WM-Prognose Gewinner, Verlierer, tragische Helden
Spaniens Trainer del Bosque: Adiós, WM-Pokal
Foto: Clive Mason/ Getty ImagesEs gibt nicht viele Menschen, die es wagen, Zlatan Ibrahimovic zu widersprechen. Wir schon. Eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne ihn, den schwedischen Superstar, sei es nicht wert anzuschauen, hatte der Torjäger in seiner ihm eigenen Bescheidenheit gesagt. Mit der Realität, lieber Zlatan, hat das nur leider diesmal nichts zu tun. Die WM in Brasilien (12. Juni bis 13. Juli) wird ein großartiges Turnier.
Spannend, weil der Gastgeber Sechsfachmeister werden will, wie der Trainer sagt. Überraschend, weil das einstige Mutterland des Fußballsports übel scheitern wird. Tragisch, weil ein WM-Neuling mit tollem Fußball begeistert und dann ausgerechnet gegen die deutsche Mannschaft verliert. Und noch tragischer, weil es für Bundestrainer Joachim Löw und sein Team schon wieder nicht klappt mit einem Titelgewinn.
Die WM-Prognose von SPIEGEL ONLINE - ohne jede Gewähr.
Der Gastgeber: Brasilien (Gruppe A)
Erinnern Sie sich noch an diesen Jungen namens Ronaldo? Diesen leichtfüßigen brasilianischen Wirbelwind, der die Seleção im Jahr 2002 im Finale gegen Deutschland zum Weltmeister machte? Der Junge ist heute 37 Jahre alt, in das WM-Trikot von damals passt er schon lange nicht mehr. Der letzte große Titel der Brasilianer scheint aus einer anderen Zeit zu stammen. Deshalb soll es jetzt so weit sein, zu Hause und mit einer runderneuerten Mannschaft, mit neuer Leidenschaft und neuem Spiel.
Deutsche Gruppengegner: Klinsmann, Cristiano Ronaldo, Boateng
"Wir müssen Hexacampeão, Sechsfachmeister, werden", sagt Trainer Luiz Felipe Scolari. Unter ihm gewann Brasilien seine bisher letzte WM, unter ihm soll es nun, nach zwei enttäuschenden Turnieren 2006 und 2010, endlich wieder klappen. Zunächst sieht es auch gut aus, die Gruppe A gewinnt Brasilien vor Mexiko, und sogar Ronaldinho darf noch einmal auf der Bank Platz nehmen. Auch im Achtelfinale gegen die Niederlande reicht es noch, doch dann ist Uruguay im Viertelfinale im Elfmeterschießen zu abgezockt. Kleiner Trost: 2018 ist Stürmerstar Neymar gerade so alt wie Ronaldo damals beim letzten Titel.
Die fallenden Könige: Spanien (Gruppe B)
Europameister, Weltmeister, Europameister: Spanien war in den vergangenen Jahren der Maßstab, wenn es um Schönheit und Effizienz ging. Doch schon bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine gab es erste kritische Stimmen zum Spiel der Spanier. Es sei ermüdend und unkreativ, die Zeit des Tiki-Taka-Zaubers womöglich bald vorbei. Auch weil sich die Konkurrenz vom ständigen Kreiseln des Balles nicht mehr verwirren lässt, sondern Gegenmittel gefunden hat. Das hat zuletzt Gastgeber Brasilien mit seinem lockeren 3:0-Erfolg beim Confederations Cup gezeigt.
Die großen Stars wie Torhüter Iker Casillas, Spielgestalter Xavi oder Xabi Alonso suchen nach der Form und Leichtigkeit der glorreichen Zeit. Zum personellen Umbruch kommt es aber erst nach der WM, dann jedoch gezwungenermaßen. Denn Spanien gewinnt zwar die knifflige Gruppe B vor den Niederlanden, doch geht es im Achtelfinale gegen Mexiko nicht mehr weiter.
Nationalmannschaft Japans: Viel Bundesliga-Erfahrung
Foto: AP/dpaMan spielt deutsch: Japan (Gruppe C)
Makoto Hasebe und Hiroshi Kiyotake (1. FC Nürnberg), Shinji Okazaki (Mainz 05), Takashi Inui (Eintracht Frankfurt), Hajime Hosogai (Hertha BSC), Hiroki Sakai (Hannover 96), Atsuto Uchida (Schalke 04) und Gotoku Sakai (VfB Stuttgart): Die deutscheste WM-Mannschaft neben Deutschland wird, logisch, Japan sein. Wenn die Asiaten im Sommer zum fünften Mal in Serie bei der Weltmeisterschaft antreten, werden wohl acht Bundesliga-Profis dabei sein. Nützen wird ihnen das nichts. In der Gruppe C reicht es hinter Kolumbien (Falcao!) und Elfenbeinküste (Drogba!) nur für Platz drei. Aber immerhin noch vor den Griechen (Gekas).
Frankreichs Ribéry: Titel der größten Enttäuschung
Foto: FRANCK FIFE/ AFPDie großen Verlierer: England und Frankreich (Gruppe D und E)
Frankreich (Gruppe E) und England (Gruppe D) - es sind zwei große Namen im Fußball, die sich bei der WM um den Titel streiten. Um den der größten Enttäuschung. Die Franzosen setzen ihren Rumpelfußball der WM 2010 und der EM 2012 fort. Viele gute Einzelspieler, inzwischen gar junge Talente wie Mamadou Sakho (23/FC Liverpool), oder Paul Pogba (20/Juventus Turin), dazu ein überragender Franck Ribéry. Es ist zu wenig, um in Brasilien gegen Ecuador und die Schweiz zu bestehen. Der gewünschte Neustart geht daneben. Gute Einzelspieler hätte England auch gerne, vor allem junge. Trainer Roy Hodgson hingegen verwaltet auch bei der WM den Mangel, die ewigen Lampards, Gerrards und Rooneys scheitern, weil sie es mit Italien und Uruguay zu tun bekommen. Zwei Teams, die dem Mutterland des Fußballs spielerisch, kämpferisch und taktisch voraus sind.
Bosnien-Herzegowinas Kolasinac (l.), Spahic: Historische Sensation
Foto: Sarah Conard / dpaDer tragische Held: Bosnien-Herzegowina (Gruppe F)
Da fährt das kleine Bosnien-Herzegowina zum ersten Mal in der Geschichte seines Landes zur WM - und dann erwischt es auch noch eine äußerst angenehme Gruppe. Gegen Argentinien hat die Truppe rund um Stuttgarts Vedad Ibisevic und den früheren Wolfsburger Edin Dzeko zwar keine Chance im Kampf um den Gruppensieg, aber Iran und Nigeria hängen sie locker ab. Der Einzug in die K.-o.-Runde ist für das 3,7-Millionen-Einwohner-Land eine historische Sensation. Leider geht es im Viertelfinale gegen Deutschland, und die sieben Bundesliga-Spieler im bosnischen Kader haben es nach ihren Erfahrungen im Alltagsgeschäft schon geahnt: Dort ist Schluss, mit einem unglücklichen Gegentor kurz vor dem Ende.
Bundestrainer Löw: Wieder nur beinahe
Foto: Marcus Brandt/ dpaDer Titelaspirant: Deutschland (Gruppe G)
Wie oft ist diese Statistik schon zitiert worden: Zweiter, Dritter, Dritter, dazwischen bei den Europameisterschaften: wieder Zweiter, Dritter. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war im vergangenen Jahrzehnt bei den großen Turnieren immer vorne mit dabei, nur eben nicht ganz, ganz vorne. Von unvollendeten Generationen wurde gesprochen, von dem letzten fehlenden Etwas. Aber auch davon, dass Deutschland eine Turniermannschaft sei, immer auf den Punkt bereit.
Das ist das Team von Trainer Joachim Löw auch in Brasilien, für ihn und etliche seiner Spieler geht es um nicht weniger als die Veredelung des Lebenswerks. Nichts wird deshalb dem Zufall überlassen. Nur gut, dass der DFB-Elf nun mit Portugal, Ghana und den USA Teams zugelost wurden, die sie allesamt gut kennen. Deutschland gewinnt deshalb ungefährdet die Gruppe G, im Achtelfinale wartet Russland. Auch machbar, ebenso wie Bosnien-Herzegowina im Viertelfinale. Das Halbfinale gegen Uruguay wird ganz eng, aber es reicht. Und das Finale gegen Argentinien? Tja.
Belgiens Lukaku: Bei Cristiano ist Schluss
Foto: Dean Mouhtaropoulos/ Getty ImagesDie Beinahe-Durchstarter: Belgien (H)
Die Tiefpunkte und noch tieferen Tiefpunkte im Fußball hat Belgien alle durchlaufen. Nun beneidet beinahe die halbe Welt Trainer Marc Wilmots um dessen Kader. Marouane Fellaini, Kevin de Bruyne, Eden Hazard, Dries Mertens, Christian Benteke, Romelu Lukaku: (Junge) Superstars, die mit Algerien, Südkorea und Russland die leichteste WM-Gruppe erwischt haben. Platz eins ist ihnen gewiss, dann ereilt das "heißeste Versprechen im europäischen Fußball" (Ex-Bayern-Torwart Jean-Marie Pfaff) großes Pech. Im Achtelfinale treffen sie auf die Evolutionsstufe über dem Versprechen: Vollendung. Cristiano Ronaldo, reifer, härter, abgeklärter, zeigt den jungen Belgiern, wie hart ein WM-Turnier sein kann: Der exzentrische Superstar trifft zum ebenso späten wie unverdienten Sieg für die Portugiesen.