WM-Wahlkampf Stoiber im Strafraum
Der 19. Tag seit Beginn unserer Aufzeichnungen - es geht richtig los. Millionenfach gedruckte Fotos belegen, wie der Kandidat höchstselbst am vergangenen Samstag um kurz vor halb elf vor die Tür seines Privathauses in Wolfratshausen tritt. Seine Arme sind ausgebreitet, der Kopf zum Lächeln leicht geneigt. Dann verkündet Edmund Stoiber, dass er "ganz begeistert von der Mannschaft" sei, der er "nun alles" zutraue.
Ein kleiner, scheinbar belangloser Vorgang. Doch auf den zweiten Blick lässt die Szene einige interessante Fragen offen. Zum Beispiel: Wer hat gewusst, dass Edmund Stoiber um 10.29 Uhr sein Haus verlässt, um in seinem Vorgarten eine Erklärung zu einem Fußballspiel abzugeben? Ich meine, normal ist das nicht. Oder treten Sie nach einem Länderspiel vor die Tür, um zu verkünden: "Ich bin wieder mal enttäuscht von unserer Elf"?
Man muss sich das Geschehen hinter den Kulissen vorstellen, um den tieferen Sinn dieses Ereignisses zu begreifen: Also, Stoiber sitzt, am vergangenen Samstagmorgen um 8.30 Uhr vor dem Fernseher. Er ist nicht rasiert, unausgeschlafen und muffelig, weil die letzten Umfragewerte wieder eher negativ sind. Vielleicht hat er auch Ärger mit Gattin Karin, weil die Kiste schon wieder so früh an ist. Wie auch immer, Deutschland gewinnt nach mühevollstem, schlappen Spiel mit 1:0 gegen Paraguay. Natürlich ist Stoiber, dem man nicht unterstellen kann, vom Fußball weniger Ahnung zu haben, als, sagen wir mal, Johannes B. Kerner, vom Grottenkick noch mehr genervt.
"Ich bin begeistert von dieser Mannschaft"
Aber Edmund Stoiber ist Kanzlerkandidat, und das bedeutet, dass er jetzt aus dem Jammerspiel ein Heldenstück machen muss, schon allein deshalb, weil irgendwelche PR-Strategen ihm geflüstert haben, dass öffentliche Begeisterung über neue deutsche Helden eventuell 0,8 Prozentpunkte plus bei den mittleren Angestellten zwischen 35 und 49 bringt.
Also rasiert sich Stoiber, zieht ein schönes blaues Freizeithemd an, das gepflegtes deutsches Familienwochenende symbolisiert, telefoniert noch kurz mit seinem Beraterstab, tritt in einer generösen Geste vor die versammelte bundesdeutsche Presse, die auf der Straße auf ein Wort des Kandidaten lauert, und sagt: "Ich bin begeistert von dieser Mannschaft."
Das ist eine dieser Episoden aus dem Leben im 21. Jahrhundert, aus der ein Thomas Bernhard ein herrliches Theaterwerk gemacht hätte. Aber Bernhard ist tot, und so bleibt der Vorgang in Wolfratshausen allein der Auftakt zu jenen Tagen, die uns in nächster Zeit erwarten: die "Ich-liebe-die-Nationalmannschaft"- Bekenntnisse-Tage.
Denn, machen wir uns nichts vor, lieber Kolumnen-Kollege Unfried in Santa Cruz: Die Amis hauen wir weg. Uneingeschränkte Solidarität hin, Tora Bora her. Mag sein, dass das okay ist. Aber spätestens dieser Halbfinal-Einzug, mit seinem Medien-Ballyhoo drumherum, wird vor allem jene anziehen, die bislang zum Glück noch nichts zu Rudis Team 2002 gesagt haben, sei es aus Ignoranz oder aus Feigheit. Schließlich ist Wahljahr.
Ach, wir sehen sie schon vor uns, wie sie in den Strafraum drängen: Fraktionsvorsitzende, die sich in Fußballkneipen fotografieren lassen. Außenminister, die am berüchtigten Rande von Konferenzen ostentativ mit ihrem englischen Kollegen über Beckham und Ballack plaudern. Innenminister mit eingewanderten brasilianischen Tänzerinnen aus Kreuzberg. Kompetenzteam-Mitglieder in Oliver-Kahn-Trikots. Kanzlergattinnen bei Spendenaktionen für afghanische Fußballinternate.
Richtiges Näschen im komplizierten Marketingpoker
Apropos Kanzler: Nicht, dass das alles beim ehemaligen Mittelstürmer des TuS Talle, Gerhard "Acker" Schröder, anders wäre. Auch der Herausgeforderte lässt keine Chance mehr aus, sich als Fußballfreund zu präsentieren. Anders als Stoiber nutzt Schröder allerdings dafür mehr öffentliche Veranstaltungen, bei denen er dann, meist als Zuschauer in der ersten Reihe, seine Fäuste begeistert recken kann. Strafmildernd ist, dass ihn sein Amt schon vor WM-Beginn dazu zwang, Zeugnis für Rudi ablegen zu müssen.
Nun aber geht es beim Kanzlerduell auch darum, wer in diesem komplizierten Marketingpoker das richtige Näschen beweist: Wer von den beiden fliegt zuerst nach Japan? (Auf wessen Kosten eigentlich)? Wer verbündet sich so geschickt mit unseren Jungs, dass er im (unwahrscheinlichen) Falle einer Nicht-Weltmeisterschaft nicht ebenfalls popularitätsmäßig mit abschmiert? Vor allem aber: Wer, Herr PR-Chef Michael Spreng, rückt bei der Fifa für Stoiber ein Finalehrentribünenticket raus? Der innenpolitischen Ausgewogenheit in Deutschland wegen.