WM-Finale Das Spiel ihres Lebens
Seoul - Die so genannte ewige WM-Tabelle, die sich aus den Spielen aller Weltmeisterschaften errechnet, weist Brasilien und Deutschland als erfolgreichste Fußball-Nationen in der Geschichte der Titelkämpfe seit 1930 aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg qualifizierte sich bei jeder WM - mit der Ausnahme 1978 - eines der beiden Länder fürs Endspiel. Doch noch nie kreuzten sich die Wege des vierfachen Champions Brasilien (1958, 1962, 1970, 1994) mit denen des dreifachen Titelträgers Deutschland (1954, 1974, 1990). Lediglich die Auswahlmannschaft der DDR spielte bei der WM 1974 in der Zwischenrunde gegen Brasilien und verlor am 26.6.1974 in Hannover durch ein Freistoßtor von Rivelino mit 0:1. Für die Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan schien ein WM-Gipfeltreffen zwischen den Fußballgrößen Deutschland und Brasilien eine unrealistische Annahme.
Denn nachdem am 1. Dezember 2001 im südkoreanischen Pusan die WM-Paarungen ausgelost worden waren, stand fest, dass Brasilien und Deutschland frühestens im Finale aufeinandertreffen können. Beide Mannschaften aber hatten die Qualifikation nur mit großen Schwierigkeiten und wenig überzeugend überstanden. Während Deutschland durch das 1:5 gegen England und das 0:0 gegen Finnland vor heimischem Publikum den Gruppensieg verspielte und erstmals in die Relegation musste, blamierte sich Brasilien mit insgesamt sechs Niederlagen - darunter das 0:3 gegen den Letzten der Südamerika-Gruppe Chile. Doch knapp sieben Monate später darf DFB-Kapitän Oliver Kahn nach einem WM-Turnier voller Überraschungen von einem "Traumendspiel" sprechen.
Deutsche Tugenden vor der ultimativen Herausforderung
Im World Cup Stadium von Yokohama stehen sich am Sonntag zwei gegensätzliche Spielanlagen gegenüber: brasilianische Brillanz und deutsche Disziplin. "Die spielen den schönsten und besten Fußball", sagt Mittelfeldstratege Dietmar Hamann über den Finalgegner. Kahn fügt hinzu: "An Einzelspielern haben die das Feinste vom Feinsten." Die technisch perfekten, leichtfüßigen Südamerikaner stellen die deutsche Tugenden genannten Eigenschaften wie kollektive Kampfkraft, eiserner Wille und strenge Organisation vor eine ultimative Herausforderung. "Wenn wir Brasilien schlagen wollen, muss jeder das Spiel seines Lebens machen", fordert der 33-jährige Kahn vor seinem ersten WM-Endspiel.
Nach der starken Vorstellung im Halbfinale wird gegen den Rekordweltmeister vermutlich dieselbe Elf auflaufen wie gegen Südkorea. Lediglich der gesperrte Michael Ballack wird wahrscheinlich durch Jens Jeremies ersetzt. "Er ist eine sehr gute Alternative. Jerry besitzt eine Menge Power sowie internationale Erfahrung", beschreibt Bundestrainer Michael Skibbe die Vorzüge des kampfstarken Münchner Mittelfeldspielers. Obwohl die deutsche Mannschaft ihre taktischen Pläne geheim halten will, "um Brasilien einen Tick zu überraschen" (Kahn), ist damit zu rechnen, dass das DFB-Team im Finale höchsten Wert auf eine kompakte Defensive legen wird.
Bloß kein offener Schlagabtausch
"Wir dürfen uns nicht auskontern lassen", warnt Skibbe, der das Halbfinale Brasilien - Türkei (1:0) vor Ort beobachtet und als große Stärke der Südamerikaner das rasante Umschalten von Abwehr auf Angriff ausgemacht hat. Hamann plädiert aus demselben Grund dafür, sich auf die Ordnung in der eigenen Hälfte zu konzentrieren: "Wir dürfen es nicht auf einen offenen Schlagabtausch ankommen lassen. Da ist man gegen Brasilien meistens nur zweiter Sieger."
Was wie Spielverderben klingt, basiert auf der kritischen Analyse der eigenen Fähigkeiten. "Die Mannschaft weiß, was sie kann und was sie nicht kann", sagt Skibbe nüchtern. Zum deutschen Traum vom WM-Titel gehört die Akzeptanz der fußballerischen Realitäten. "Ich hoffe, dass wir als Mannschaft in die Geschichte eingehen, die aus ihren Möglichkeiten alles gemacht hat", sagt Hamann.
Kahn als Elfmeterschütze?
Kapitän Kahn erinnert an das WM-Finale von 1994, als sich Italien und Favorit Brasilien in einem höchst unattraktiven Spiel 120 Minuten lang neutralisierten. Der deutsche Keeper traut sich zu, selbst gegen Brasiliens exzellenten RRR-Sturm, der schon 13 Turniertreffer erzielt hat, zwei Stunden lang kein Tor zuzulassen: "Ronaldo, Ronaldinho und Rivaldo sind zwar Weltklasseleute, aber sie müssen erst einmal zeigen, dass sie mich überwinden können."
Nach dem torlosen Unentschieden verlor Italien vor acht Jahren im Elfmeterschießen. Aber auch dafür ist Kahn gewappnet: "Elfmeter schießen gehört eigentlich nicht zu meinen Aufgaben. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch einen Elfmeter schießen würde und könnte." Auf jeden Kopfball, auf jeden Schuss, auf jede Frage hat Deutschlands überragender Rückhalt derzeit eine Antwort parat. "Mein Gefühl sagt mir, dass wir Weltmeister werden", teilt Kahn der Weltpresse vor dem Finale abschließend mit, "warum kann ich nicht erklären." Was zu Turnierbeginn von seriösen Beobachtern als Zweckoptimismus abgetan wurde, nimmt man mittlerweile ernst - selbst unbegründete Prognosen aus dem Bauch heraus.