WM-Kolumne Michael Skibbe, Halbzeitgott
Am nunmehr 28. Tag seit Beginn unserer Aufzeichnungen müssen wir konstatieren: Wir haben es ja immer gewusst, der Titel ist drin. Weil wir immer an diese Mannschaft geglaubt haben. Weil wir geahnt haben, dass sie im rechten Moment ihre Tugenden ins Spiel werfen wird. Weil wir schon lange spürten, was für ein wundervoller Trainer Rudi Völler ist. Und vor allem natürlich, weil wir seit Jahren predigen, dass Oliver Kahn nicht nur ein großartiger Mensch, ein liebevoller Familienvater, ein vorbildlicher Teamplayer, ein Botschafter der Fairness ist - sondern auch und gerade ein ganz vernünftiger Torwart.
Kritik? Häme? Boshaftigkeiten? Wir? Ein bisschen vielleicht, aber doch nur, weil wir noch mehr aus dieser wunderbaren Mannschaft herauskitzeln wollten. Weil wir spürten, dass sie ihr Potenzial nicht von allein abrufen kann. Den Widerspruch braucht. Gerade von uns, wo sie sicher sein kann, dass wir es immer gut mit ihr meinen.
Verstrickt in den eigenen Legenden
Und so verwandeln Experten allerorts in diesen Tagen ihren vor dem Turnier laut herausposaunten Unglauben in "ein bisschen Skepsis". Und böse Sprüche in "Die Mannschaft brauchte auch den öffentlichen Druck"-Entschuldigungen. Mit anderen Worten: Wer jetzt alles auf einmal gewusst oder auch nur geahnt haben will, dass dieses Team am Sonntag, den 30. Juni im Finale einer Fußball-Weltmeisterschaft stehen würde - ist mit einem bemerkenswerten Weitblick ausgestattet.
Aber bevor das Unfassbare wirklich geschieht ist es Zeit, Bilanz zu ziehen, über Medienmacher und Mediengemachte. Und weil wir so etwas jetzt überall sehen, wollen auch wir unsere "WM Medial" in Tops und Flops zusammenfassen.
Flop 1: Die WM per Handy. Allen milliardenschweren Werbepenetrationen zum Trotz: Kennen Sie jemanden, der sich von Jörg Wontorra die aktuellen WM-News auf sein Taschentelefon hat überspielen lassen? Hat jemand langhaarige Pullunderträger in Fahrstühlen beobachtet, die plötzlich hüpften und "Ja, Ja, Ja!!" brüllten? Der Zidane unter den Medien.
Flop 2: Die WM in "Bild". Selten hat unsere verehrte Straßenzeitung ein so liebloses, uninspiriertes Turnier gespielt wie in diesem Jahr. Keine Skandale im deutschen Quartier, kein Spieleraufstand, nur der ewig gleiche Glückspfennig, der irgendwo verbuddelt werden musste. Enttäuschend wie Figo.
Flop 3: Die WM mit Netzer und Delling. Vom Grimme-Preis des ehemaligen Top-Duos ist nur noch der Grimm beim Zuschauer geblieben. Wider besseres Wissen in absurd lange Dialogschlachten gehetzt, verloren die beiden gleich den Emporen-Opas aus der Muppetshow jeglichen Charme und entzauberten sich selbst. Siehe auch Batistuta und Veron.
Flop 4: Die WM im Fernsehen (lizenzmäßig gesehen). Ohne Schlüssel kein WM-Fieber, ohne Premiere kein Überblick. Noch einmal an dieser Stelle: Wer zulässt, dass nur ein kleiner Teil aller Spiele frei empfangbar ist, beraubt auch dem Sportereignis Weltmeisterschaft einen Großteil seiner Faszination. Toter Bildschirm, siehe auch Sebastian Deisler.
Flop 5: Die WM im Fernsehen (Sat.1-mäßig gesehen). Ich kenne Menschen, die stehen kurz vor einem Breitner-Attentat. Siehe auch Rivaldo.
Aber, wie immer, gab es ja auch viel Versöhnliches bei diesem gnadenlosen Zirkus der eitlen Tanzbären und der traurigen Clowns:
Top 1: Michael Skibbe. Von wegen nur Übungsleiter von Rudis Gnaden. Der Mann mit dem konventionellsten Haarschnitt aller Teams, ein Typ, wie man ihn ansonsten nur auf Finanzämtern findet - er spielt seine bisher beste Medien-WM. Seit Rainer Bonhofs Zeiten haben die Halbzeitreports aus unserer Kabine nie größeren Charme gehabt. Das Augenzwinkern zum Schluss gleicht dem des jungen Redford. Michael Skibbe, der Ahn Deutschlands.
Top 2: Waldemar Hartmann. Ärger mit der Chefin hin, Wodka her - Waldi hat es geschafft, seinen Kultfaktor noch zu steigern. Dieses offene Bekenntnis zu hemmungsloser, warmer Distanzlosigkeit gegenüber jedem, der vor sein Mikro kommt, das ist ein Mut machendes Zeichen in einer Welt, die immer kälter zu werden scheint. Wir brauchen keine Journalisten, wir brauchen nur noch Waldis, Leute mit Herz. Vergleiche auch Winnie Schäfer.
Top 3: Premiere (Sonderwertung). Ob Reif und Thurn und Taxis vor Ort, oder die "Boxenluder" wegen Kostendruck im dunklen Studio in Ismaning - Respekt vor der Leistung der kreativen Truppe in diesen so schweren Kirch-Zeiten. Aber ob das für die Quali 2006 reicht? Siehe auch Senegal.
Top 4: Thomas Helmer. Wer trotz Engagement bei Sat.1 halbwegs vernünftig abschneidet, der könnte mal was werden. Ein Fall für echte Talentspäher mit Geld. Siehe auch Michael Skibbe.
Top 5: Die WM (an sich): Rumpelfüßler, Paul Breitner, Duselfußball, al-Qaida - alles egal für vier Wochen. Selbst die sportlich schlechteste Weltmeisterschaft seit Jahrzehnten lässt einen nicht aus den Klauen. Un-glaub-lich. Siehe auch 1986.