WM-Finalist Niederlande: Revanche in Orange - DER SPIEGEL
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Uruguay vs. Niederlande: Jubel bei König Wesley und Prinz Willem

Foto: Oliver Weiken/ dpa

WM-Finalist Niederlande Revanche in Orange

Wer soll sie jetzt noch stoppen? Nach dem Finaleinzug strotzen die Niederländer vor Selbstbewusstsein. Fans und Mannschaft hoffen auf das Endspiel gegen Deutschland - und auf die Rache für die Schlappe von 1974.
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Sollte es mit dem Fußball mal nicht mehr klappen, können Dirk Kuijt und Khalid Boulahrouz auf ein Engagement als Einpeitscher vor Rockkonzerten hoffen. Die nötige Qualifikation für diesen Job wiesen die beiden Niederländer am Dienstagabend in Kapstadt eindrucksvoll nach.

Kaum hatten sie sich nach dem Halbfinalsieg gegen Uruguay ihrer Trikots entledigt, nutzten sie die Kunstfaser in Knallorange zur Stimmungsmache. Wie andere das Handtuch in der Sauna nach einem Aufguss kreisen lassen, schwenkten die Nationalspieler das Jersey, um noch einmal die Massen im Stadion in Fahrt zu bringen.

Die Laune war bei fast 30.000 "Oranjes" ohnehin schon prächtig. Doch Kuijt und Boulahrouz schafften es tatsächlich noch, die Stimmung an diesem historischen Wintertag bei der Ehrenrunde zum nächsten Höhepunkt zu bringen. Partytime am Kap. Weil die Niederlande zum dritten Mal nach 1974 und 1978 nach einem schwer erkämpften, letztlich aber verdienten 3:2 (1:1) gegen Uruguay ein WM-Finale erreichte, herrschte Ausgelassenheit pur.

"Am Ende wurde es noch mal eng", sagte Trainer Bert van Marwijk, "das letzte Endspiel liegt 32 Jahre zurück, das ist unglaublich, was wir erreicht haben." Schnell wies der 58-Jährige darauf hin, dass seine im Sommer 2008 begonnene Mission noch längst nicht beendet sei. "Ich will am 11. Juli auch den ultimativen Preis. Ich bin ja ein Sportsmann."

Zur Not lässt van Marwijk auch stürmisch spielen

Doch der Fußballlehrer van Marwijk, der früher mal Borussia Dortmund coachte und nach wie vor im kleinen Meerssen nahe der deutschen Grenze wohnt, hielt dann doch endlich mal inne: "Ich habe in den letzten Sekunden des Spiels an die Endspiele von 1974 und 1978 gedacht, die große Generation um Johan Cruyff. Er war der größte Spieler, den es je gegeben hat. Es ist eine Riesenauszeichnung, dass wir Ähnliches erreichen können."

Den Auftakt für die Erfolgsgeschichte im Halbfinale lieferte Giovanni van Bronckhorst mit einem Prachtschuss in der 18. Minute zum 1:0. Die Antwort auf den Dämpfer durch den haltbaren Fernschuss von Diego Forlán (41.) gab Wesley Sneijder mit seinem Treffer (70.). Schließlich erzielte der nimmermüde Arjen Robben auch noch ein Kopfballtor (73.) und stellte damit die Weichen aufs Weiterkommen. Der Anschlusstreffer durch Maximiliano Pereira (90. + 2) änderte daran nichts mehr.

Der Sieg ist auch das Resultat einer taktischen Umstellung. Der Bondscoach hatte die herkömmliche 4-2-3-1-Formation mit der Einwechslung von Rafael van der Vaart zur Halbzeit aufgelöst. "Das hat die Richtung angezeigt, da hat man gesehen, wie die Niederlande Fußball spielen kann", resümierte van Marwijk. Zur Not dann doch ganz nach dem Gusto seiner Vorgänger, also auch stürmisch.

"Deutschland gegen Holland ist ein Traumfinale"

"Wir sind so stark, weil hier ein jeder akzeptiert wird - auch mit seinen Schwächen. Jeder kann zu jeder Zeit ein Spiel positiv beeinflussen. Und ich bin jetzt auch noch mit dem Kopf gefährlich", jubelte Flügelstürmer Robben, "nun hoffe ich für meine Jungs vom FC Bayern, dass sie auch ins Finale kommen." Der Wahl-Münchner wünscht sich wie so viele nun ein Endspiel wie 1974 gegen Deutschland, "das wäre nach dieser Superleistung doch ein Superspiel."

Erst recht für die vielen Protagonisten, die in der Bundesliga gespielt haben oder spielen. Joris Mathijsen hüpfte bei dieser Aussicht von einem Bein aufs andere, so aufgeregt schien der Hamburger Abwehrspieler noch kurz vor Mitternacht in der Mixed Zone. "Wir sind im Finale, wir sind im Finale: ich kann es gar nicht glauben. Wir haben mittlerweile das Gefühl, dass wir kein Spiel verlieren können", so der 30-Jährige, "in der Kabine haben wir uns gesagt, es kann doch nicht angehen, dass wir gegen Uruguay verlieren." Und nun? "Es wäre schön für alle Jungs, wenn wir Revanche für 1974 nehmen könnten. Obwohl ich damals noch gar nicht geboren war: Deutschland gegen Holland ist ein Traumfinale", sagte Mathijsen, Jahrgang 1980.

Van Marwijk hat dagegen sehr wohl miterlebt, wie sehr dieses Erlebnis des verlorenen WM-Finales in München die Fußballnation für lange Zeit traumatisiert hat, weshalb der grauhaarige Mentor auch im Zwiespalt ist, was seinen Finalwunsch angeht. "Spanien spielt den besten Fußball auf der Welt, sie haben das beste Team. Aber bei diesem Turnier sind bislang die Deutschen die Besten. Und das wäre wegen der Historie eine einzigartige Paarung."

Auf die sich auch der frühere Hamburger Nigel de Jong freut, der wegen einer Sperre gegen Uruguay zum Zuschauen verdammt war. "Ich hatte den Jungs gesagt, dass ich keine Lust gehabt hätte, nach Port Elizabeth zum Spiel um den dritten Platz zurückzukehren."

Es ist auch keine Frage, wen sich die meisten mitgereisten Fans nun wünschen. Im Stadion, aber auch auf dem Grand Parade Fanfest in Kapstadt oder später in der Long Street mit ihren unzähligen Bars und Kneipen, wuchs die Vorfreude auf ein Finale gegen Deutschland fast minütlich. Der orange Wahnsinn darf also weitergehen, zumal die fast 70.000 niederländischen Sympathisanten nun am Sonntag nach Johannesburg weiterreisen. Zu einem Endspiel gegen Deutschland?

"So wie die Deutschen"

Nur ein paar Niederländer konnten damit gar nichts anfangen. Giovanni van Bronckhorst etwa, der mit der WM scheidende Kapitän und Linksverteidiger, der viele Jahre für den FC Barcelona am Ball war, wünscht sich ein Wiedersehen "mit den alten Freunden, die ich noch aus Spanien kenne." Und auch der bei Real Madrid beschäftigte van der Vaart wünscht sich lieber den Europameister, um Weltmeister zu werden. "Ich hoffe auf Spanien, meine Familie lebt da, ich spiele dort. Aber wir haben vor keinem Gegner mehr Angst", sagte der 27-jährige Mittelfeldspieler.

Nur einen gab es, der nach dem zehnten Sieg in Folge, dem 25. Länderspiel nacheinander ohne Niederlage, fast schon melancholische Züge zur Show stellte. "Das ist meine letzte WM, das ist meine letzte Chance, die in meinem Leben nicht mehr wiederkommt", sagte Mark van Bommel, 33, der in der "Elftal" eine ähnlich dominante Rolle wie beim FC Bayern bekleidet. Auch ohne die Kapitänsbinde gilt die Nummer sechs als der heimliche Anführer dieser bemerkenswerten Mannschaft. Diese könnte als zweites Team nach Weltmeister Brasilien (2002) alle sieben Turnierspiele in regulärer Spielzeit gewinnen.

Woher kommt diese Stärke?

Die Antwort wusste van Bommel: "Wir Holländer konnten immer schön spielen und gewinnen. Aber nun haben wir gelernt, auch zu gewinnen, wenn wir mal einen schlechten Tag haben. So wie die Deutschen."