Wolfsburg-Trainer McClaren: König der Provinz - DER SPIEGEL
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Wolfsburgs Trainer: McClaren gibt den Ton an

Foto: CARL DE SOUZA/ AFP

Wolfsburg-Trainer McClaren König der Provinz

Wolfsburgs Trainer Steve McClaren ist der erste englische Coach in der Bundesliga - und hat die ersten drei Saisonspiele verloren. Jetzt holperte sein Team gegen Hannover 96 zum Sieg - das verschafft ihm etwas Luft.
Von Peter Unfried
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit seinem neuen Trainer Steve McClaren hat der VfL Wolfsburg den schlechtesten Saisonstart seit 1956 erlebt. Da es den Club nicht sehr viel länger gibt, könnte man annehmen, es handele es sich um einen so beeindruckenden wie besorgniserregenden Superlativ.

Oder vielleicht doch eher um einen komplett bedeutungsfreien, weil weder die Zeiten zu vergleichen sind, noch die ausgewertete Stichprobe (drei Spieltage, drei Niederlagen) groß genug ist, um Aufschlüsse liefern zu können?

Letzteres ist vermutlich zu rational gedacht und geht auch völlig an der Funktion des Fußballs als Aufregungsindustrie vorbei.

Jedenfalls war McClaren am Samstagabend erkennbar erleichtert, als mit dem 2:0 über Hannover 96 die ersten drei Saisonpunkte verbucht waren. Diego (55.) und Dzeko (67.) trafen nach der Pause in der ausverkauften Wolfsburger Arena.

"Drei Big Points" seien das, sagte McClaren. Er pries seine Spieler, ihren Auftritt und ihre Einstellung in den höchsten Tönen. Überhaupt scheint es sich um ein hervorragendes Spiel gehandelt zu haben, wenn man den Trainern Glauben schenken darf; auch Hannovers Mirko Slomka war sichtlich bemüht, die Deutungshoheit in diese Richtung zu lenken. Legitim: Indem er die Leistung der Wölfe hoch ansiedelt, wertet er auch das eigene Team auf.

Hannover war Wolfsburgs bislang schwächster Gegner

Man kann das Spiel indes auch anders deuten: Demnach war es hier wie dort äußerst durchschnittlich - und die überraschend gut gestarteten Hannoveraner bisher die mit Abstand schwächsten Gegner des VfL. Ein Team, das mit 53 Prozent Ballbesitz nichts anzufangen wußte, kein Konterspiel aufbaute und das VfL-Kernproblem Defensive charmant ignorierte (ein Schuß aufs Tor in 90 Minuten).

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McClaren, 49, ist der erste englische Trainer in der Bundesliga. Man muss also davon ausgehen, dass er auch der erste englische Trainer ist, der entlassen wird. Eines Tages. Doch die Aufregung war bereits diese Woche so groß, dass er Gesprächsanfragen abblockte.

Einerseits werden Trainer heutzutage schon vor dem ersten Spieltag in Frage gestellt (man frage bei Hannovers Slomka nach). Andererseits muss man doch davon ausgehen, dass sich VfL-Geschäftsführer Dieter Hoeneß etwas gedacht hat, als er erstens McClaren holte und zweitens die 40 Millionen Euro teure Überarbeitung des Kaders maßgeblich vorantrieb.

Der Mann aus Yorkshire soll den Meister von 2009 in die Bundesligaspitze und in den Europapokal zurückführen. Das ist der Auftrag. Er will das grundsätzlich gern mit einem 4-2-3-1-System bewerkstelligen, ist aber gegen Hannover zum vorher beim VfL üblichen 4-4-2 mit Raute zurückgekehrt. Warum? "Nach drei Niederlagen mußten wir etwas tun", sagte er lapidar. Es ist verzwickt: Hält er unbeirrt an seinem System fest, wirft man ihm mangelnde Flexibilität vor. Wechselt er und es klappt nicht, nennt man ihn prinzipien- und orientierungslos.

Grafite tut sich schwer, Diego zu verspielt

Der ehemalige Torschützenkönig Grafite durfte jedenfalls erstmals vorn neben dem amtierenden Torschützenkönig Dzeko ran. Es wäre respektlos zu sagen, dass Grafites große Zeit vorbei ist. Aber er tut sich sehr schwer, wenn er nicht viel Platz hat oder den Abschluss eines Spielzuges bekommt, sondern eine Kombination fortsetzen muss. Zugang Diego machte zwar das schöne und spielentscheidende 1:0, ist bei aller individuellen Klasse noch nicht richtig im Spiel - und etwas sehr mätzchenorientiert. Zudem musste der Brasilianer mit einer Rippenprellung ausgewechselt werden und ist für das Spiel gegen den Hamburger SV am Mittwoch (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) fraglich.

Es gibt weitere Spieler, die ihre alten oder neuen Positionen längst nicht optimal oder auch nur zufriedenstellend ausfüllen. Es hapert in der Spieleröffnung. McClaren hatte zwar ein Extralob für seine Innenverteidigung Barzagli und Kjaer - aber das zeigt nur, dass sie es nötig haben. Am Mittwoch gegen den HSV wird man sehen, was das Lob wert ist. Aber mindestens zehn Spiele sollte man bei aller Lust an der Aufregung doch abwarten, bevor man grundsätzlicher wird.

Trainer McClaren - kein Mann fürs Rampenlicht

Bis dahin kann man die Frage der Qualität McClarens hauptsächlich über seine Vergangenheit beantworten. Nach seinen Lehrjahren als Assistent von Alex Ferguson bei Manchester United trainierte er fünf Jahre mit Erfolg den Fahrstuhlclub FC Middlesbrough. Der Verein hatte hatte unter McClaren seine erfolgreichste Phase überhaupt. Allerdings hatte McClaren auch relativ viel Geld zur Verfügung.

Als Nationaltrainer Englands ist er schnell gescheitert. Man könnte sagen: Wer ist das nicht? Andererseits hat er mit einer überdurchschnittlichen Spielergeneration eine deutlich schlechtere Bilanz als Vorgänger und Nachfolger. In zwei Jahren als Trainer von Twente Enschede wurde er Vizemeister und (erstmals in der Clubgeschichte) Meister, das heißt, er holte überdurchschnittlich viel aus dem Team heraus, das allerdings auch schon mit Vorgänger Fred Rutten die Champions League-Qualifikation erreicht hatte.

Wenn man sieben Jahre als Zeitraum nimmt, der lang genug ist, um Zufälle zu relativieren, müsste McClaren also ein guter Clubtrainer sein. Experten des englischen Fußballs sagen, er sei aber kein guter Trainerdarsteller. Was ihn auf der großen Bühne eines Nationaltrainers binnen eines Jahres zu jenem "Trottel mit dem Regenschirm" machte, als der er auf der Insel seit seiner Entlassung Ende 2007 gilt.

Was, wenn er nun in der Provinz gute Arbeit abliefert, aber im Rampenlicht des Topfußballs nicht funktioniert, wo es auf Schein genauso ankommt wie auf Sein? Dann müsste man eigentlich nur noch wissen, was Wolfsburg ist. Ist es Provinz, gewinnt McClaren Titel. Ist es große Fußballwelt, steht er irgendwann wieder im Regen.