Hasan Salihamidzic: Das "Bürschchen"
Wolfsburg-Profi Salihamidzic "Brazzo" brennt noch
Er attackierte nacheinander Martin Lanig, Pedro Geromel und Mato Jajalo. Erst nachdem Hasan Salihamidzic Kölns Mittelfeldspieler Jajalo zu einem Ballverlust nötigte, unterbrach er seine Treibjagd für wenige Sekunden. In der kurzen Verschnaufpause ballte der nimmermüde Flankenläufer des VfL Wolfsburg eine Faust und jubelte seinen Mitspielern zu.
Es könnte aber auch als Drohgebärde für die gesamte Liga zu verstehen gewesen sein. Denn "Brazzo", der 34-Jährige, wirkt derzeit nicht müde, nicht satt. Vielmehr merkte man ihm beim 3:0-Erfolg des VfL beim Ligaauftakt gegen den 1. FC Köln die vier Jahre Bundesliga-Auszeit gar nicht an. Als nächstes soll diese Agilität sein Ex-Club FC Bayern München am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu spüren bekommen.
Der ausgezeichnete körperliche Zustand des Allrounders, der in seiner Karriere vom Stürmer bis zum Innenverteidiger alles gespielt hat, ist nicht wirklich verwunderlich. Zum einen hat er sich in den vergangenen vier Jahren bei seinem Italien-Gastspiel auf der Ersatzbank von Juventus Turin ausruhen dürfen, zum anderen hat er nun mit Felix Magath einen Trainer, dessen größte Passion es ist, menschlichen Körpern zu zeigen, dass das Wort Grenzen ein rein fiktiver Begriff ist.
Aber dass "Brazzo", das Bürschchen, immer noch das Feuer, den Eifer, den Ehrgeiz verspürt, Bundesliga-Spieler zu treten, abzugrätschen und vielleicht manch eine andere Gemeinheit anzutun, ist schon verwunderlich. Drei Kinder hat der Bosnier bereits, er hat mit 34 Jahren ein Alter erreicht, in dem viele Spieler schon seit zwei, drei Jahren an einer zweiten Karriere basteln. Salihamidzic hatte zudem zwei Kreuzbandrisse, vor wenigen Wochen brach er sich den Arm.
Doch dem Energiebündel, dem Stefan Effenberg mal andichtete, er würde "mit dem Finger in der Steckdose schlafen", scheint das alles nichts auszumachen. Wie ein Derwisch pflügte er am Samstag über das Feld, führte bereits im ersten Saisonspiel die zweitmeisten Zweikämpfe seines Teams. Und das, obwohl er schon nach 75 Minuten ausgewechselt wurde. "Er brennt immer noch und ist ein Vorbild an Einsatz", sagt Magath, der Salihamidzic gegen Köln im linken Mittelfeld aufbot. Der Bosnier ist allerdings auch eine Alternative auf den beiden Außenverteidigerpositionen, im defensiven Mittelfeld und auf der rechten Mittelfeldseite. "Mit ihm wird unser Spiel flexibler und variantenreicher", sagt Magath.
Magath berief den Bosnier zum Schafkopf-Trainer
Deshalb verwunderte es nur wenige, dass der Wolfsburger Trainer seinen Musterschüler, den er in der Jugend des Hamburger SV entdeckte und anschließend mit ihm bei den Profis des HSV und des FC Bayern zusammenarbeitete, vor wenigen Wochen nach Wolfsburg holte. "Für mich ist das hier ein großartiges Projekt. Ich hätte auch in die Emirate gehen können, aber ich wollte wieder richtig Fußball spielen", sagt Salihamidzic.
Und dem VfL scheint der ehemalige Champions-League-Sieger ebenfalls gut zu tun. Er kommt in eine Mannschaft, in der zwar viele athletisch starke Spieler stehen, aber kaum einer davon je als mündiger Profi in Erscheinung getreten ist. "Klar will ich Verantwortung übernehmen. Aber das geht nur mit Leistung", sagt der Bosnier in einem Satz und erzählt Sekunden später, dass "Felix Magath mich beauftragte, ein Kartenspiel für eine Schafkopf-Runde zu besorgen. Bislang können aber nur Marcel Schäfer und unser Co-Trainer Bernd Hollerbach spielen. Und Felix Magath selbst. Dem Rest muss ich das beibringen."
Der Bosnier scheint neben dem Spielfeld genauso flexibel zu sein, wie auf dem Rasen. Salihamidzic soll den Wolfsburgern seine Erfahrungen weitergeben, sie motivieren und Reibungspunkte setzen. Aber gleichzeitig auch für Harmonie, Witz und Lockerheit sorgen. Und das immer im Magathschen Sinne.
Die aggressive gute Seele
Wie problematisch diese Krux ist, zeigt das Beispiel Diego: Salihamidzic spielte mit dem Edeltechniker, der von Magath ausgemustert wurde und nur noch am Training aber nicht mehr an den Spielen teilnehmen darf, schon gemeinsam bei Juventus. "Ich verstehe mich super mit Diego. Er gibt in jedem Training Gas und ist ein echter Profi. Eigentlich ist er ein guter Junge, der aber einen großen Fehler gemacht hat. Dafür muss er jetzt geradestehen. Die Situation hier ist für ihn und uns aber schon etwas komisch", sagt Salihamidzic SPIEGEL ONLINE.
Der Bosnier macht viele Trainingsübungen gemeinsam mit dem Brasilianer, versucht ihm den Zustand des Geduldeten zu erleichtern. Auf der anderen Seite darf er das Mannschaftsgefüge damit nicht durcheinander bringen, die Autorität des Trainers nicht untergraben. Ein schwieriger Spagat, dessen sensible Bewältigung allerdings doch deutlich macht, dass das "Bürschchen" reifer geworden ist.
Salihamidzic war früher ein "aggressive leader", heute wirkt er mehr wie eine "aggressive gute Seele", die es versteht, neben dem eigenen Spiel auch die Aufgaben außerhalb des Spielfelds verantwortungsbewusst wahrzunehmen. Gegen Köln ist ihm das schon gut gelungen, nun folgt die nächste Herausforderung gegen den FC Bayern. "Natürlich reden wir schon die ganze Woche über das Bayern-Spiel. Das ist für uns alle ein besonderes Spiel, aber für mich natürlich ganz besonders", sagt Salihamidzic, der nach wie vor viele Freunde und ein Haus in München hat, und dessen drei Töchter dort zur Schule gehen.
Neun Jahre spielte er für den Club, "den ich immer noch in meinem Herzen trage." Am Samstag wird er diese Liebesbekundung aber wohl wieder vergessen haben. Dann wird er erneut Jagd auf Spieler wie Toni Kroos, David Alaba oder Bastian Schweinsteiger machen. Er wird grätschen und treten. Und anschließend wird er wieder mit breiten Grinsen sagen: "Die Bundesliga ist geil." Fragt sich nur, ob seine Gegenspieler das dann auch noch so sehen.