WM-Torwart Butt: Hans im Glück - DER SPIEGEL
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Hans-Jörg Butt: Torhüter mit Torgefahr

Foto: Alex Grimm/ Bongarts/Getty Images

WM-Torwart Butt Hans im Glück

Es ist sein ganz persönlicher Triumph. Bayerns Torwart Hans-Jörg Butt fährt mit zur WM in Südafrika - dabei schien seine internationale Karriere noch vor zwei Jahren beendet. Schafft er es jetzt, die größte Enttäuschung seiner Laufbahn vergessen zu machen?
Von Jan Reschke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist die 90. Spielminute. Hans-Jörg Butt stürmt aus seinem Tor. Weit über die Mittellinie hinaus in den Strafraum des Gegners. Es ist 2002, Bayer Leverkusen liegt im Champions-League-Finale gegen Real Madrid zurück. Den ersten Gegentreffer durch Raúl hat Butt mitverschuldet. Nun will er seinen Fehler ausgleichen. Nach einer Flanke steigt der Torwart am höchsten - doch sein Kopfball landet knapp neben dem Pfosten. Bayer verliert das Spiel.

Und verspielt damit nach Meisterschaft und DFB-Pokal den dritten Titel binnen weniger Tage. Eine Saison der Sensationen ist eine Saison der Enttäuschungen geworden.

Erfolg und Misserfolg können manchmal sehr eng beieinander liegen.

Das gilt speziell für Butt.

Heute ist er 35, steht bei Bayern München im Tor und darf nun mit der deutschen Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft in Südafrika fahren. An diesem Donnerstag hat Bundestrainer Joachim Löw in Stuttgart seinen WM-Kader präsentiert, und Butt ist dabei. Nach dem Ausfall von Stammkeeper René Adler dürfte er Nummer drei fürs Tor werden.

Acht Jahre nach der wohl größten Enttäuschung seiner Karriere steht Butt unverhofft vor der Gelegenheit, innerhalb weniger Wochen alle Makel aus seinem Lebenslauf zu tilgen. Mit Bayern hat er schon die Meisterschaft gewonnen, jetzt greift sein Verein nach dem Sieg in der Champions League und im DFB-Pokal - er sagt: "Diesmal klappt es. Weil wir die richtige Mentalität haben." 362 Spiele hatte er bislang in der Bundesliga gemacht, einen Titel noch nie gewonnen, "mit 35 ist das für mich etwas ganz Besonderes".

Und nun noch WM.

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Wer verstehen will, wie besonders diese Wochen für ihn sein müssen, muss ein paar Jahre zurückgehen. In seiner Jugend war Butt im Tor des TSV Großenkneten, einem Ort, der sonst nur als Heimat der Neue-Deutsche-Welle-Band Trio Bekanntheit erlangte. 1991 wechselte er zum VfB Oldenburg, in die Stadt, in der er geboren ist. In der Regionalliga Nord sammelte er Erfahrungen. Sechs Jahre blieb er dort, der Club schaffte zwischenzeitlich den Aufstieg in die Zweite Liga. 1997 dann der Karrieresprung: Transfer zum Hamburger SV in die Bundesliga, Butt verdrängt Richard Golz. Er wird durch eine Fähigkeit bekannt, die man sonst eher von Torwarten aus Südamerika kennt - er schoss Tore. In der Saison 1999/2000 verwandelte er neun Elfmeter und wurde mit Roy Präger und Anthony Yeboah bester Torschütze des Vereins.

2001 zog es ihn nach Leverkusen. Trotz des Debakels 2002 war es seine erfolgreichste Zeit. Er blieb bis zur Saison 2006/2007 - dann wurde er gegen Eintracht Frankfurt in der 28. Spielminute des Feldes verwiesen und für zwei Spiele gesperrt. Er verlor seinen Stammplatz. Der Mann, der ihn damals beerbte, hieß René Adler - Ironie der Geschichte. Butt flüchtete zum damaligen Champions-League-Qualifikanten Benfica Lissabon.

Dort erlebte er die bitterste Zeit seiner Karriere. Innerhalb einer Saison stand er lediglich einmal auf dem Feld. Trainer José Antonio Camacho bevorzugte den portugiesischen Nationaltorwart Quim.

Nach nur einem Jahr löste er seinen Vertrag auf. Butt nahm sich die Probleme zu Herzen. Er ist selbstkritisch. Einer, der "die Schuld, wenn etwas schiefläuft, immer zuerst bei sich sucht", sagt Klaus Augenthaler, sein Ex-Trainer in Leverkusen. Butt drohte das Schicksal, bei einem international drittklassigen Verein seine letzten aktiven Tage zu verbringen. In Deutschland war er aus dem Blickfeld geraten.

Wäre da nicht Uli Hoeneß gewesen.

Nach dem Karriereende von Oliver Kahn suchte er einen loyalen Mann, der den Karrierestart von Michael Rensing im Tor absichern sollte - ohne große Ansprüche zu stellen. Hoeneß befragte Augenthaler. Der sagte: "Jörg ist ein ruhiger Zeitgenosse, der macht keinen Ärger und bringt zuverlässig Leistung." Der Coup überraschte die Liga.

Ruhig und zuverlässig verrichtete er fortan seinen Job

Was noch mehr überraschte: Butt kam im Saisonfinale tatsächlich zum Einsatz. Der damalige Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann opferte Rensing nach dem schwachen Abschneiden in der Liga. Butt kam im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Barcelona ins Tor. Und dort blieb er dann (trotz einer derben 0:4-Niederlage) für den Rest der Saison.

Ruhig und zuverlässig verrichtete Butt fortan seinen Job. "Wenn ein Torwart zur Nummer eins gemacht wird, muss er dieses Vertrauen auch immer wieder rechtfertigen", sagt er.

Bayerns neuer Trainer Louis van Gaal rief vor der aktuellen Saison den Zweikampf erneut aus. Erneut setzte sich der Oldie durch.

Und jetzt triumphiert er auch noch im Rennen um den dritten Tor-Platz bei der WM. Eine persönliche Genugtuung.

Es wird nicht Butts erste Weltmeisterschaft sein. Schon 2002 war er in Asien dabei, als enttäuschter Torwart aus Leverkusen. Er kam auf keine einzige Minute Einsatz.

Ob sich das nun in Südafrika ändert, steht dahin. Aber diesmal wird er zufriedener denn je seinen Platz auf der Bank ausfüllen.