WM-Globus Verloren im Weltball
Der Ball ist rund: Fußball-Globus auf dem Rathausmarkt in Hamburg
Foto: DPAHamburg - Schon nach 27 Stufen begegnet mir Claudia Schiffer. Mitten auf der ersten Ebene des Fußball-Globus gibt die Modelmutter ihre Gedanken über die Weltmeisterschaft in Deutschland preis. "Ich freue mich auf die WM 2006, weil Menschen auf der ganzen Welt Fußball lieben", steht auf einem überdimensionalen Monitor, der an einem Stahlgerüst hängt. In einer Glasvitrine darunter zeigt auch Nationaltorwart Oliver Kahn seine Verbundenheit mit dem Ereignis: Seine signierten Handschuhe aus dem WM-Finale 2002, mit denen er Rivaldos Schuss nicht festhalten konnte, liegen gefaltet da - zur Verfügung gestellt vom Sponsor Adidas.
Zwischen Kahns Lederwaren und dem WM-Ball von 1990, den Elfmeterexperte Andy Brehme im argentinischen Netz versenkte, steht ein kleiner Mann im hellen Anzug. Er spricht mit einem Monitor, dann tippt er etwas in eine Tastatur. Auf dem Monitor steht in Magenta "Get videolized" - der Service eines weiteren WM-Sponsors, der Deutschen Telekom. Man kann Teil eines Fußballvideos werden - und dabei in 15 Sekunden ein Statement abgeben. "Wählen Sie ein Video als Hintergrund für ihre Aufnahme!", befiehlt mir der Touchscreen. Ich entscheide mich für einen Seitfallzieher in Superslomo. "Bitte bewegen sie jetzt langsam ihren Kopf hin und her, um die Hintergrunderkennung zu aktivieren." Ich folge den Anweisungen des Computermonitors und schwanke langsam von links nach rechts. Kinderstimmen kichern hinter meinem Rücken.
"Lieber Fußballgott, ich wünsche mir ein Finalticket"
Dann, plötzlich, bin ich Teil des Videos, mein Kopf ist rechts unten eingeklinkt, direkt unter dem in der Luft liegenden Schützen. Sein Trikot ist dunkel vom Schweiß, die Schusshaltung perfekt. Ich sehe irgendwie blass aus. Und habe noch sechs Sekunden Zeit für meine Botschaft. Verdammt wenig Zeit, um der Welt zu sagen, was einen so bewegt. "Äh, ja, Fußball äh". Dann werde ich vom Computer nach meiner email-Adresse gefragt. Die Kinder hinter mir lachen jetzt.
Ich bin enttäuscht. Ich wollte so viel sagen in diesem Video. Etwa "Lieber Fußballgott, ich wünsche mir eine großartige WM - und eine Eintrittskarte für das Finale." Doch jetzt bin ich videolisiert - und alles, was ich gesagt habe, ist "Äh". Eine junge Frau in hellblauer Trainingsjacke und schwarzer Hose mit drei Streifen lächelt mich an. Ich rolle mit den Augen. Sie steht hinter einem Stand mit WM-Münzen, WM-Shirts, WM-Mützen.
Vor ihr liegen Stapel mit Infoblättern, hinter ihr hängt der überdimensionale Bildschirm, auf dem nach Claudia Schiffer jetzt Karl Lagerfeld beschreibt, warum er sich auf die WM 2006 freut. "Weil die ganze Welt den Fußball liebt." Lagerfeld ist wie Schiffer Botschafter für die WM 2006. Auf dem Bewerbungsvideo Deutschlands, das Franz Beckenbauer damals vorgestellt hat und das Fifa-Präsident Sepp Blatter so gut gefallen haben soll, spielen Lagerfeld und Schiffer sogar zusammen Fußball.
Die Schuhe von Beckham
Eine ältere Dame kommt die Treppe aus der zweiten Ebene herunter. Sie trägt ein weinrotes Kleid und weinroten Lippenstift. Sie scheint sich zu fühlen wie ich vor wenigen Minuten bei der Aktivierung der Hintergrunderkennung. "Das ist ja wie im Flugzeug da oben", ruft die Dame, "diese Lichter, alles dreht sich." Dann hastet sie aus dem Globus. Die Frau in der Trainingsjacke lächelt wieder. Lächeln scheint ihr Job zu sein.
Ich gehe die schmale Treppe nach oben, die Worte von Göttrik Wewer, Staatssekretär im Innenministerium, im Hinterkopf, die er sprach, als der WM-Ball nach Köln gerollt war. "Der Fußball-Globus ist ein eindrucksvolles Fußball-Erlebnis jenseits des Stadionbesuches." Bisher war ich lediglich einer hysterischen Dame begegnet und Teil eines B-Movies geworden. Und der Kult der schlechten Laune? Vielleicht hätte sich auch Andre Heller mal videolisieren lassen sollen. Rechts von mir steht hinter Glas der linke Fußballschuh von Rechtsfuß David Beckham, auch dies zur Verfügung gestellt vom Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach.
Das Licht in der zweiten Ebene ist gedimmt. Loungige Musik füllt das futuristische Rund, an der Wand sind reihum Videoinstallationen angebracht. Orange dominiert. Die Mitte des Raumes bildet ein Podest aus grünen Ledersitzen - im Zentrum der Garnitur steht eine Art Bedienpult mit einer Tastatur. Ich bin jetzt im multimedialen Herzen des Fußball-Globus und der WM-Countdown an der Wand zeigt 645 Tage, 13 Stunden, 2 Minuten und 56 Sekunden.
Erfüllungsgehilfe eines Computerprogramms
Der Countdown interessiert die Kinder im Raum nicht, sie starren mit großen Augen auf Kurt Hurtig. Hurtig ist ein animierter Torwart, der aussieht wie eine missglückte Knetfigur. Er schneidet lustige Grimassen und fordert jeden auf, einen virtuellen Ball in seinem Gehäuse zu versenken. Gerade schießt ein kleines Mädchen. Nachdem sich der Ball mehrere Male vor der Knetfigur gedreht hat, ist er rechts oben eingeschlagen. Das Mädchen klatscht in die Hände, Kurt Hurtig lächelt milde.
Neben der Treppe sind drei Flachbildschirme aufgebaut. Auf ihnen, so ist der Information zu entnehmen, befindet sich jeweils ein Spieler des "FC Mondo United". Das Auswechselkontingent sei erschöpft, ich müsse die Spieler durch eine spezielle Massage deshalb wieder fit machen. Der Spieler mit der Nummer 3 heißt Cannixs. Cannixs ist ein wabbeliges gelbes Ungetüm, das mir anzeigt, wo es gern massiert werden will.
Ich fahre mit dem Finger vorsichtig über den Bildschirm und das gelbe Monster räkelt sich vor Freude. Es sind noch 645 Tage, 12 Stunden, 58 Minuten und 45 Sekunden bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels - und ich streichle mit meinem Zeigefinger über einen Fernseher. Wenn die WM-Organisatoren einen anfangs skeptischen Besucher zum Erfüllungsgehilfen eines Computerprogramms machen können - wer kann da zweifeln, dass Deutschland 2006 ein fantastischer Gastgeber sein wird?
"Ich liebe Fußball, weil..."
Nachdem ich mich noch erfolglos als Schiedsrichter versucht (an einem Bildschirm muss man nach dem Videostudium knifflige Szenen entscheiden) und bei der WM-Wette kläglich versagt hatte (Niederländisch-Indien gegen Ungarn bei der WM 1938, 0:6) gab es vor dem Gehen nur noch eine Aufgabe für mich: Ich musste auf dieses Podest.
Im Info-Blatt stand, man könne dort eine Botschaft eingeben, die dann "auf die Projektionsleinwand geworfen und die Stimmung im Fußball-Globus direkt beeinflussen" würde. Auf dem Monitor ist der Satzanfang "Ich liebe Fußball, weil" vorgegeben. Ich starre auf die Leinwand, für einen Augenblick ist die Welt ein Ball und ich der Spielmacher. Im nächsten Augenblick werde ich den Satz vervollständigen und die Stimmung im Weltball beeinflussen. "Ich liebe Fußball, weil"... weil...ja, warum eigentlich? Ich drehe mich um, niemand beachtet mich. Hurtig lässt einen Ball rein, Cannixs sitzt mit hängendem Kopf auf der Auswechselbank und die etwa 50 Menschen im Raum sind für Minuten zu Kindern geworden, die ihrem Spieltrieb freien Lauf lassen.
Ich gehe die Treppe runter, vorbei an der jungen Frau in der hellblauen Jacke, vorbei an den signierten WM-Bällen, am Coupe Jules Rimet, raus an die frische Luft. Eine Stunde ist wie im Flug vergangen, es sind nur noch 645 Tage, 12 Stunden, zwei Minuten und ein paar Sekunden bis zum Eröffnungsspiel. Langsam muss ich mich um meine WM-Tickets kümmern.