WM-Fazit Elf Lehren aus China
1. Organisation ist Glückssache
Eine Frauenfußball-WM, der Verdacht kann einen beschleichen, nimmt die Fifa nicht so ganz ernst. Spontane Viertelfinalverlegungen, während die Spielerinnen schon im Bus zum Stadion sitzen, sind nicht das, was man sich unter Organisation einer Weltmeisterschaft vorstellt. Bei den männlichen Kollegen hätte das einen Eklat gegeben. Allerdings konnte die Fifa natürlich nichts dafür, dass über dem Großraum Shanghai erst ein verheerender Wirbelsturm angekündigt wurde und dann nur ein bisschen Regen kam. Und ordentlichen Rasen verlegen zu lassen war auch beim Männerturnier in Deutschland schon Glückssache.
2. Meister des Unbekannten
Frauenfußball ist ein globaler Sport mit dem Nachteil, dass er nicht global vermarktet ist - und damit ein Spiel voller Unbekannten. Besonders unbekannt: Asiatinnen. Die Chinesinnen neigten zu Variationen der Haarfarbe, und die Japanerinnen hatten eine Spielerin mit Afrolook dabei, was es ein bisschen leichter machte, sie auf dem Feld auszumachen. Anders die Nordkoreanerinnen. Die Geheimfavoriten waren frühzeitig erschöpft und blieben eine undurchschaubare Truppe. Mit ihrem Kurzhaareinheitsschnitt werden sie in die Geschichte eingehen als "Team der Rückennummern".
3. Festspiele
Das chinesische Fußballpublikum ist vor allem und überall bedingungslos ereignisorientiert. Die Fans kamen so zahlreich zu den Spielen wie zuvor zu keiner Frauen-WM und sie waren in der Regel sehr leicht zu begeistern solange überhaupt irgendetwas passierte. Das konnte ein schöner Pass sein, aber auch die Durchsage, dass 54.000 Menschen im Stadion sind.
4. Schussgewalt
Oder ein prima Weitschuss. Der Weitschuss, der auch wirklich einer ist und nicht nur eine Verzweiflungstat, die auf halber Strecke verhungert, hat Einzug gehalten in den Frauenfußball. Spielerinnen, die immer athletischer werden, bekommen auch mehr Power in ihre Schüsse. Ist klar. Und wenn sie zudem noch ein bisschen aufpassen, sehen sie: Ah, da hinten steht ein Torwartproblem.
5. 90-Minuten-Fans
Torwartpannen gefielen den Hauptsache-es-ist-was-los-Chinesen im Stadion auch - wenn sie die Aussetzer der Torhüterinnen überhaupt mitbekamen: Die meisten Zuschauer erschienen immer erst kurz vor Anpfiff und waren bei Abpfiff massenweise schon wieder verschwunden. Weshalb es etwas eigenartig war, in den Weiten eines leeren Stadions in Hangzhou in Endlosschleife diese Anweisung über die Lautsprecher zu hören: "The match is over, please leave."
6. Pleiten, Pech und Pannen
Für die WM 2011, die sehr wahrscheinlich in Deutschland ausgetragen wird, könnte der nächste globale Entwicklungsschritt im Frauenfußball professionelles Torwartspiel werden. Bis hin zur erfolgreichsten, im gesamten Turnier gegentorlosen Nadine Angerer, machten die Torfrauen bizarre Fehler. Aber ist ja auch schön, wenn es irgendwo noch richtig was zu tun und anschließend Quantensprünge zu bestaunen gibt.
7. Nationen-Ticker
Ach ja, Entwicklungspotentiale. Also noch mal die Fifa. Der Weltverband promotet die WM mit großem, buntem Internet-Angebot. Ein Liveticker ist auch dabei. Der geht so:
Anpfiff. Das Spiel hat begonnen.
3' Der Schuss von USA geht am Tor vorbei.
4' Foul USA an England.
7' Freistoß nach einem Foul von USA an England.
11' Foul England.
12' Foul England an USA.
15' Der Schuss von USA geht am Tor vorbei.
... und 75 Minuten genau so weiter.
Welche Spielerin an welcher Aktion beteiligt war - Fehlanzeige. Wer daraus die Vorstellung entwickeln kann, wie ein Spiel läuft, hat sehr viel Phantasie.
8. Weibliche Vernunft
Das Spiel verträgt viel Phantasie. Wie die alten Frauenfußballkräfte aus Europa und den USA suchten aber fast alle WM-Teilnehmerinnen ihr Heil zunächst mal in sehr ordentlichem Spiel. Klares System, klare Rollenverteilung. Und immer wieder die Maßgabe der Trainer: Kompakt stehen ist alles. So viel Vernunft und Vorsicht bringt zwar gute Ergebnisse, aber keine schönen Spiele.
9. Brasilien ist anders
10. Fußball ist ein Spiel mit 22 Spielerinnen, und am Ende gewinnt immer Deutschland
11. Frauenfußball ist kein Männerfußball