Kevin-Prince Boateng: Der deutsche Sündenbock
WM-Star Boateng Der Ballack Ghanas
Die öffentliche Wahrnehmung von Kevin-Prince Boateng hat sich jüngst merkwürdig gewandelt. Boateng sei bei Ghana der "Kopf der Mannschaft", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Er sei der "Antreiber vor der Abwehr, konzentriert und dominant, eine der überragenden Persönlichkeiten auf dem Platz", befindet der "Tagesspiegel".
Das klang bis vor kurzem noch sehr anders. Bis zum WM-Start war Boateng der Prügelknabe der Nation. Ein fußballerischer Bad Boy, der Prolet aus Berlin-Wedding, ein Outcast, nicht zu sozialisieren. Einer, der in den deutschen Nachwuchs-Nationalteams gefördert wurde, um dann doch lieber für Ghana Fußball zu spielen. Er war der Mann, der den deutschen Kapitän Michael Ballack vorzeitig aus dem WM-Turnier herausgetreten hat.
Die hysterischen Reaktionen nach dem Ballack-Foul konnten den Eindruck erwecken, hier habe Deutschland eine Art fußballerischen Talib aufgezogen. In Fan-Foren wurde der Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft für Boateng verlangt, bei Facebook bildeten sich Gruppen mit den Titeln "Fahr zur Hölle, Kevin-Prince Boateng", "Kevin-Prince Boateng - du Hurensohn" oder "Kevin-Prince Boateng - wir wissen, wo dein Auto steht".
Rüpel-Image wird weiter gepflegt
Boateng hat sich danach halbherzig entschuldigt. Wenig später drehte er den Spieß wieder um. Der Schuldige war nicht mehr er, schuld waren die anderen, allen voran der Deutsche Fußball-Bund (DFB), die Fans in Deutschland. Boateng hatte wieder die Rolle inne, in der er sich am wohlsten fühlt: die des Bösewichts. Einer gegen alle, Boateng braucht die Empörung der Öffentlichkeit, sie ist Motivation und Antrieb zugleich. Er will sich wehren, will kämpfen, es den anderen beweisen, die ihn ohnehin nicht verstehen, nicht verstehen wollen. Sollen sie mich doch ausschließen, solange sie mich wahrnehmen - und sei es als Bedrohung.
Mittlerweile äußert sich Boateng nur noch über die "Sport Bild", zu der er alte Kontakte aus seiner Zeit bei Hertha BSC pflegt. Vor dem Spiel gegen Deutschland (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) hat das Boateng-Lager darin ein paar kleine Provokationen Richtung DFB-Team platziert, die von der Boulevardpresse wie gewollt entsprechend groß aufgemacht wurden. Es ist wie ein Pingpongspiel zwischen Boateng und dem Boulevard: Der Spieler sagt, ihm sei es "egal, ob Deutschland rausfliegt", und dass man "nach einem Tor ein Tänzchen für die deutschen Kollegen machen" werde. Die "BZ" reagierte mit der Überschrift "Rambo Boateng", die "Bild" titelte: "Der Ghana-Treter verhöhnt uns schon." Das Rüpel-Image muss gepflegt werden.
Ansonsten spricht Boateng nur noch auf dem Fußballplatz.
Der 23-Jährige hat in der ghanaischen Nationalmannschaft eine wahrhaft große Aufgabe übernommen. Er soll die Lücke schließen, die der verletzte Superstar des Landes, Michael Essien vom FC Chelsea, hinterlassen hat. Ein moderner Sechser, Abräumer und Spielgestalter in einer Person, das Herz der Mannschaft. Ein großer Job für einen, der erst drei Länderspiele für sein Land absolviert hat. Nach den ersten zwei WM-Auftritten Ghanas hat Boateng dafür sehr viel Lob von allen Seiten bekommen, plötzlich wird er in den deutschen Medien zum Star hochgeschrieben.
Tatsächlich hat er in einem Team, das ansonsten taktisch eher desorientiert wirkte, Übersicht bewahrt, kluge Pässe geschlagen, das Spiel geordnet. Fast jeder gute Angriff Ghanas lief über Kevin-Prince Boateng. Sein Trainer Milovan Rajevac lobt ihn als "herausragend im Mittelfeld, er ist ein exzellenter Spieler". Man traut es sich anhand der Vorgeschichte kaum zu schreiben, aber: Boateng spielt exakt die Rolle, die im deutschen Team Michael Ballack zugedacht war.
Heerscharen von Reportern auf Boatengs Spuren
Vor dem Spiel gegen die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw haben sich denn auch Heerscharen von Reportern aufgemacht in den Berliner Problemkiez Wedding, sie haben fast jede Mülltonne dort umgedreht, sie haben die Nachbarn befragt, die Lehrer, die früheren Kumpels. Sie haben die Geschichten aufgewärmt, wie das zu Geld gekommene Ghetto-Kid mit seinem Lamborghini durch die Straßen in der Nähe des Pankekanals gerollt ist, wie sich Boateng an einem Tag mal drei schicke Autos gekauft hat, neben dem Lamborghini einen Hummer-Geländewagen und einen Cadillac. Der Vorwurf, er habe nach einem feucht-fröhlichen Abend gemeinsam mit seinem alten Hertha-Kumpel Patrick Ebert mehrere Autos demoliert und deren Rückspiegel abgetreten, steht noch im Raum. Ebert hat mittlerweile eine Geldstrafe bezahlt und das Verfahren damit beendet. Boateng hat das bislang abgelehnt.
Am Mittwochabend spielt Kevin-Prince Boateng gegen Manuel Neuer, gegen Mesut Özil, gegen Sami Khedira, all die Jungs, die er aus den gemeinsamen Tagen beim DFB-Nachwuchs noch kennt. Und es wird seit Tagen wild spekuliert, wie dieses Aufeinandertreffen verlaufen wird. Werden die deutschen Spieler versuchen, Boateng zu provozieren, ihn reizen, quasi Rache für Ballack nehmen, wie es zum Beispiel der frühere Nationalspieler Fredi Bobic im "Tagesspiegel" fast empfiehlt? Die DFB-Delegation hat das vehement von sich gewiesen - und zwar durchaus glaubwürdig. Einem Michael Ballack, einem Torsten Frings hätte man die gezielte verbale Provokation auf dem Feld vielleicht zugetraut, aber nicht einem Özil, einem Marin, einem Khedira.
Aufstellung von Jérôme wäre eine Provokation
Bundestrainer Löw wählte unterdessen die größtmögliche Provokation und stellte am Mittwoch Boatengs Halbbruder Jérôme in der deutschen Elf auf. Jérôme, der Wohlerzogene, im bürgerlichen Berliner Stadtteil Wilmersdorf aufgewachsen, einer, der ohne Macho-Pose durchs Leben geht, ein Vorzeigefußballer der Generation Lahm, ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Die beiden Brüder haben sich derzeit nicht viel zu sagen. Was für eine Story: Kevin-Prince Boateng und Jérôme Boateng treffen erstmals aufeinander - und das im sogenannten Endspiel ums Weiterkommen bei der Fußball-WM.
Löw kann diese Personalie mit den Abwehrschwächen aus dem Serbien-Spiel sogar fachlich begründen. Er setzt sich allerdings dem Verdacht aus, eine schwierige familiäre Beziehung für den sportlichen Erfolg zu instrumentalisieren. Dies käme einem Affront gegen Kevin-Prince gleich.
DFB-Teammanager Oliver Bierhoff hat gesagt: "Wir spielen gegen Ghana. Deutschland spielt nicht gegen Kevin-Prince Boateng." Es ist die Frage, ob Kevin-Prince Boateng das genauso sieht.