WM-Star Ronaldo "Ich bin ein Krieger"
Ronaldo war 17, als er das erste Mal bei einer WM antrat, 1994 in den USA. Er wurde Weltmeister, ohne eine Minute zu spielen, aber die Fachwelt tuschelte schon über ihn: Noch einmal würde man ihn nicht in der Nebenrolle sehen. Zwei Jahre später war er schon zum ersten Mal Weltfußballer des Jahres. Er konnte mit dem Ball an der Mittellinie losrennen und nicht mehr stoppen, bis der Ball im Tor war, egal wie viele Spieler sich ihm in den Weg stellten. Es waren Tore, die sich endlos im Fernsehen wiederholen ließen. Es war unvermeidbar, dass Ronaldo, verheiratet mit dem Tor, bei jeder WM seit 1994 Protagonist werden würde, im Guten wie im Schlechten.
Fußball-Ikone Ronaldo: "Ich gehe nicht von Bord"
Foto: AFP
1998 spürte er vor dem Finale gegen Frankreich plötzlich einen Schwindel. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert, die Ärzte konnten nichts finden. Ronaldo spielte im Finale wie ein Gespenst. Brasilien verlor 0:3. Gerüchte gingen um. War er gar vergiftet worden? In Brasilien gab es eine Parlamentsuntersuchung zu Ronaldos mysteriösem Anfall. Ohne Ergebnis; natürlich. So wie Ronaldo selbst es im Gespräch mit Santiago Segurola, dem großen Fußballreporter Spaniens, in der Zeitung "El País" schilderte, war es so banal, wie es das Publikum bei einem wie ihm gar nicht mehr für möglich hält: Womöglich bildete er sich die körperliche Schwäche vor lauter Nervosität ein. "Ich kann es nicht erklären. Ich weiß nur, dass ich mich sehr krank fühlte, dass wir ins Krankenhaus fuhren und alle nur denkbaren Proben machten und medizinisch war nichts, rein gar nichts."
Vier Jahre später, bei der WM in Südkorea und Japan, ist Brasilien wieder im Finale, diesmal gegen Deutschland. Ronaldo ist der Mann des Turniers, er trifft öfter, als es Spiele gibt. Anpfiff ist um 20 Uhr, sechs Stunden früher soll die Selecão Mittagsschlaf halten. "Da erinnerte ich mich, dass ich damals in Paris vor dem Finale gegen Frankreich auch geschlafen hatte und danach waren die mysteriösen Schmerzen da. Deshalb hatte ich unglaubliche Angst, mich mittags schlafen zu legen. Ich ging auf die Suche nach jemandem, mit dem ich mich ablenken würde. Aber alle anderen Spieler schliefen fest wie Murmeltiere! Ich ging zu Dida, unserem Ersatztorwart, meinem besten Freund. Ich habe ihn aufgeweckt. Er musste den ganzen Nachmittag mit mir Blödsinn reden, solche Angst hatte ich zu schlafen."
Ronaldo kann keine normale Weltmeisterschaft spielen. Er wird auch in Deutschland die Welt in Aufregung halten. So oder so. Was Fußball-Legenden wie Michel Platini ("Übergewicht") und Pelé ("Durcheinander im Privatleben") über ihn erzählen, sind die üblichen Vorwürfe an Ronaldo: zu viele Feiern, zu viele Frauen, zu viel Schinken. "El Gordito" riefen sie ihn bis vor kurzem bei Real, das Dickerchen. Das war liebevoll gemeint. "Gordo", schreien sie jetzt, Dicker. Doch so oft sie auch wiederholt werden, diesmal zumindest sind es die falschen Vorwürfe. Er hat, bei allem was man weiß, gerade im letzten dreiviertel Jahr recht diszipliniert gelebt und vor allem trainiert.
Ronaldos Privatleben ist allerdings auch dadurch nicht zu einem Exzess an Ruhe und Beständigkeit geworden. Er mag das kurze, schnelle Glück des süßen Lebens, die Nacht und die Frauen, und dass die Menschen sich ändern können, bewies er in dieser Hinsicht zuletzt allenfalls so: Nach unzähligen langhaarigen, blonden Partnerinnen überraschte er zuletzt erstmals mit einer Freundin mit langen, schwarzen Haaren. Die Gründe für seine erschütternden Spiele in dieser Saison allerdings finden sich eher bei seinen männlichen Partnern; den lieben Kollegen.
Es ist die Dynamik des Misserfolgs, die wie eine Kinderkrankeit über Real Madrid gekommen ist. Nun stecken sich die Spieler immer wieder gegenseitig mit dem Missmut, der Depression und der Niedergeschlagenheit an, Zinedine Zidane, Raúl, David Beckham, Roberto Carlos; Ronaldo. Er ist die billigste Zielscheibe der Kritik, er ist am angreifbarsten wegen des Klischees des leichtlebigen Luftikus. Offenbar haben dieses Bild auch die Mitspieler von ihm. Besonders Raúl, Reals Kapitän, fällt es zunehmend schwerer, seine Meinung zu verstecken, Ronaldo sei unprofessionell.
Wenn eine Fußballelf schlecht spielt, ist ihr Mittelstürmer das schwächste Glied in der Kette: Damit er sich in Szene setzen kann, muss der Ball erst einmal bis zu ihm gelangen, und das ist bei Real Madrid schon lange nur noch viel zu selten der Fall. Doch wer nicht nur die Spielstatistiken liest, wer sich nicht abschrecken lässt vom erschreckenden Gesamtbild, das Real dieser Tage abgibt, der kann im Detail beobachten, dass es einen großen Unterschied zwischen Zidane, Beckham, Raúl einerseits und Ronaldo andererseits gibt: Er ist fit, noch immer auch schnell, mit den Füßen wie den Gedanken. Jemand müsste ihn nur aus der Madrider Melancholie befreien. Die brasilianische Nationalelf, wo das Lächeln wohnt, wo ein Stürmer aus dem Mittelfeld von Ronaldinho und Kakà mit Zuspielen versorgt wird, die Wundern gleichen, ist ein hervorragender Ort für eine Verwandlung.
Er braucht nicht viel, nur ein paar Steilpässe in die Tiefe des Raums. Dann explodiert er, ein Naturereignis. Wenn Ronaldo sprintet, rollt er, er entdeckt in der engsten Verteidigung Räume, die sonst niemand sieht, man kann es Instinkt nennen oder Riecher, was es auch ist, niemand hat es so wie er. Es gibt so viele wunderbare Stürmer, die diese WM zu ihrer machen könnten, Thierry Henry, Hernán Crespo, Ronaldos Landsmann und Angriffspartner Adriano, obwohl sich von dem ironischerweise das Tor in jüngster Zeit noch weiter abwandte, dazu neue Versprechen wie der Italiener Luca Toni. Doch sie wissen, dass der Titel "Bester Stürmer der Welt" nicht zu haben ist, wenn Ronaldo halbwegs in Form kommt.
Er sagt: "Das Schiff mag am Sinken sein. Aber ich bin ein Krieger, ich gehe nicht von Bord." Wie ernst er sich vorbereitet, war an seiner letzten Frauengeschichte abzulesen. Eine Neue sei bei ihm eingezogen, wurde im April bekannt, sporadisch, bis zur Weltmeisterschaft: seine Mutter Sonia.