WM-Porträt: Die neue Schweizer Garde - DER SPIEGEL
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WM-Porträt Die neue Schweizer Garde

Die Schweiz wird mit einer jungen Mannschaft zur Fußball-WM nach Deutschland fahren und könnte mit ihrem eleganten Tempospiel für Furore sorgen. Doch die wirklich hohen Ziele steckt sich Nationaltrainer Jakob "Köbi" Kuhn erst für 2008.
Von Michael Martin
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michel Pont greift oft zu seiner schwarzen Tasche, holt seinen Laptop hervor und tranchiert Fußballspiele. Der fleißige Assistent des Schweizer Nationaltrainers Köbi Kuhn zerlegt die Partien mit eidgenössischer Beteiligung in einzelne Sequenzen. Manche sind zwei, drei Minuten lang, andere wiederum nur ein paar Sekunden. So hat Pont zum Beispiel eine Videoaufzeichnung des Testspiels der Schweizer in Norwegen in 131 Abschnitte unterteilt.

Nationalcoach Kuhn: "2008 wollen wir Europameister werden"

Nationalcoach Kuhn: "2008 wollen wir Europameister werden"

Foto: AP

Er benutzt dazu ein Computerprogramm, das auf elektronische Weise Ordnung ins Spielgeschehen bringt. Ecke von rechts zu Ecke von rechts, Freistoß zu Freistoß. Sämtliche denkbaren Spielszenen sind kategorisier- und damit einfacher vergleichbar. Am Bildschirm lassen sich letztlich nicht nur einzelne Aktionen nachvollziehen, sondern auch grundsätzliche Eigenschaften gegnerischer Mannschaften oder die Entwicklung des eigenen Spiels. Nicht alle so gesammelten Erkenntnisse gibt Kuhn an sein Personal weiter, "das wäre zu viel der Instruktion", sagt er. "Aber es kann nie schaden, wenn ich selbst für gewisse Situationen ein erweitertes Basiswissen habe."

Es liegt nun am gesteigerten Selbstvertrauen der Schweizer, dass sie in der jüngeren Vergangenheit primär ihre eigenen Auftritte unter die Lupe genommen haben. Hätte es die technischen Hilfsmittel von heute schon früher gegeben, die Rotweißen hätten sie in erster Linie eingesetzt, um die gegnerischen Offensivbemühungen zu stören. Legendär war der "Rappan-Riegel", mit dem die Schweizer früher feindliche Angriffe stoppten. Bei der WM 1962 in Chile hielt bis zum letzten Gruppenspiel gegen Italien der nach dem damaligen Trainer Karl Rappan benannte Abwehrblock. Dann revolutionierte der Schöpfer selbst seine eigene Mauertaktik und stellte – mitten im Turnier – auf eine Zonendeckung um. Die verwirrten Schweizer unterlagen Italien 0:3 und schieden aus.

Rappans Riegel ist Vergangenheit. Der Bollwerkfußball, den viele Underdogs pfleg(t)en, hat in der kleinen Schweiz einem modernen Tempospiel Platz gemacht, das von einer Generation getragen wird, die schon heute als die beste in der über 100-jährigen Geschichte des Schweizerischen Fußballverbands gilt. Viele der WM-Spieler sind 2002 U17-Europameister geworden.

Die Zauberformel des Schweizer Fußballs umschreiben die Verantwortlichen in der Einfachheit, die dem Spiel einst zu Grunde lag: "Eins, zwei, drei". So einfach ist das. Ball erobern, schnell umschalten, direktes Spiel in die Spitze. Das klingt banal, ist es aber nicht, weil es für ein einfaches Spiel auch sehr gute Fußballer braucht. Dementsprechend hat sich Kuhn bei der Umsetzung seiner Beschleunigungsideen für die Vorwärtsbewegung ein solides Feldspielerfundament gelegt, das ganz auf der Klasse von Auslandsprofis beruht.

Der Blick auf die Stammformation der Schweizer zeigt, dass nur noch Torhüter Pascal Zuberbühler (FC Basel) in der Schweizer Super League spielt. Der Rest verteilt sich auf die europäischen Topligen. Sinnvollerweise bilden drei Genfer ein zentrales Trio, das für Stabilität sorgt – drei Spieler aus einer Stadt, die nach dem Konkurs des Traditionsclubs Servette keinen Verein mehr in der höchsten Schweizer Liga stellt: Philippe Senderos vom FC Arsenal und Patrick Müller (Olympique Lyon) in der Innenverteidigung sowie Johann Vogel (AC Mailand), der als Kapitän im defensiven Mittelfeld die Reihen zusammenhält. Die drei spielen seit geraumer Zeit in einer Formation zusammen, die so wenig wie möglich verändert wird; wo andere rochieren, war Kuhn schon immer ein Verfechter des Fixationsprinzips.

Senderos, Müller und Vogel bilden ein Trio, um das man die Schweiz beneiden darf, und der Blick in die Zukunft zeigt, dass die Nachfolger schon bereitstehen: Johann Djourou, 19, ebenfalls FC Arsenal, wird in Deutschland WM-Erfahrungen sammeln dürfen, ebenso der begehrte Blerim Dzemaili, 20, vom FC Zürich. Vielleicht läuft sogar Pirmin Schwegler auf - die Dienste des 19-Jährigen hat sich Bayer Leverkusen schon gesichert.

All diese Spieler sind aus dem europaweit gelobten Schweizer Nachwuchsförderungskonzept hervorgegangen. Die Talente werden früh erfasst und dann physisch, technisch und taktisch von einem über viele Jahre eingespielten Trainerteam an höhere Aufgaben herangeführt. Wobei die Betreuung mittlerweile auf die Karriereplanung ausgebaut wurde, nachdem sich Spielervermittler auf die hoffnungsfrohen Nachwuchsfußballer gestürzt und sie mit großen Versprechungen ins Ausland gelockt haben. 55 zumeist junge Schweizer versuchen heute, sich über italienische oder französische Reserveteams einen Platz in de Beletage zu sichern.

Der Schweizerische Fußballverband will den Talenten mehr denn je eintrichtern, sich erst daheim durchzusetzen, bevor sie mit dem Ausland liebäugeln. Als Musterbeispiel gilt Tranquillo Barnetta, der in St. Gallen reifen durfte und heute in Leverkusen Stammspieler ist. Bei der WM wird er einen Platz auf der Außenbahn sicher haben. Denn Barnetta gehört zu den Spielern, die dem Fußballverständnis von Kuhn und Pont in hohem Maße entsprechen – ein junger, technisch vorzüglich ausgebildeter Spieler, der solidarisch in der Defensive mithilft und so schnell ist, dass er bei raschem Umschalten jeder Abwehr Probleme bereitet. Variabel können die Schweizer von 4-4-2 mit zwei Stürmern und rautenförmig angelegtem Mittelfeld auf ein 4-4-1-1 mit nur einer Spitze wechseln.

Zudem hat Kuhn, der als Verbandstrainer groß geworden ist, viele der jungen Spieler schon in den Jugendauswahlen betreut. Was bei der WM zu erwarten ist? Einiges hängt von der Form des besten Stürmers Alex Frei ab, der sich gerade von einer Leistenoperation erholt. Alle reden zunächst einmal vom "Weiterkommen". Das ist ein dehnbarer Begriff. Klarer festgelegt hat sich Köbi Kuhn für die Europameisterschaft 2008 im eigenen Land (und Österreich). "Da wollen wir Europameister werden."