WM-Qualifikation: Das System Lobanowski - DER SPIEGEL
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WM-Qualifikation Das System Lobanowski

Mit eigenwilligen Methoden bereitet Trainer Walerij Lobanowski das ukrainische Team auf das Duell mit der deutschen Nationalelf vor. Für den Kiewer Erfolgscoach ist es der letzte große Auftrag.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kiew - Schräg gegenüber der römisch-katholischen Alexander-Kirche an der abschüssigen Straße Kostjolna, keine 500 Meter vom Kiewer Prachtboulevard Kreschtschatik entfernt, wachsen Keime der Hoffnung für die deutsche Fußballnation.

Im Kellergeschoss des bröseligen Gebäudes mit der Hausnummer 10, hinter der Tür mit dem Vereinswappen von Dynamo Kiew und dem Warnschild des privaten Wachdienstes ("Objekt unter Schutz"), verbirgt sich die Forschungsstätte des ukrainischen Nationaltrainers Walerij Lobanowski: ein Fußball-Laboratorium in teils mit Matratzenstoff schallgedämpften Räumen, in denen früher der KGB ein Fotolabor unterhielt.

"Besser in Form"


Institutsleiter Anatolij Selenzow, 62, Professor der Biologie und seit rund 30 Jahren Lobanowskis wissenschaftlicher Berater, will mit seinen eigenwilligen Methoden zur Bestimmung der körperlichen und geistigen Fitness Bemerkenswertes ermittelt haben. Wenn an diesem Samstag im Olympiski-Stadion von Kiew das erste von zwei Entscheidungsspielen um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2002 angepfiffen wird, sei Deutschlands Nationalelf im Vergleich zum ukrainischen Gegner "besser in Form". Das, sagt er traurig, "wissen wir genau".

Grund zur Erleichterung liefert diese Bestandsaufnahme für Deutschlands Teamchef Rudi Völler freilich noch nicht. Denn aus dem verstaubt wirkenden Rechenzentrum Selenzows, dessen Verfahren auf zyklisch sich wiederholenden Gesetzmäßigkeiten aufbauen, werden Lobanowski selbstredend Gegenmaßnahmen souffliert. Schon Ende vorvergangener Woche hatte der asketische Professor, der jeden Morgen turnt und täglich niemals mehr als eine Mahlzeit einnimmt, penible Pläne zur Vorbereitung auf die beiden Relegationsduelle aufgeschrieben ­ mit Essenszeiten und taktischen Unterrichtsstunden.

Für den ersten Tag der Zusammenkunft der ukrainischen Fußballelite, Punkt zehn Uhr vormittags, sind Computertests zur Datenerfassung für den Biorhythmus anberaumt. Die Mannschaftsaufstellung basiert dann nicht nur auf individuellen Fertigkeiten am Ball oder körperlichen Ausdauerwerten, sondern auch auf den gezeigten Einzelleistungen an der Maus. So wird im Labor etwa gemessen, was Selenzow die "Denkschnelligkeit" nennt. Auch Stars wie der beim AC Mailand beschäftigte Stürmer Andrej Schewtschenko sollen Ziffern memorieren, die nach einigen Sekunden vom Monitor verschwinden und dann rasch per Mausklick auf ihre Position zurückgeschickt werden müssen. Bei einer anderen Übung hämmern Lobanowskis Schüler 40 Sekunden lang mit dem Finger auf die Shift-Taste. So wird der Widerstand gegen die Müdigkeit kontrolliert.

Gemeinsam mit praxisnäheren Tests wie etwa 30-Meter-Läufen ergäben sich Rückschlüsse für Trainingsprogramme oder optimale Auswechselzeiten, erklärt der Theoretiker: Laut Selenzow, einst Dozent am Kiewer Institut für Körperkultur, kann jeder Mensch "nur 25 Minuten am Stück topfit sein". Mit System zu arbeiten, folgert der schrullige Alchimist, sei "immer besser als ohne System".

Hat das System Lobanowski ausgedient?


Allerdings mehren sich die Hinweise, dass das System Lobanowski bald ausgedient hat. Prinzipien wie aus den Urzeiten des schablonenhaften Sowjetfußballs reiben sich zunehmend mit den Anforderungen der Moderne.

Professionalismus und Öffnung zum internationalen Spielermarkt lassen ein Denken im geschlossenen System, in Selenzows Kategorien der "Adaptionsperioden" und "Müdigkeits-Tiefen" ähnlich gestrig erscheinen wie Lobanowskis Angewohnheit, jeden Spieler nach der Anzahl seiner "technisch-taktischen Handlungen" zu beurteilen. Dazu kann ein Torschuss ebenso gehören wie ein strategisch wertvoller Schritt Richtung Seitenlinie.

Ebenso zeitfremd wirkt die Arbeit des Fußball-Lehrers in Doppelfunktion. Lobanowski, der Dynamo Kiew zu Europacup-Siegen 1975 und 1986 führte und das Team der UdSSR 1988 ins Finale der Europameisterschaft, wurde nach einem sechsjährigen Intermezzo in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuweit 1996 erneut von seinem Heimatclub engagiert ­ und im März 2000 vom damaligen Verbandschef und früheren Ministerpräsidenten Walerij Pustowoitenko auch wieder zum Coach der Nationalelf bestellt.

Schwierigkeiten bei der Datensuche


Einen Sinn hatte diese Konstellation jedoch nur, solange Dynamo Kiew das "Basisteam" der Nationalelf war. Inzwischen gingen dem Vorzeigeclub, 13-mal sowjetischer und 9-mal ukrainischer Meister, die Talente aus, und Lobanowskis Stammverein musste den Kader mit mittlerweile zwölf Ausländern auffüllen. Dynamo-Spieler kommen heute etwa aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn oder Nigeria.

Wenn umgekehrt ukrainische Nationalspieler wie Sergej Rebrow und Oleg Luschni aus ihrer Wahlheimat London anreisen, kommt auch die so genannte Trainingsmodellierung nach Art des Wissenschaftlers Selenzow nicht zur Geltung: Die Inhalte sollen ja auf turnusmäßig aktualisierten Testdaten gründen. Doch als jetzt Torjäger Schewtschenko auf dem Platz des AC Mailand begann, gegen die Uhr siebenmal um ein Fähnchen zu rennen, lachten die Kameraden über die Pflichtübung aus der Fußball-Werkstatt Lobanowski.

Schon forderte der neue Verbandschef Grigorij Surkis, auch Ehrenpräsident und Miteigner von Dynamo, den alternden Star der Trainerzunft auf, sich für einen einzigen Arbeitsplatz zu entscheiden. "Lobanowskis hohe Autorität gibt ihm die Möglichkeit, selbst zu wählen", sagt der smarte Parlamentarier und Unternehmer.

Diese Autorität hat bei den Spielern nicht gelitten. Schwerfällig dümpelt Lobanowski, 62, zwar aus dem Mannschaftsbus. Die ewig starre Miene, der dampfende Atem, der seine geröteten Pausbacken umhüllt, lassen den "General" ausschauen, als komme er aus der Tiefkühltruhe.

Daheim in Kiew setzt er sich zur Beobachtung des Trainings, das sein früherer Musterschüler Alexej Michailitschenko leitet, in das Gerätehaus des Platzwarts und erinnert dort an einen eingefrorenen Schrankenwärter. "Standbild" nennen ihn die ukrainischen Journalisten wegen der immer gleichen Ansicht vom reglosen Mann auf der Bank. Der Respekt vor dem Ausbilder ist aber ungebrochen. Stürmer Schewtschenko, wie alle Lobanowski-Lehrlinge zum Allroundman getunt, weiß, er "könnte auch Verteidiger spielen". Für Lobanowski, einen der Erfinder des Systemfußballs, war die "Universalität" stets höchstes Ziel ­ und wie alles nur durch Disziplin zu erreichen. Spielintelligenz, fand der einstige Linksaußen, sei "keine Frage der Improvisation, sondern des Trainings".

Und Kreativität ist für den ehemaligen Polizei-Obersten nur "die höchste Form der Organisation". Der kuweitische Verband rief ihm nach, er habe "Spieler in Roboter verwandelt".

Lobanowskis letztes Hurra


In dem Duell mit Deutschland sehen viele nun Lobanowskis letztes Hurra. Sollte die Ukraine abermals an der Schwelle zu einem großen Turnier scheitern wie schon in der Relegation zur WM 1998 und zur EM 2000, wäre sein Rücktritt als Nationaltrainer unvermeidlich. Und für Dynamo erwarten Beobachter wie Artjom Frankow, Chefredakteur des Kiewer Fachblatts "Futbol", ohnehin den Beginn einer "Ära der ausländischen Trainer". Liga-Konkurrent Schachtjor Donezk verpflichtete für kommende Saison den Italiener Nevio Scala.

Der Mann, der das alles mitbestimmen kann, streckt sich auf dem hellblauen Designersofa seines Büros, das hinter den Logen des Club-eigenen Dynamo-Stadions liegt. Per Tastendruck auf einer kleinen Fernbedienung kann Grigorij Surkis, 52, seine Sekretärin herbeizitieren, um Anweisungen zu geben, wo sie seine Nasentropfen suchen soll.

Er sei ja eigentlich Geschäftsmann, und zwar "nicht der Letzte in diesem Land", bemerkt er hoheitsvoll beim Tee, könne aber seit dem vierten Lebensjahr ohne den Fußballsport nicht leben. Für die gebeutelte Nation, deren Menschen den Kick mit dem Leder bräuchten "wie das Atmen frischer Luft", müsste eine erste WM-Qualifikation bedeutsam sein "wie die Weltmeisterschaft 1954 für Deutschland", schätzt der ukrainische Tycoon.

30 Millionen jährlich


Für Surkis, der einst in der Kiewer Baubehörde zu Geld kam, das er in Erdöl und in die Landwirtschaft investierte, ist der Fußball seit 1993 auch ein Machtinstrument. Damals übernahm er mit seinen betuchten Mitstreitern den maroden Traditionsverein Dynamo Kiew, der auf dem Höhepunkt seiner Krise schon den Mannschaftsbus verpfändet hatte. Mehr als 100 Millionen Dollar sollen die sieben Club-Aktionäre seitdem in die Dynamo-Infrastruktur gesteckt haben, 30 Millionen kostet sie jährlich Lobanowskis Team.

Gönner Surkis, Sohn eines Armeearztes aus Odessa, verfolgt politische und wirtschaftliche Interessen. Gemeinsam mit Dynamos Clubanwalt, dem Parlaments-Vizesprecher Wiktor Medwedtschuk, führt er die Sozialdemokraten genannte Oligarchenpartei. Ihr Clan, der zwei Zeitungen, einen TV-Sender und mehrere Energiekonzerne kontrolliert, soll 1999 Staatspräsident Leonid Kutschmas Wiederwahl finanziert und im April dieses Jahres bei der Abwahl des Ministerpräsidenten Wiktor Juschtschenko Regie geführt haben.

Jetzt, heißt es, sei Verbandschef Surkis, der 1999 bei der Kiewer Bürgermeisterwahl scheiterte, für höhere politische Aufgaben bereit. So sei auch sein publikumswirksamer Einsatz für den Fußballnachwuchs zu erklären.

Pflichtfach Fußball


Seinem Engagement verdanken nun die sechs Millionen Schüler der Ukraine zwei Wochenstunden im neuen Pflichtfach Fußball. Surkis' Verband liefert die Bälle gratis und stellt 2,2 Millionen Dollar Anlaufkosten für die Unterweisung der Sportlehrer bereit. Massenwettbewerbe für Kinder und eine Jugendliga wurden in Gang gesetzt. Surkis meint, darin "eine große soziale Sache" zu erkennen, und ist überzeugt, dass die am Ball geförderten Jungen "zu guten Bürgern werden".

Wenn nebenbei ein neuer Rebrow oder Schewtschenko entdeckt wird, kann das nicht schaden. Schon jetzt leistet sich Dynamo Kiew Fußballschulen für 2000 Kinder, darunter zwei Eliteklassen in Vollzeitbetreuung. Schließlich rüstet auch Surkis' Gegenspieler Rinat Achmetow, Stahl- und Kohletycoon im Präsidentenamt beim Rivalen Schachtjor Donezk, mächtig auf.

Wer es auf diesem Weg bis zur nationalen Fußballelite geschafft hat, darf die therapeutischen Bäder, Unterwassermassagen, Billardräume oder das 25-Meter-Becken im Trainingszentrum "Kontscha Saspa" nutzen. Hier, 20 Kilometer nördlich von Kiew, entstand eines der schicksten Fußballcamps Europas: Spielerhotel, beheizte Fußballhalle mit Kunstrasenplatz, sechs Trainingsfelder mit Rasenheizung. Auf Dynamos für rund 30 Millionen Dollar modernisiertem Gelände wird auch die Nationalelf für die Spiele gegen Deutschland präpariert.

Aufgepäppelt in der Höhenluftkammer


Bademäntel und Kleiderbügel tragen das Vereinslogo. Rekonvaleszenten werden in der 150.000 Dollar teuren Höhenluftkammer aufgepäppelt, in der Maschinen der Atemluft Sauerstoff entziehen. Wer will, kann zwischen den Trainingseinheiten im Wintergarten zwischen Palmen und Farnen entspannen.

Für Relikte der goldenen Lobanowski-Ära dagegen hat Geldgeber Surkis nicht so viel übrig. Forscher Selenzow bräuchte 500 000 Dollar zur Erneuerung der Computeranlagen. Doch der "Mäzen des Jahres 1999", wie Surkis in der Gravur eines Goldpokals heißt, mag nicht zahlen.

Dass die sonderbaren Ermittlungen des Kiewer Fußballprofessors eindeutig zählbaren Erfolg brachten, liegt schließlich schon eine Weile zurück. 1975 wollte Coach Lobanowski sein Dynamo-Team aus Furcht vor einer Blamage zu den Spielen um den europäischen Supercup gar nicht antreten lassen. Selenzow nahm dem Freund die Versagensangst mit dem Hinweis auf die errechneten Daten: Der Gegner werde zum Zeitpunkt des Anpfiffs nicht fit sein. Lobanowski lenkte ein, und Dynamo gewann 1:0 und 2:0 gegen Bayern München.

JÖRG KRAMER