WM-Qualifikation Rudis Spaßgesellschaft
Dortmund - Viel war in den letzten Tagen vom unglaublichen Druck die Rede, in dem sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor dem entscheidenden Playoffspiel um die WM-Teilnahme befindet. Am Dienstag aber, einen Tag vor dem Anpfiff der zweiten Partie gegen die Ukraine im Dortmunder Westfalenstadion (ab 20.30 Uhr im Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE), präsentierten sich Teile der angeblich arg gestressten und in tiefe Konzentration verfallenen DFB-Truppe so, als ob es am Mittwochabend keineswegs um die Entscheidung einer ernsten Angelegenheit von nationaler Fußball-Bedeutung gehe.
Selbst der sonst so spröde und spaßfreie Jens Nowotny schien plötzlich mühelos Scherzkeks-Qualitäten erlangt zu haben. "Wenn man keine Zeitung aufschlägt und den Fernseher auslässt, könnte man meinen, man sei im Urlaub", beschrieb der deutsche Abwehrchef die Atmosphäre im Mannschaftshotel und schränkte ein, "Wobei ich meinen Urlaub nicht in Dortmund verbringen würde."
Auch Nowotnys Defensivkollege Marko Rehmer produzierte gehörige Lacher, als er auf sein nicht gegebenes Kopfballtor aus dem Hinspiel einging. "Ich hab's mir noch mal im Fernsehen angeguckt", berichtete der Berliner grinsend, "der Ball war ganz klar drin!" Da wollte auch der in der letzten Woche selten so gut gelaunte Rudi Völler nicht hinten anstehen. Auf die Abschottungsmentalität seines ukrainischen Kollegen angesprochen, antwortete der DFB-Teamchef: "Wenn wir so einen Trainer wie den Lobanowski hätten, wäre es für alle hier ein bisschen schwieriger!"
Völlers ernste Beiträge
Damit das Unternehmen "WM-Teilnahme jetzt!" nicht scheitert, hatte Völler am Dienstag auch ein paar ernste Beiträge beizusteuern, auch wenn die dem ein oder anderen ein bisschen zu patriotisch ausgefallen sein dürften. "Jeder in diesem Stadion weiß, um was es geht", sagte der Teamchef. "Morgen wird hier jeder begreifen, dass wir eine Nation sind. Wir Deutschen wollen zur WM."
Zu erwarten ist in Dortmund kein Sturmlauf, keine so genannte bedingungslose Offensive der deutschen Mannschaft. Deswegen bat der Teamchef die Zuschauer darum, bei diesem Spiel mit "Europapokal-Charakter" auch etwas Geduld mitzubringen. "Wir müssen Druck ausüben - mit einer gewissen Notbremse, damit wir nicht ins offene Messer laufen", deutete er die taktische Ausrichtung der Mannschaft an, die sich also nicht wesentlich von der des Hinspiels unterscheiden wird. Da allerdings hatte die DFB-Elf große Probleme in der Anfangsphase, die große Chancen und letztlich auch die Führung der Ukraine durch Gennadij Subow in der 18. Minute ermöglichten.
Kopfballstärke und Standardsituationen
Man habe sich zu konzentrieren, gab Jens Nowotny als Losung aus, und dürfe nur "wenig Fehler im Grundaufbau machen". Notfalls müsse man den Ball eben auch mal aufs Tribünendach schießen, sagte der 27-jährige Leverkusener und sorgte damit - diesmal eher unfreiwillig - für seinen zweiten Kalauer des Tages. Denn um den Ball über die hohen Ränge des Westfalenstadions hinauszubefördern, muss man wenigstens die Kräfte eines Marvel-Comic-Heldens besitzen.
Ein wesentliches Mittel sei wie auch beim 1:1-Hinspiel, so Rehmer, auf Standardsituationen zu bauen. Da könnte dann wieder die Kopfballstärke der aufgerückten deutschen Abwehrspieler zum Zuge kommen. In Kiew hatte nicht nur der Berliner, sondern auch Thomas Linke nach Ecken gefährliche Situationen mit Kopfbällen heraufbeschworen. Dem Ausgleich durch Michael Ballack war ein Freistoß vorausgegangen.
Am Mittwoch in Dortmund muss die Ukraine mindestens ein Tor erzielen, um das 1:1 aus dem Hinspiel zu egalisieren und sich damit ihrerseits für die WM in Japan und Südkorea qualifizieren zu können. Angesichts dieser Konstellation die Gäste kommen zu lassen, um sie auszukontern, halten die Protagonisten der DFB-Elf für die denkbar schlechteste Idee. "Hinten reinstellen ist nicht die Lösung", sagte Jens Nowotny. Und auch Rudi Völler ist der festen Überzeugung, dass man sicherheitshalber das Toreschießen nicht vergessen sollte: "Es wäre fatal zu denken, dass ein 0:0 reicht."