Uruguays Team: Kollektiv plus Klasse-Sturm
WM-Halbfinalist Uruguay Die Anti-Helden
Das Image einer unfairen Mannschaft wird Uruguay bei diesem WM-Turnier nicht mehr los. Und das liegt nicht nur am Handspiel von Ajax-Stümer Luis Suárez, der in der 120. Minute der Nachspielzeit im Viertelfinale gegen Ghana einen Kopfball von Dominic Adiyiah mit der Hand auf der Linie abwehrte und dafür die Rote Karte sah.
Den Stempel "unfair" haben die Urus auch aus einem anderen Grund aufgedrückt bekommen.
Nachdem Ghanas Asamoah Gyan den folgenden Strafstoß vergeben hatte und sein Team im Elfmeterschießen unterlag, feierten die Südamerikaner ihren Erfolg. Mittendrin: Rot-Sünder Suárez auf den Schultern seines Mannschaftskameraden Sebastiá Eguren. Umringt von einer Traube Mitspielern, die zu ihm aufschauten - ihrem Helden. "Luis hat das Spiel für uns gewonnen", sagte Angreifer Diego Forlán. Egidio Aréalo Rios, defensiver Mittelfeldspieler, erklärte dem "Kicker" auf die Frage, ob Suárez betrogen habe: "Er hat alles richtig gemacht."
Lachend, winkend saß Suárez auf den Schultern und genoss den Moment. Später wird er sagen: "Das war die Parade der WM. Jetzt habe ich die Hand Gottes", in Anspielung an das legendäre Handspiel von Diego Maradona bei der WM 1986. Dass er nun gesperrt ist, "war es wert".
Vor dem Halbfinale gegen die Niederlande am Dienstag (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist keine Einsicht zu erkennen. Die Szene wird verklärt. Als Symbol eines Spielers, der sich für die Mannschaft opferte. Wie damals bei Michael Ballack, der 2002 im WM-Halbfinale einen möglichen Gegentreffer nur durch ein Foul am südkoreanischen Stürmer zu verhindern wusste, dafür seine zweite Gelbe Karte sah und im Finale fehlte. Auch der Erfolg der Uruguayer bleibt einer mit einem bitterem Nachgeschmack.
Dabei hat die Mannschaft von Trainer Óscar Tabárez bisher eine gute WM gespielt und rein sportlich gesehen viel Lob verdient.
Uruguay vs. Ghana: Held Muslera, tragischer Held Gyan
Die Abwehr gehört bislang zu den besten des Turniers, in der Vorrunde wurde kein Gegentreffer kassiert, im Achtel- und Viertelfinale je einer. Kapitän Diego Lugano hat in der Innenverteidigung in jedem Spiel überzeugt, im ersten Spiel noch in einer Dreierkette, danach im Viererverbund. Wechselweise spielten da Diego Godin oder Mauricio Victorino neben ihm. Beide äußerst abgeklärt. Nun muss im Spiel gegen die Niederlande improvisiert werden. Der Einsatz von Lugano ist fraglich, gegen Ghana musste er wegen einer Bänderdehnung im Knie ausgewechselt werden. Und er ist nicht der einzige Spieler, auf den Trainer Tabárez verzichten müsste. Außenverteidiger Jorge Fucile fehlt wegen seiner zweiten Gelben Karte. Mittelfeldspieler Nicolás Lodeiro fällt aufgrund einer Fußverletzung ebenfalls aus.
Doch das dürfte Tabárez wesentlich weniger Kopfzerbrechen bereiten als die Frage, wer Suárez im Angriff ersetzt. Am wahrscheinlichsten ist, dass Edinson Cavani vom Flügel ins Zentrum rückt und neben ihm Sebastián Abreu, der den entscheidenden Elfmeter lässig verwandelte, aufläuft. Forlán würde wie in den vorangegangenen Partien hinter den Spitzen spielen. Der bislang so starke uruguayische Sturm dürfte damit wesentlich weniger durchschlagskräftig sein, Cavani überzeugte bislang nicht, Abreu wurde erst zweimal spät eingewechselt. Er hat kaum Spielpraxis.
Sympathien werden dem Team nicht zufliegen
Dennoch ist die Zuversicht in der uruguayischen Nationalmannschaft groß. "Egal, wer gegen die Niederlande spielt, wir werden eine gute Partie abliefern", sagt Lugano. Selbst wenn er recht behalten sollte, die großen Sympathien werden dem Team nicht mehr zufliegen.
Dabei hätte Uruguay eine der Positiverscheinungen dieser WM werden können. Das Team war auf dem besten Wege dahin - eine Überraschungsmannschaft, die die Großen schlägt, ist in der Gunst des Publikums immer weit oben. Doch der Makel des Viertelfinales wirft nun einen so langen Schatten auf die Leistungen, dass auch ein etwaiger Erfolg gegen die Niederlande in der Wahrnehmung vieler Fußballfans mit einem faden Beigeschmack behaftet sein würde.
Die Geschichte des Teams erinnert ein wenig an das Märchen vom hässlichen Entlein, bei dem ein tollpatschiges, unansehnliches Küken zunächst von allen verspottet wird, später, als es ausgewachsen ist, an einem See sein Spiegelbild betrachtet und erkennt, dass es zu einem schönen Schwan herangewachsen ist. Uruguay war vor der WM als harte, unbequeme Kämpfertruppe verschrien mit einer hässlichen Spielweise. Doch das Ansehen wuchs von Spiel zu Spiel, das Team schaffte Runde um Runde, bis ins Halbfinale, den größten Erfolg seit 1970. Schlug unter anderem Südafrika, Mexiko und Südkorea und war auf dem besten Wege, das Image des hässlichen Entleins loszuwerden.
Bis zum Spiel gegen Ghana.
Wenn das Team nun in einen Spiegel schaut - es sieht noch immer ein hässliches Entlein.
Uruguay - Niederlande (in Kapstadt)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Uruguay: 1 Muslera - 16 Maxi Pereira, 6 Victorino, 2 Lugano (3 Godin), 22 Caceres - 15 Perez, 17 Arevalo, 5 Gargano, 11 Alvaro Pereira - 10 Forlan, 7 Cavani Niederlande: 1 Stekelenburg - 12 Boulahrouz, 3 Heitinga, 4 Mathijsen, 5 van Bronckhorst - 6 van Bommel, 14 de Zeeuw - 11 Robben, 10 Sneijder, 7 Kuyt - 9 van Persie
Schiedsrichter: noch nicht benannt