WM-Qualifikation Vier gewinnt
Billerbeck - Rudi Völler hat es also doch getan. Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Samstag zu ihrem letzten Qualifikationsspiel für die WM 2002 gegen Finnland in der Gelsenkirchener Arena "AufSchalke" anzutreten hat (ab 16 Uhr im Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE), wird sie dies zum ersten Mal in der nun 13 Spiele währenden Amtszeit von Teamchef Völler mit einer Viererkette tun. Eine große Überraschung ist das nicht.
Am Freitag inszenierten Völler als auch Bundestrainer Michael Skibbe im DFB-Trainingsquartier von Billerbeck ihr übliches, bisweilen schon ein wenig pubertär anmutendes Versteckspielchen. Trotz klar formulierter Fragen wollten sich die beiden nicht darauf festlegen lassen, ob sie gegen die Finnen mit dem erprobten, aber zuletzt äußerst anfälligen Dreierbund oder mit einer Viererabwehrkette operieren werden.
Systemwechsel hatte sich angedeutet
Dabei hatte man bereits bei den Übungseinheiten des DFB-Teams in den vergangenen zwei Tagen deutliche Rückschlüsse ziehen können. Neben Jens Nowotny (Bayer Leverkusen), Marko Rehmer (Hertha BSC Berlin) und Christian Wörns (Borussia Dortmund) belegte dort der bei seinem neuen Arbeitgeber Tottenham Hotspur zu alter Klasse zurückgekehrte Christian Ziege linksaußen die vierte Position in der Linie vor Torwart Oliver Kahn.
Allen, denen das entgangen war, erklärte schließlich der Berliner Marko Rehmer umstandslos, dass die Viererkette, mit der man gegen Finnland spielen werde, für ihn "nichts Neues" sei. Im Training zu Billerbeck und der westfälischen Umgebung habe das schon "sehr gut geklappt".
Erinnerungen an Helsinki
Die 13 Gegentore in den Länderspielen dieses Jahres und wohl nicht zuletzt die zwei Treffer des finnischen Stürmers Mikael Forssell im Hinspiel haben Völler vor der zweiten Partie gegen das Team aus Nordeuropa offenbar zum Umdenken bewogen. Denn bereits beim glücklichen 2:2 in Helsinki Anfang Juni, als die Abwehr um Nowotny gegen zwei Außenstürmer und den zentral spielenden Forssell mehr als einmal überfordert gewesen war, hatte sich die Diskussion um eine Änderung der Taktik im Defensivbereich entzündet.
Damals hatte Völler sich sogar mit so genannten Experten auseinandersetzen müssen. Die vermeintlichen Kenner der Materie forderten hemmungslos eine Rückkehr des Liberos - obwohl sie kein Jahr zuvor bei der EM hatte mitansehen müssen, wie das deutsche Team mit diesem vorsintflutlichen Modell brutal gescheitert war.
Aus dem vergangenen Sommer hat Völler zwar nicht die Dreierkette dafür aber seine Abneigung gegen die von ihm so bezeichneten "Modewörter" herübergerettet. Der hessische Pragmatiker stört sich auch weiterhin an dem saisonal-trendigen Bezeichnungswahn, weil die Wirklichkeit auf dem Platz ganz anders aussehe. Dort, so Völler "musst du die Zweikämpfe gewinnen - egal welche Taktik du anwendest".
Man spiele schließlich nie nur einfach Mann gegen Mann. Eher habe die Abwehrarbeit mit Verschieben zu tun, um Überzahl herzustellen. Dass dies einer Viererkette gegen einen Gegner, der - wie vermutlich die Finnen - mit zwei Außenstürmern angreift, besser gelingen kann, diese Wahrheit behielt Völler in Billerbeck für sich.
Ab und zu mal laut brüllen?
Obwohl die Arbeit auf ein zusätzliches Schulternpaar verteilt wird, hat Nowotny weiterhin die Verantwortung im neuen System. "Jens wird immer derjenige hinten sein, der die Kommandos gibt - zusammen mit Oliver Kahn." Als sich Hertha-Mann Rehmer am Freitag bemüßigt fühlte, darauf hinzuweisen, dass es in der Viererkette sehr wichtig sei, "dass man viel miteinander spricht", wurde er von einem Journalisten zu Recht auf die akustischen Eigenschaften des Spielortes hingewiesen. In einer mit 52.033 ausverkauften Arena "AufSchalke" werde man sein eigenes Wort nicht verstehen können.
Da sprang dem stummen Rehmer der Kollege Ramelow für seine Verhältnisse geradezu todesmutig bei. "Da muss man Zeichen geben", erklärte der hellblonde Mittelfeld-Abräumer, "und ab und zu mal laut brüllen." Als daraufhin jemand wissen wollte, wie solche Zeichen denn aussehen, gab sich Ramelow verständnislos. "Soll ich denn jetzt da irgendwelche Handbewegungen machen?", fragte er und wirkte dabei, als hätte ihn der selige Robert Lembke ("Was bin ich?") höchstselbst aufgefordert. Seltsam cool schüttelte Ramelow sein Haupt: "Irgendwie werden wir das schon hinbiegen."
Die voraussichtlichen Mannschaftsaufstellungen
Deutschland: Kahn/Bayern München (32 Jahre/38 Länderspiele) - Rehmer/Hertha BSC Berlin (29/24), Wörns/Borussia Dortmund (29/37), Nowotny/Bayer Leverkusen (27/32), Ziege/Tottenham Hotspur (29/60) - Ballack/Bayer Leverkusen (25/18), Ramelow/Bayer Leverkusen (27/19),
Böhme/Schalke 04 (27/3) - Deisler/Hertha BSC Berlin (21/15) -
Bierhoff/AS Monaco (33/57), Neuville/Bayer Leverkusen (28/27)
Finnland: Niemi/Heart of Midlothian (29/48) - Reini/KRC Genk (25/15), Thinen/Viking Stavanger (25/22), Hyypiä/FC Liverpool (27/42), Saarinen/Rosenborg Trondheim (24/10) - Riilathi/Crystal Palace (25/33), Tainio/AJ Auxerre (21/10) - Litmanen/FC Liverpool (30/73), Nurmela/SC Heerenveen (29/27), Johansson/Charlton Athletic (26/38) - Forsell/FC Chelsea (20/16)
Schiedsricher: Anders Frisk (Schweden)