WM-Finale Drama vom Scheitern und Siegen
Berlin - Helden machen kleine Momente zu großen, sie glänzen dann und alles andere um sie herum verblasst. Manchmal werden Helden in großen Momenten auch ganz klein und verblassen selbst. Das Dumme ist, dass das Scheitern meist dem Aufstieg folgt und deshalb in Erinnerung bleibt. Und es ist die Wirkung dieses allerletzten Momentes, die darüber entscheidet, ob man ein leuchtender Held ist oder ein tragischer.
In Zinedine Zidanes letztem Moment als Fußballer beugt er den Körper nach vorn, legt den Kopf in den Nacken und rammt ihn Marco Materazzi mit voller Wucht gegen den Brustkorb. Der französische Kapitän war kurz zuvor noch neben dem italienischen Verteidiger gelaufen, sie hatten allerhand Worte gewechselt und als Zidane vor Materazzi lief, rief dieser noch etwas hinterher. Dann der Kopfstoß. Materazzis Fallen. Die Rote Karte durch Schiedsrichter Horacio Elizondo. Der Abgang im letzten Spiel seiner Karriere, am WM-Pokal vorbei in die Tiefen des Berliner Olympiastadions. Und schlussendlich: das verlorene Finale gegen Italien nach Elfmeterschießen (4:6), ohne ihn, den Kapitän, der als Erster geschossen hätte.
Zidane hätte nicht so reagieren dürfen, was auch immer ihm Materazzi hinterher gerufen hatte. Der Platzverweis schwächte sein Team nicht nur numerisch, sondern vor allem psychisch, auch Raymond Domenech weiß das. Der französische Trainer sitzt im Presseraum des Olympiastadions, er sieht aus wie ein Lehrer, dessen Lieblingsschüler die Abi-Prüfung nicht bestanden hat. "Alles, was ich gerade fühle, ist tiefe Enttäuschung", sagt Domenech. Er sei traurig, einen großen Spieler wie Zidane so abtreten zu sehen, aber: "Es muss etwas vorher passiert sein, ich kann mir nicht vorstellen, dass er einfach so reagiert hat." Gibt es eine Erklärung für das Unerklärliche?
Das Scheitern Frankreichs bekommt nicht nur durch Zidane etwas Episches. Das Team blieb im Turnierverlauf ungeschlagen, und auch der zweite große Fußballer des Landes hatte das WM-Finale nicht beendet. Patrick Vieira, der defensive Organisator hinter "Zizou", war nach 60 Minuten vom Platz gehumpelt, der Oberschenkel. Trotzdem hatte der Weltmeister von 1998 danach das Spiel bestimmt, in der 104. Minute kam Zidane nach Flanke von Willy Sagnol im Strafraum zum Kopfball, es wäre das 2:1 gewesen und wohl die Entscheidung. Aber Gianluigi Buffon rettete gegen den Mann, für den das Schicksal in diesem Spiel etwas anderes vorgesehen hatte. Auch sein per frechem Lupfer verwandelter Foulelfmeter zur 1:0-Führung (7.) änderte daran nichts.
Gewinnen sollte an diesem Abend Italien. Das Italien, das noch nie zuvor bei einem großen Turnier in einem Elfmeterschießen triumphiert hatte. Dessen heimische Serie A gerade durch einen Manipulationsskandal erschüttert wird. Dessen Nationalspieler (jedenfalls die von Juventus Turin, AC Mailand oder AC Florenz) schon am Montag vom Zwangsabstieg ihrer Vereine oder von Punkteabzügen oder ihrer Arbeitslosigkeit erfahren könnten - dann soll das Urteil gesprochen werden. Und das Italien, das noch das EM-Finale 2000 gegen eben jenes Frankreich nach David Trezeguets Golden Goal verloren hatte. Doch allen negativen Vorzeichen zum Trotz wurde der vierte Titel (nach 1934, 1938 und 1982) perfekt gemacht. Und es war ausgerechnet Trezeguet, der den entscheidenden Strafstoß an die Querlatte setzte.
Ist Italien nun ein verdienter Weltmeister? Es war jedenfalls das effizienteste und am besten organisierte Team dieses Turniers, lediglich zwei Gegentore bedeuten WM-Rekord. Die Squadra Azzurra hat sich nach schwachem Beginn gesteigert, Gastgeber Deutschland im Halbfinale ausgeschaltet und gegen Frankreich über weite Strecken das Spiel ausgeglichen gestaltet. Auch der Rückstand durch Zidane schockte die Mannschaft nicht, aus der kein einziger Profi sein Geld im Ausland verdient. Materazzi glich nach Eckball von Andrea Pirlo schon in der 19. Minute zum 1:1 aus. Im Elfmeterschießen trafen alle fünf Schützen sicher. "Das ist kein Zufall, das hat etwas mit Selbstvertrauen zu tun", sagt Marcello Lippi, ihr Trainer.
Der grauhaarige Taktikfuchs war nachher wie gewohnt auch sehr gesprächig, als es um die Leistung seines Teams ging. Fabio Cannavaro sei natürlich der beste Verteidiger der Welt und Buffon der beste Torwart, man habe Glück und Pech gehabt in diesem Turnier, und gegen Frankreich habe irgendwann in der zweiten Hälfte die Kraft nachgelassen. Und Zidane? "Er sollte weitermachen, ich habe ihm das vor dem Spiel geraten. Wenn er aber wirklich aufhört, wäre es eine Schande, so abzutreten." Er schaut sehr ernst dabei.
Lippi hat lange Jahre Juventus Turin trainiert, er könnte jetzt endlich auch etwas zur Situation der Serie A sagen. Zum Beispiel, ob es hart sei, wieder in die Realität zurückzukehren. "Nächste Frage", sagt Lippi, zweimal. Sie können es nicht mehr hören im italienischen Team, dieses ständige Gerede um Manipulationen und Skandale. "Wir sind Weltmeister", ruft der Trainer und lacht. Weltmeister. Das ist alles, was zählt in diesem Moment. Im Fernsehen sind noch die springenden Männer in blauen Trikots zu sehen, Materazzi, Pirlo, Gattuso. Hinter ihnen fliegt Konfetti und auf dem Podest steht Kapitän Cannavaro mit dem WM-Pokal über dem Kopf. Er glänzt sehr.
Italien - Frankreich 6:4 n.E. (1:1)
0:1 Zidane (7./Foulelfmeter)
1:1 Materazzi (19.)
Elfmeterschießen:
1:0 Pirlo
1:1 Wiltord
2:1 Materazzi
Trezeguet verschossen
3:1 De Rossi
3:2 Abidal
4:2 Del Piero
4:3 Sagnol
5:3 Grosso
Italien: Buffon (28 Jahre/67 Länderspiele) - Zambrotta (29/58), Cannavaro (32/100), Materazzi (32/32), Grosso (28/23) - Camoranesi (29/26) - 86. Del Piero (31/79), Gattuso (28/47), Pirlo (27/31), Perrotta (28/31 - 61. Iaquinta (26/17) - Totti (29/58) - 61. De Rossi (22/20) - Toni (29/24).
Frankreich: Barthez (35/87) - Sagnol (29/45), Thuram (34/121), Gallas (28/47), Abidal (26/14) - Vieira (30/94) - 56. Diarra (24/11), Makelele (33/50) - Ribéry (23/10) - 100. Trezeguet (28/66), Zidane (34/108), Malouda (26/19) - Henry (28/85) - 107. Wiltord (32/87)
Schiedsrichter: Elizondo (Argentinien)
Zuschauer: 69.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Zambrotta / Sagnol, Malouda, Makelele
Rote Karte: - / Zidane (110./Tätlichkeit)