frankfurt lustlose Kicker in die Kabine gingen und mit ihnen der Glaube, dass der Ball ein besserer Freund sei als die Geschlossenheit.
Deutsches Kollektiv: Laufstark, ballsicher und torgefährlich
Foto: Getty ImagesDas Ausscheiden des Topfavoriten war nicht zu erwarten, aber im Nachhinein erscheint es fast logisch. Denn es ist bezeichnend für diese WM, bei der vier europäische Mannschaften (Deutschland, Frankeich, Italien und Portugal) im Halbfinale stehen, deren größte Stärke das Kollektiv ist. Deren Trainer sich fast manisch der Beförderung des Teamgeistes verschrieben haben, die Wert legen auf Fehlerminimierung statt Treffermaximierung und ihren Spielern doch Freiheiten gewähren, nur eben immer innerhalb eines taktischen Konzeptes. Offensive gewinnt Spiele, Ordnung macht Meistermannschaften. Auch wenn die Folgen manchmal nicht sehr schön anzusehen sind.
Spielerische Armut vs. Erfolgsdenken
Wer die Europameisterschaft vor zwei Jahren verfolgt hat, dem kommt diese WM wie eine Mogelpackung vor. Aus berauschenden Partien sind langweilige geworden, bei denen nur Taktikfetischisten ins Schwärmen kommen. 2004 hatten die meisten Nationen mit Ausnahme des späteren Siegers Griechenland der Offensive Vorrang gegeben, nun zieht sich die Spannung aus der Frage, welches Team das erste Tor schießen wird oder welcher Elfmeterschütze die besseren Nerven hat. Exemplarisch war das im Viertelfinalspiel der Portugiesen zu sehen, als die Bemühungen des Scolari-Teams gegen dezimierte Engländer beim Stand von 0:0 an das Überzahlspiel im Handball erinnerte - nur ohne den Pass auf den Kreisläufer.
Die Armut an Toren und Spielfreude ist eine Folge der taktischen Systeme, die auf Fehlerminimierung ausgelegt sind. Die deutsche Mannschaft, die am Dienstag in Dortmund auf Italien trifft (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), spielt nur deshalb nicht mit einer Raute, weil der Laufweg des vordersten Mittelfeldspielers Michael Ballack beim Umschalten auf Verteidigung zu lang wäre. Schon beim Angriff wird an das Verhalten bei Ballverlust gedacht - diese defensive Denkweise hat das zuschauerfreundliche "Dann schießen wir eben ein Tor mehr als der Gegner" vom Konföderationen-Cup im Sommer 2005 abgelöst. Der Erfolg gibt der DFB-Elf bisher Recht. Auch auf den offensiven Außen wird disziplinierten Spielern der Vorrang gegeben, Bastian Schweinsteiger zum Beispiel machte das ebenso gut wie der Franzose Frank Ribery. Für ihn ließ Trainer Raymond Domenech den Barcelona-Profi Ludovic Giuly zu Hause - der ist nach vorn zwar stärker, aber defensiv nachlässig.
Spielmacher vs. Spielzerstörer
Der Spagat, den die Halbfinalisten bei dieser WM geschafft haben, ist die Verbindung defensiver Organisation und offensiver Überzahl im Mittelfeld. Dafür braucht es einen Spielertypus, der zweikampf- und laufstark, ballsicher und torgefährlich ist. Alle Halbfinal-Teams - am Mittwoch messen sich Frankreich und Portugal (um 21 Uhr in München) -, haben diesen Akteur in ihren Reihen. Andrea Pirlo, Torsten Frings, Maniche und Patrick Vieira heißen diese Strategen, die antreiben, umschalten, grätschen - und die allesamt schon selbst getroffen haben bei dieser WM. Brasilien hatte mit Gilberto Silva bei der erfolgreichen WM vor vier Jahren den Prototypen dieser neuen Nummer sechs, nun blieb der Arsenal-Profi hinter den Erwartungen zurück wie auch die Engländer Steven Gerrard und Frank Lampard oder Wesley Sneijder (Niederlande). Überzeugen konnte der Argentinier Javier Mascherano, 22, eines der größten Talente auf dieser Position.
Enttäuschungen
In Spanien herrscht auch nach der WM 2006 Trauer vor, die durch das kompromisslos schöne und direkte Spiel in der Vorrunde umso größer war nach dem Ausscheiden im Achtelfinale gegen Frankreich (1:3). Wieder wird Fernando Torres oder David Villa nun vorgeworfen, dass sie bei einer WM nie etwas Großes erreichen werden. Es scheint ein Fluch auf dem Team zu liegen, dessen Einzelspieler Weltklasse sind, aber deren Summe nie einen der vorderen Plätze ergibt. Diesmal hat der spanische Verband umsichtig reagiert und den Vertrag mit Trainer Luis Aragones verlängert. Ein gutes Zeichen, denn in Spanien sollte die Freude überwiegen, eine Mannschaft mit Zukunft zu haben.
Enttäuschend präsentierten sich die vier asiatischen Teams bei dieser WM. Saudi-Arabien und Iran dienten vornehmlich dem Auffüllen des 32er-Feldes. Japan und Südkorea, 2002 gemeinsame WM-Gastgeber, konnten ihre Leistungen von vor vier Jahren nicht bestätigen, als die Koreaner unter Trainer Guus Hiddink sogar das Halbfinale erreichten. Die beiden Mannschaften haben sich nicht weiterentwickelt, zu statisch blieb das Spiel. Nur ihre Fans sind Weltklasse. Die muss man leider den afrikanischen Teams absprechen. Zwar erreichte Ghana das Achtelfinale und beherrschte dort sogar Brasilien, nur wurden sie für ihre mangelnde Chancenverwertung eiskalt bestraft. Die Elfenbeinküste hatte das Pech, in der Vorrunde auf gut organisierte Argentinier und glücklichere Niederländer zu treffen, beide Spiele gingen 1:2 verloren. Ein Didier Drogba allein reicht eben nicht. Togo, Angola und Tunesien waren schlichtweg chancenlos.
Trainertypen
Zur positiven Überraschung wurde Australien, das unter dem Trainer Hiddink sehr organisiert spielte und im Achtelfinale gegen Italien in letzter Minute ausschied. Der Niederländer holte das Optimum aus jedem einzelnen "Socceroo" heraus, eine Stärke, die er mit Klinsmann und Luiz Felipe Scolari gemeinsam hat. Der portugiesische Coach machte aus sehr guten Einzelkönnern ein Team, das zeigt, was es kann und nicht, was es können könnte. Schon 2002 hatte er Brasilien so zum Titel geführt. Mit Portugal ist er dieser Linie treu geblieben. Ein gutes Omen für den einzigen Halbfinalisten, der noch nie Weltmeister war?